Eine Entdeckung: Skulpturenpark in Wuppertal zeigt Martin Disler

Tony Craggs Skulpturenpark : Martin Disler: Eine Entdeckung im Skulpturenpark

Der Zyklus „Häutung und Tanz“ gehört zu den Höhepunkten der Bildhauerei im 20. Jahrhundert. Tony Cragg zeigt ihn in der oberen Halle.

. Martin Disler (1949 – 1996) ist eine Ausnahme-Erscheinung in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Ein Besessener, der wie kaum ein anderer Künstler seiner Generation dem Menschen die Haut vom Leibe riss, um zu sehen, was im Innersten verborgen ist. Ein früh Vollendeter. Ohne Schulabschluss, ohne akademische Ausbildung beschloss er eines Nachts während eines Pflegedienstes in einer Psychiatrischen Klinik im Kanton Solothurn, ein Künstler zu werden.

In seiner Biographie hielt er fest: „Ich male, um zu werden, der ich bin.“ Atemlos schuf er sein Werk als Ausbruch aus einer Tiefe, die dem Normalmenschen verborgen bleibt. Jetzt gelang es Tony Cragg, mit „Häutung und Tanz“ (1990) ein Hauptwerk der Bildhauerei in seinen Skulpturenpark Waldfrieden zu holen.

Die körperliche Energie darzustellen, war sein Markenzeichen. Seine Witwe Irene Grundel erzählt, wie sie als frisch Verliebte mit ihm 1981 vier Nächte im Kunstverein Stuttgart verbrachte, während er jede Nacht 36 Meter Malerei produzierte. Das 140 Meter lange Panorama „Die Umgebung der Liebe“ gilt heute als Schweizer Kulturgut von nationaler Bedeutung. Mit dieser gigantischen Malaktion galt Disler als Neuer Wilder der Schweiz. Im Gegensatz zu den „Wilden“ in Deutschland orientierte er sich jedoch stets am Menschen. Das gilt in gleicher Weise für Skulpturen.

Lauter Metamorphosen
des Menschlichen

21 von 66 Bronzen bevölkern die obere, lichte Halle im Skulpturenpark. Disler baute, so erklärt seine Witwe, jeweils ein Skelett aus Holz, umgab es mit Gipstüchern, beschichtete es mit feuchtem Gips und ging dann mit den Fingern und mit Messern in die weiche Masse, die nach dem Trocknungsprozess in Bronze abgegossen wurde. Nun stehen und liegen, kriechen und beugen sich die Figuren im Raum. Sie wirken gesichtslos, und haben doch faszinierende, sehr sprechende, feine Gesichter. Zugleich sind die Körperteile verwachsen, ineinander verschachtelt, aufeinander getürmt. Lauter Metamorphosen des Menschlichen.

„Viele Figuren gehen auf Begegnungen zurück. Da saß ein Krüppel auf dem Boden und fragte nach Geld“, erzählt seine Witwe. Aber daraus sei stets eine Reise in die Tiefe geworden. Zugleich liebte er den Tanz. Irene Grundel: „Er war immer in Bewegung, wie hatten Ateliers in Paris, New York und in der Schweiz. Nur nicht stille stehen“.

Er hielt die Gesten und Ausdrucksformen in seinen Körperformen fest, oft als Symbiose zweier Körper. Wie Zwei in einem“, so Irene Grundel. Kniend, die handlosen Arme weit vorgestützt, so scheinen die Skulpturen den Schmerz darzustellen. Aber gleichzeitig sitzt der Kopf auf einem kräftigen Nacken, wirkt der Rücken wie der Schritt eines durchtrainierten Tänzers.

Der Mensch als liegende, hockende, kriechende, stehende und gehende Kreatur. Ein Maskenwesen, blind und sehend zugleich. Verwachsen, aber nie verunstaltet. Die Verwandlung, Vermischung und Metamorphose ist den Skulpturen eigen. Es sind keine Abbilder der Kreatur, sondern Sinnbilder. Irene Grundels Lieblingsfigur ist eine Art Daphe, die aus einem Baumstamm wächst. Aber während die Figur der griechischen Sage zum Baum erstarrt, verhilft hier der Baum zum Geburtsvorgang, auf dass gleich zwei Figuren aus dem Baum entschweben und um ihn herum zu gleiten scheinen.

„Ich wollte den Menschen herbei beten, ihn herbei träumen, herbeisehnen, herbei tanzen, herbei singen“, erklärte der viel belesene und dichtende Künstler. Aus all seinen Figuren brach eine Kraft heraus, die sich kaum bändigen, aber auch kaum erklären lässt. Eine namenlose Qual, aber auch Zärtlichkeit steckt in diesen Gestalten. Immer rang er um ihre Gebärden, klärte sie in unendlichen Zeichnungen, schuf Konstruktionsskizzen, damit aus dem Gips auch eine Form wurde. Ein gespreiztes Beinpaar, ohne Rumpf, aber mit beulenartigen Köpfen. Ein Kriechender mit einer langen Nase wie Pinocchio, wobei unter dem Riechorgan ein Doppelgesicht steckt.

Tony Cragg, der den Künstler 1980 in Paris kennenlernte, fasst zusammen: „Diese Skulpturen sind nicht tot, sie schlafen auch nicht. Jede hat eine eigene Vitalität, ist ein Bild des Menschen.“

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