Düsseldorfer Architekt Paul Schneider-Esleben entwarf Bungalow in Haan

Serie : Ein kalifornischer Bungalow in der Provinz

Der Düsseldorfer Architekt Paul Schneider-Esleben entwarf in Gruiten einen der ersten Bungalows in Deutschland. Das Wohnhaus für die kunstfreudige Familie Riedel sollte kalifornische Lässigkeit ausstrahlen. In einer losen Serie erzählen wir die Geschichte des Hauses, seiner Bewohner und seines Erbauers.

Ein Wohnhaus mit einem flachen Dach zu bauen, war im Jahr 1952 in Deutschland sowohl etwas schwer Umsetzbares, als auch eine Handlung voller Symbolcharakter. Mit einem Flachdach traf man zu Beginn der 1950er Jahre in der gerade erst gegründeten Bundesrepublik eine deutliche Aussage. Man zeigte damit, dass man, so kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, an einen Neuanfang glaubte, an eine bessere Zukunft, an Funktionalität und Fortschritt. Kurz: ein Flachdach war das optimistische Bekenntnis zu den Idealen der Moderne und eine Abkehr von allem, wofür das Dritte Reich gestanden hatte.

Erich Riedel, ein junger Ingenieur und technischer Direktor einer Stahlbaufirma, ließ  sich damals von dem Düsseldorfer Architekten Paul Schneider-Esleben für seine Familie und sich einen Bungalow entwerfen, von dem man annimmt, dass es das erste Wohnhaus mit einem flachen Dach ist, das in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut wurde. Zumindest handelt es sich bei Riedels Bungalow um ein sehr frühes Exemplar. Umgesetzt wurde der Entwurf in Gruiten, einem kleinen Ort in der ländlichen Gegend zwischen Düsseldorf und Wuppertal.

Insgesamt ist die Geschichte des Hauses und der Familie, für die es gebaut wurde, genau so exemplarisch für die Kulturgeschichte der Nachkriegszeit in Deutschland, wie das Haus selbst in vielen Punkten dem Inbegriff eines typischen deutschen Nachkriegs-Bungalows nach kalifornischem Vorbild entspricht.

Wenn Dagmar Riedel heute von ihren Eltern erzählt und berichtet, wie sie zusammen mit ihren beiden Geschwistern Birgit und Erik in Gruiten aufgewachsen ist, dann breitet sich vor dem Zuhörer die gesamte Chronik des Hauses wie ein elegant komponiertes Filmpanorama des deutschen Film- und Bühnenregisseurs Douglas Sirk aus. Opulent ausgestattete Bilder entstehen unwillkürlich vor dem geistigen Auge, Bilder von Kindern, die ausgelassen um den Pool herumtollen, Bilder von glücklichen Menschen, die in raschelnden Kleidern abends auf der Terrasse Wein trinken, während das Hausinnere warm leuchtet, Bilder einer Familie, die in den Sommerferien mit dem Cabrio ins Tessin fährt. Fotos aus Modezeitschriften vermischen sich in der Fantasie mit Filmszenen der 50er- und 60er Jahre und man hat beinahe selbst das Gefühl, im Sommer barfuß über die warmen Steine der Terrasse zu laufen und dann im Wohnzimmer die kühleren Bodenplatten unter seinen Füßen zu spüren.

Auch die Stadt Haan hat die architekturgeschichtliche Bedeutung des Gebäudes erkannt und es im Februar dieses Jahres samt Garten unter Denkmalschutz gestellt. Allerdings nicht die Garagen und das Bürogebäude, das seit den 1960er Jahren dazugehört.

Riedels lernen Paul Schneider-Esleben in Düsseldorf kennen

Das Herzstück des Bungalows: das große Wohnzimmer mit Kamin und steinernem Boden. Durch die breite Glasfront gelangt man nicht nur in den Garten, sondern kann sich die Natur auch „ins Haus holen“. Foto: Julia Zinnbauer

Dass der aufstrebende junge Architekt Paul Schneider-Esleben mit seinen zukunftsweisenden Ideen in dem Ehepaar Erich und Irmgard Riedel so kunstaffine wie weltgewandte Auftraggeber fand, ist ein Glücksfall für die Architekturgeschichte. Anfang der 1950er Jahre war Schneider-Esleben gerade erst mit seinem Entwurf der Hanielgarage bekannt geworden, einem filigranen, vollverglasten Parkhaus in Düsseldorf, an dessen Vorder- und Rückseite jeweils eine elegante Rampe aufgehängt war. Mit seinem angeschlossenen Motel nach amerikanischem Vorbild und seiner Lage an der Verkehrsachse der Grafenberger Allee nahm es die Ideen der autogerechte Stadt bereits vorweg. Schneider-Esleben sah sich sein Leben lang dem Fliegen, Autofahren, Segeln und der Geschwindigkeit an sich verpflichtet und es ist bezeichnend, dass sich in den frühen Entwurfszeichnungen des Parkhauses ein Hubschrauberlandeplatz auf dessen Dach befand. Später sollte der Architekt den Spitznamen „Schneider-Jetleben“ erhalten.

Riedel und Schneider-Esleben verband einiges miteinander. Beide waren technik-begeisterte junge Ingenieure, die sich für Autos und die Vereinigten Staaten interessierten und noch ziemlich am Anfang ihrer Karriere standen. Nach dem Krieg und nach der Beendigung seines Maschinenbaustudiums im Ruhrgebiet hatte Erich Riedel eine Stelle bei der Stahlbaufirma Hein Lehmann angenommen und war zusammen mit seiner Frau Irmgard nach Düsseldorf gezogen. Die Stadt war damals schon auf dem Weg zur weltweit anerkannten Kulturmetropole, die zerbombte Kunstakademie wurde gerade wieder aufgebaut und bald schon sollte Düsseldorf zum Einfallstor für amerikanische Kunsttendenzen wie der Minimal Art werden.

Von der Fotografin Liselotte Strelow existieren Aufnahmen des Ehepaars, auf denen Irmgard Riedel sehr der Schauspielerin Grace Kelly ähnelt, Erich dagegen wirkt mit seinem kühnen, diagonal durchs Bild in die Zukunft und Ferne gerichteten Blick wie das Inbild des modernen Ingenieurs der Nachkriegszeit. Genau so sehen cool-glamouröse Menschen aus, die in Bungalows wohnen, zumindest in Hollywoodfilmen. Riedels, die sich damals gerne in den Düsseldorfer Künstlerkreisen aufhielten, hatten die Fotografin dort kennengelernt. Wie Erich Riedel stammte Liselotte Strelow ursprünglich aus Pommern. Bei einem Bombenangriff auf Berlin war im Winter 1944 ihr Fotostudio am Berliner Kurfürstendamm zerstört worden und so hatte sie in Düsseldorf einen Neuanfang gemacht, mit einem Atelier auf der Königsallee.

Auf Prominentenfotos spezialisiert, inszenierte sie ihre Kunden perfekt, frisierte sie und leuchtete sie akkurat aus, bis alle Oberflächen im Bild schimmerten und glänzten. Vermutlich hat sich Irmgard Riedel nach dem Shooting lachend die Haarnadeln aus ihrer straff am Hinterkopf festgesteckten Frisur gezogen und ist schnell wieder in ihre Jeans geschlüpft, so, wie ihre Tochter Dagmar sie heute beschreibt. Denn Riedels waren zwar elegant und kunstaffin und interessierten sich für Theater und Musik, wichtig war den beiden vor allem aber auch ein enger Bezug zur Natur und eine gewisse Bodenständigkeit. Damit entsprach ihr Lebensstil allem, wofür die kalifornische Architekturmoderne in ihrer Coolness und Lässigkeit stand. Denn der direkte Kontakt zur Landschaft und zu den Jahreszeiten ist die eigentliche Basis der kalifornischen Bungalow-Idee, die tief in der amerikanischen Kultur verwurzelt ist. Der elegante Glamour, der den Bungalow so sehr zur perfekten Filmkulisse macht, entsteht ja erst aus der verwegenen Mischung von klaren Formen in perfekten Proportionen, von sinnlichen Oberflächen, Minimalismus und Materialgerechtigkeit und der Natur selbst, die das Haus umschließt und sich ihren Weg durch jede Fuge sucht.

Über Liselotte Strelow lernten Riedels schließlich Paul Schneider-Esleben kennen sowie dessen Bruder Egon, der ebenfalls Architekt war. Erich Riedel war damals als technischer Direktor der Hein Lehman AG tätig. Als die Firma an der Hannovermesse teilnahm, beauftragte er Paul Schneider-Esleben zunächst einmal mit dem Entwurf eines Ausstellungspavillons. Dann nahm er einen Zirkel und eine Landkarte, schlug einen Kreis von umgerechnet zwölf Kilometern um Düsseldorf und suchte ein Grundstück. Fündig wurde er in Gruiten, einem kleinen Ort an der Grenze zum Bergischen Land.

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