Vorwerk baut in Wuppertal Stellen ab und setzt auf asiatischen Markt

Wuppertal : Thermomix wird in Zukunft auch in China produziert

Vorwerk baut eine Produktionsstätte für den Thermomix in Shanghai auf. In Wuppertal läuft die Endmontage des Gerätes 2019 aus. 200 Vollzeitstellen sind von Kündigungen betroffen.

Größer, schneller – Shanghai! Unter dieser Überschrift lässt die Wuppertaler Vorwerk-Gruppe auf ihrer Internetplattform Yiting Ruan, Managerin Strategy und Project Management, über die Attraktionen Shanghais schwärmen. Ein Artikel, den die Mitarbeiter von Vorwerk im Stammhaus Wuppertal mit gemischten Gefühlen lesen dürften. Denn während im Werk Wuppertal-Laaken die Endmontage des Thermomix voraussichtlich im Dezember 2019 auslaufen wird, soll eine neue Thermomix-Produktion in Shanghai aufgebaut werden. Zudem bleibt Frankreich größter Produktionsstandort der Küchenmaschine. In Wuppertal sollen dann nur noch Motoren und einzelne Komponenten wie Mixmesser hergestellt werden.

Die Aufgabe der Endmontage in Wuppertal ist ein Schritt, der sich bei der Bekanntgabe der Jahresbilanz der Vorwerk & Co. KG leise abzeichnete. Der Markt in China verzeichnete im ersten Quartal des Jahres wachsenden Umsatz, während der große Run auf den Thermomix in Deutschland und Europa beendet scheint.

Der Einschnitt in Wuppertal fällt Vorwerk schwer

Für das Unternehmen ist es dennoch ein harter Schnitt, denn Vorwerk ist als traditionsreiches Familienunternehmen mit seiner Zentrale und der Motoren-Produktion fest in Wuppertal verwurzelt. Der Abbau von 200 Stellen ist mehr als nur ein Kratzer für das Image. So wurde die Meldung über das Ende der Produktion in Wuppertal sogar als Ende des „Thermomix-Hypes“ verkauft. Und in den sozialen Medien melden sich Kunden zu Wort, die dem Thermomix und Vorwerk wegen der Verlagerung der Produktion nach China die Treue aufkündigen wollen.

Die Arbeitnehmer in Wuppertal hoffen hingegen, dass sich der Absatz auf dem chinesischen Markt weiterhin gut entwickelt, denn das würde die Nachfrage nach Motoren und Einzelteilen aus Wuppertal steigern. In China wird der Thermomix mit wachsendem Erfolg in Verkaufs-Shows beworben. Reiner Strecker, persönlich haftender Gesellschafter der Vorwerk & Co. KG., hatte im Mai die Hoffnung geäußert, den Jahresumsatz in China 2019 auf 200 Millionen Euro zu verdoppeln.

Möglichst alle Arbeitsplätze in Wuppertal sollen bis 2021 sozialverträglich abgebaut werden, aber bis zu 85 betriebsbedingte Kündigungen schließt das Unternehmen nicht aus. Im Tal der Wupper schlägt das Herz des Unternehmens, für das rund 611 000 selbstständige Berater im Direktvertrieb weltweit „die Klinken putzen“. Dort entwickelte und baute das Unternehmen mit dem Staubsauger Kobold seinen ersten Verkaufsschlager, der von dem noch erfolgreicheren Thermomix als Umsatzlokomotive abgelöst worden ist. 2018 erzielte Vorwerk mit dem Thermomix weltweit mit 1,1 Milliarden Euro den größten Anteil am Gesamtumsatz. Rund eine Million der Geräte hat Vorwerk im vergangenen Jahr verkauft.

Das „nächste große Ding“ zündete jedoch nicht. Dem digitalen Teekocher Temial ging schon bei seiner Markteinführung aufgrund von Problemen mit der Software der Dampf aus. Billigere Küchengeräte von Aldi und Lidl sorgten gleichzeitig für starke Konkurrenz für den Thermomix auf dem deutschen Markt. So fielen die Geschäftszahlen 2018 nicht nach Wunsch aus. Sowohl das Geschäftsvolumen (3,6 Milliarden Euro) als auch der Konzernumsatz (2,8 Milliarden Euro) gingen bei steigenden Investitionen in die Infrastruktur und die Digitalisierung leicht zurück.

Die Gesamtentwicklung hat das Unternehmen nach Jahren des Erfolges offensichtlich überrascht. Die Einführung des vermeintlichen Selbstläufers Thermomix 6  – der auch braten und karamellisieren kann – wurde forciert und verlief daher im Frühjahr 2019 nicht wie erhofft. Kunden, die kurz vor der Markteinführung des TM 6 noch den TM 5 gekauft hatten, fühlten sich verprellt, da ihnen eine Reihe von technischen Verbesserungen durch den TM 6 vorenthalten sind. Kratzer im Lack hatte 2018 die Stiftung Warentest dem Marktführer verpasst, als die Tester billigere Konkurrenzprodukte vorzogen.

Für den Standort Wuppertal spricht, dass im Werk Laaken zurzeit das neugebaute Forschungs- und Entwicklungszentrum von Vorwerk bezogen wird. Es liegt dem Motorenwerk gegenüber am anderen Ufer der Wupper. „Unser Anspruch ist es, Innovationen auf den Markt zu bringen. Das ist die DNA des Unternehmens“, sagt Firmensprecher Michael Weber.

Wuppertals Oberbürgermeister Andreas Mucke (SPD) bezeichnet den Verlust von Stellen als bitter für die Stadt mit einer Arbeitslosenquote von acht Prozent. „Mit den großen Investitionen in Laaken hat das Unternehmen aber ein starkes Bekenntnis zum Standort gegeben. Ich hoffe, dass bald neue Geschäftsfelder erschlossen werden.“

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