Kultur : Eine große Kunst ganz ohne Worte

Klopapiergesichter vergießen meterweise Tränen vor Liebeskummer, einem Häufchen Knete wird Leben mit menschlichen Konturen eingehaucht – und das alles in vollkommener Stille. Die magische Welt von Mummenschanz begeistert seit 50 Jahren weltweit ihr Publikum.

Für Deutschland entdeckte Entertainer Alfred Biolek in seiner Kultsendung „Bio‘s Bahnhof“ die Schweizer Künstlergruppe. Am 8. und 9. Juli ist Mummenschanz im Rahmen des Kölner Sommerfestivals zu Gast in der Philharmonie. Wir haben mit der künstlerischen Leiterin Floriana Frassetto gesprochen, die zu den Gründungsmitgliedern gehört. Sie berichtet von dem, was das Publikum beim Jubiläumsprogramm „50 Years“ erwartet. 

Wie haben Sie das Jubiläumsprogramm zusammengestellt?

Floriana Frassetto: Es wird drei neue Nummern geben, die während der Zeit zu Hause im Corona-Lockdown entwickelt worden sind. Ansonsten reisen wir durch die vergangenen 50 Jahre. Es war nicht einfach, aus mehr als 100 Nummern knapp 30 für das Jubiläumsprogramm auszuwählen. Aber es ist uns gelungen und das Programm kam bei den bisherigen Auftritten in der Schweiz gut beim Publikum an. 

50 Jahre Mummenschanz – was bedeutet Ihnen dieses große Jubiläum?

Frassetto: Als wir 1972 mit Mummenschanz begonnen haben, dachten wir, dass wir damit maximal ein Jahr unterwegs sein würden. Dass daraus nun 50 Jahre geworden sind, liegt wohl an unserer universellen Sprache ohne Worte und Musik. Diese spricht die Seele an und weckt mit ihrer Poesie Emotionen bei den Menschen, die uns zuschauen. Es ist die Einfachheit dieser Sprache, welche das Publikum mitnimmt und begeistert. So etwas zu haben, ist für uns ein fantastisches Geschenk. 

Was hat sich in den 50 Jahren verändert?

Frassetto: Der Rhythmus ist etwas schneller geworden, als dies früher der Fall war. Das erkenne ich gut, wenn ich mir ein Video der Toilettenpapier-Nummer aus den 70ern anschaue. Aber die eigentliche Sprache ohne Worte funktioniert unverändert. Das Schöne ist, dass wir damit auch junge Leute begeistern können, die Teil unseres Ensembles werden. Jeder der neu dazu kommt, bringt ein Stück seiner Welt mit ein. Trotzdem bleibt alles immer ganz abstrakt und essenziell. Das ist sehr wichtig für die Kunst von Mummenschanz. 

Ist es schwierig, junge Talente für Mummenschanz zu finden?

Frassetto: Es gibt in der Schweiz Theaterschulen, in der wir die passenden jungen Leute finden können. Sie sind sehr offen, wollen aber auch viel, von dem, was sie gelernt haben, direkt bei uns umsetzen. Wichtig ist es da, ihnen zu zeigen, dass weniger oft mehr sein kann. So finden die Generationen zueinander und ich bin sehr glücklich, mit solch talentierten jungen Menschen arbeiten zu können. 

Wie entstehen neue Nummern?

Frassetto: Während des Corona-Lockdowns konnte ich mein Haus in der Schweiz nicht verlassen. Da hatte ich viel Zeit und Ruhe, um an neuen Nummern zu arbeiten. Ich habe dabei auch die Themen der Pandemie aufgegriffen. So haben wir eine „Bla-Bla“-Nummer, bei der es darum geht, dass die Leute viel reden, dass aber nicht wirklich etwas passiert und Dinge deshalb nicht so funktionieren, wie sie sollten. Auch das Thema der Masken habe ich mit rot gefärbtem Schaumgummi, das ich noch zu Hause hatte, aufgegriffen. Es ist ziemlich schwierig, so ein Thema umzusetzen, aber es scheint uns gelungen zu sein. Die neuen Nummern kommen gut beim Publikum an. 

Wie ist die Idee zu Mummenschanz Anfang der 70er Jahre entstanden?

Frassetto: Wir waren drei junge Leute, die die Welt verändern wollten. Wir hatten aber nur sehr wenig Geld zur Verfügung und haben uns so einfache Sachen ausgedacht, die wir mit viel Improvisation auf der Bühne umsetzen konnten. Es hat oft sehr lange gedauert, bis wir das passende Thema gefunden hatten. Und wir hätten nie daran gedacht, dass es Mummenschanz auch nach 50 Jahren noch geben würde und dass wir international damit Erfolg haben würden. 

Gibt es Unterschiede beim internationalen Publikum?

Frassetto: Die Emotionalität ist überall gleich. Die Leute mögen unsere poetische Art und die Freiheit, die wir unserer Poesie geben. Heute wird oft streng mit dem Finger gezeigt, was zu tun und was zu lassen ist. Dabei tut ein bisschen Freiheit doch gar nicht weh. 

Welche Beziehung haben Sie zum deutschen Publikum und zu Köln?

Frassetto: Ich freue mich sehr auf das Publikum beim Kölner Sommerfestival. Ich mag das deutsche Publikum. Es ist sehr romantisch und sentimental. Die US-Amerikaner sind da etwas explosiver, aber die Gefühle, die man uns in Deutschland entgegenbringt, sind sehr tief. Die Leute haben wirklich Spaß, an dem, was wir machen. 

Welche Wünsche haben Sie noch für die Zukunft?

Frassetto: Wir leben aktuell in einer schwierigen Zeit und man weiß nie, was noch alles passieren wird und wie es weitergeht. Aber es gibt Länder wie Tunesien oder Marokko, wo wir noch nie aufgetreten sind. Das würde ich gerne nachholen. Wir waren bereits in Südkorea, mit einem fantastischen Publikum. Ich würde gerne wissen, wie man in Nordkorea auf Mummenschanz reagiert. Ein Geschenk für uns und unser Publikum wäre auch eine große Deutschlandtour, da gibt es so viele Theater, die gut zu uns passen würden.

 

Service: Termine „Mummenschanz“: Freitag, 8. Juli, 20 Uhr; Samstag, 9. Juli, 15 und 20 Uhr; Ort: Philharmonie, Bischofsgartenstraße, Köln; Karten: ab 39,90 Euro unter Tel. 0221/280280; weitere Gastspiele beim Kölner Sommerfestival: 12. bis 17. Juli „Stomp“ und 19. bis 24. Juli „Star Dust – from Bach to Bowie“.

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www.mummenschanz.com