Über Crowdfunding haben Jenni Reineke und Yoana Varbanova ihre erste CD finanziert. Eine Flucht ins Schöne.

Musik : Stimme und Schlagwerk sind doch die Ursprünge der Musik

Über Crowdfunding haben Jenni Reineke und Yoana Varbanova ihre erste CD finanziert. Eine Flucht ins Schöne.

Diese Frau hat Elan, brennt für ihre Sache - vor allem, wenn gleich mehrere Gründe dafür sprechen. Jeni Reineke, 32 Jahre jung, Mezzosopranistin und überzeugte Neu-Wuppertalerin, hat - gemeinsam mit der Percussionistin Yoana Varbanova ihre erste CD herausgebracht - dabei fast alles selbst gemacht. Das Werk verspricht „eine Flucht in das Schöne“, wie ihr Titel ins Deutsche übersetzt lautet. Reinekes Grundmotivation fürs Musikmachen überhaupt. Dabei ist die CD auch Experiment: Lieder für Gesang und Schlagwerk sind selten.

Jenni Reineke wurde in Bielefeld geboren, wuchs in Mainz auf, kehrte nach dem Abitur nach Ostwestfalen zurück, um in Detmold Klavier, Gesangspädagogik, Oper, Konzert und Gesang zu studieren. Ein Musiklehrer, der den Chorgesang am Gymnasium förderte, und die eigene Oma, die ihr ein zwei Oktaven umfassendes Keyboard schenkte und so intensiven Klavierunterricht auslöste, hatten die junge Frau auf die musikalische Spur gebracht. Die führte im letzten Studienjahr nach Wuppertal. Weil sie aus Detmold fort und näher zum pulsierenden Rheinland wollte, weil ihre Schwester in Wuppertal studierte und sie ein Jobangebot in der Nähe hatte. „Ich muss sagen, das war eine gute Entscheidung“, lächelt die Musikerin rückblickend und nennt gleich wieder mehrere Gründe: Die zentrale Lage, die ihren vielen beruflichen Reisen zupasskomme, das Wohnen im Wichlinghausener Norden, das ihre erlaube, „schnell im Grünen zu sein, um die Batterien aufzuladen“ und auch das Tanztheater Pina Bausch.

Stiftung gab Geld für die Ensemblegründung

„Archée Ensemble“ haben Reineke und die Bulgarin Varbanova ihr Ensemble genannt. Der Name betont, dass Stimme und Schlagwerk die Ursprünge menschlicher Musik darstellen. Ein Detmolder Dozent brachte die beiden Musikerinnen zusammen. Im Rahmen seiner Reihe „Forum Lied“ organisiert er auch Konzerte, die Gesang mit einem besonderen Instrument kombinieren. Ein halbes Jahr tauschten sich die Frauen aus, erarbeiteten aus rarer Literatur ein Konzert. Reineke lernte, ihre Stimme auf die vielen Schlagwerkzeuge Varbanovas einzustellen. Heraus kam „ein sehr abwechslungsreiches Programm“, das 2017 im ausverkauften Theater in Gütersloh aufgeführt wurde. Ein großer Erfolg - bei Kritik und Publikum. Und Auslöser für die Entscheidung, als Ensemble weiter machen zu wollen. Bei einer Stiftung bewarben sich die Frauen um Förderung ihrer Ensemblegründung, bekamen Unterstützung für Demoaufnahmen und Programmrecherchen. „Außerdem sollte eine CD produziert werden, aber dafür reichte das Geld nicht.“

Die Musikerinnen aber wollten eine CD: Man könne sie in der Hand halten und anderen zum Hören vorlegen, außerdem liebt Jenni Reineke Aufnahmen, die erlauben, das Perfekte herauszuholen, und schließlich habe man ja auch ein „sehr hörenswertes Repertoire“, zu dem sie zu 150 Prozent stehe. Also starteten sie 2018 ein Crowdfunding-Projekt: mit einem Video und Texten im Internet und 500 (analogen) Postkarten. 4150 Euro kamen so zustande, genug für die Produktion von 500 CDs, die im Juli begann.

Herausgekommen sind 15 oft sphärische, teilweise romantische, nie atonale Stücke zeitgenössischer Komponisten, die über die englische Sprache und den Titel miteinander verbunden sind. 57 Minuten Hörgenuss, der in einem zauberhaft illustrierten, die Liedtexte und viele Informationen enthaltenden Booklet präsentiert wird, das Kristina Bastelj mit feinem Strich und sanften Farben gestaltet hat. Eine musikalische Einladung an Neugierige aller Altersklassen.

Ein Konzert Anfang Februar in der Kirche Bielefeld, dort wo auch die Aufnahmen im Juli entstanden sind, verlief vielversprechend. Aktuell läuft der Verkauf an, im Mai soll dann die CD auf die Bühne gebracht werden. Vielleicht ja auch in Wuppertal.

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