Literatur : Ein Spaziergang auf Melaten

Während der Corona-Zeit mit ihren Lockdowns hatte die frühere Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner viel Zeit, um bei ihren ausgedehnten Spaziergängen den berühmten Kölner Friedhof Melaten zu erkunden.

Dabei ist die Architektin und Kunsthistorikerin auf viele Kleinode gestoßen, die gerne einmal übersehen werden. In ihrem neuen Buch stellt Schock-Werner 170 besonders eindrucksvolle Gräber auf dem größten Friedhof der Stadt ihren Lesern vor.

Der Reigen der vorgestellten Personen umfasst bemerkenswerte Frauen wie Frieda Fischer oder Hannah Adenauer, wichtige Karnevalisten – von Ferdinand Leisten über Charly Niedieck bis zu den Roten Funken – aber auch bedeutende Unternehmer, Wohltäter und Stifter. Prominente Menschen aus Kunst und Kultur wie Willy Millowitsch oder Dirk Bach fehlen ebenso wenig wie einstige Kölner Bürgermeister und andere Politiker. Dazu kommen bekannte Kölner Familien wie die Bankiersdynastie Herstatt.

Die Geheimnisse der Gräber
auf Melaten werden erkundet

Der besondere Reiz dieses ganz persönlichen Melaten-Führers besteht darin, dass Schock-Werner auch völlig unbekannte Personen in den Mittelpunkt rückt, deren Geschichte sie anhand der Informationen auf den Grabsteinen rekonstruierte. Das gilt zum Beispiel für Franz Göller, auf dessen Begräbnisstätte sich ein hoher Sockel mit einem kannelierten Säulenstumpf befindet, auf dem ein kräftiger Eichenkranz liegt – viel Ehre für einen einfachen Lehrer.

Schock-Werner hat sich die Kriegerdenkmale ganz genau angesehen und weist auf viele eindrucksvolle Gräber hin, in denen sich Traditionen anderer Länder widerspiegeln. Neben den Namen verweisen wie beim Grab der aus Nigeria stammenden Familie Ajaegbo auch Symbole oder die Gestaltung auf die anderen Kulturen.

Nicht zuletzt stellt die ehemalige Dombaumeisterin wichtige Personen vor, die mit „ihrer“ Kölner Kathedrale in Verbindung stehen. So verrät sie, warum das Grab des Musikers Gerhard Jussenhoven von einem Firstkamm des Doms geschmückt wird. Geradezu fantastisch ist die Geschichte, wie die einfache Angestellte Klara Kreuser den Dombau unterstützte: Als Übergabeort für ihre Spende wählte sie eine Kölner Straßenbahn. Dort zog sie mehrere Goldbarren aus einer Plastiktüte. Auch das Domkapitel hat sein eigenes Grabmal auf Melaten.

Die Autorin verrät in ihrem Buch, dass sie selbst schon ein Grab auf Kölns legendären Friedhof besitzt. Ihre intensive Beziehung zu Melaten begann vor zwei Jahrzehnten, als Freunde von ihr ein Grab für eine Patenschaft gesucht hatten. Bei diesem Besuch entdeckte die frühere Dombaumeisterin ein von Efeu überwuchertes, neu-gotisches Grabmal, das ihr auf Anhieb gefiel und für das sie später die Patenschaft übernommen hat.

Bei ihren Rundgängen fällt der Blick nicht nur auf das Grab als Ganzes. Schock-Werner erkundet auch die Namen und Inschriften auf den Grabstellen. „Ganze Leben können sich auf den Oberflächen von Stein widerspiegeln: Eine Professorin, die 1902 geboren war. Das entsetzliche Leid, das aus dem Nachruf eines Mannes für seine verstorbene Gattin spricht. Frauen, die nur unter dem Namen ihrer Ehemänner begraben wurden, und eine Frau, die trotz zweier Ehemänner ihren Geburtsnamen behielt.“

In ihrem Buch blickt sie zudem auf die Geschichte von Melaten. Der Name selbst stammt vom französischen „malade“ - sich krank oder unwohl fühlen. So erkennt man, dass der Friedhof, der heute den Namen Melaten trägt, ursprünglich ein Bereich für Kranke war. Ein kleines Denkmal am Eingang an der Aachener Straße erinnert an die Geschichte der früheren Leprosenanstalt, bei der Leprakranke von der restlichen Gesellschaft streng abgeschottet ihr Leben fristen mussten.

Zum Friedhof wurde das große Gelände an der einstigen Römerstraße in der Franzosenzeit. 1810 kam es zur Einweihung durch den Dompfarrer Joseph DuMont. Zunächst durften dort nur katholische Kölner begraben werden. Protestanten wurde ab 1829 zugelassen, jüdische Bürger ab 1892. Heute grenzt an Melaten der einst selbstständige jüdische Friedhof Ehrenfeld, der 1899 angelegt wurde. Er ist nicht öffentlich zugänglich.

Im Laufe der Geschichte gab es auf Melaten immer wieder Erweiterungen. Die Mittelachse, die von den Kölnern „Millionenallee“ genannt wird, wurde zu einem besonders begehrten und auch besonders teuren Begräbnisort. Seit 1980 steht Melaten unter Denkmalschutz. In Jahr später wurde von der damaligen Stadtkonservatorin Hiltrud Kier das System der Patenschaften eingeführt.

Schock-Werner hat bei ihren Spaziergängen auch den Blick auf den Zeitgeist geworfen, der die Gestaltung der Gräber beeinflusst hat. So trat in der Wende zum 20. Jahrhundert vermehrt das Motiv der trauernden, jungen und schönen Frau auf. Trauernde junge Männer sucht man allerdings vergeblich.

Oft verraten Gräber den Beruf des Bestatteten, wie beim Rheinschiffer Johann Hölzken oder beim Karussellbesitzer Friedrich Delcour. Bei Musikern finden sich oft Noten auf den Gräbern, manchmal wie bei Gottfried Engels auch eine Schallplatte. Ein Schritt weiter ist das Grab der Karnevalssängerin Marie-Luise Nikuta, wo per QR-Code eins ihrer Lieder direkt digital mit dem Smartphone abgerufen werden kann.

Ihre Spaziergänge hat Barbara Schock-Werner in acht Sektionen eingeteilt. Im Umschlag des Buches findet sich der dazugehörige Lageplan. Jedes der 170 Gräber wird in Text und Bild ausführlich präsentiert. Für die Illustration war die Folkwang-Fotografin Nina Gschlößl auf dem Friedhof unterwegs.

Barbara Schock-Werner: Mein Melaten, Greven-Verlag, 448 Seiten, 32 Euro