Kaarst: Interview zum 20-jährigen Bestehen des Marienheim-Hospiz

Interview mit Kaarster Hospiz-Leitung : „Es ist wichtig, stabil zu bleiben“

Interview Marlene Wzdych und Petra Jung sprechen über die Anfänge und Alltagsmomente des Marienheim-Hospiz.

Haben Sie die Anfänge des Marienheim-Hospizes erlebt?

Marlene Wzdych: Ich habe bei der Caritas im Rhein-Kreis gearbeitet und dort schon Aufgaben fürs Marienheim-Hospiz übernommen. Seit 2002 arbeite ich hier. Das Haus gehört der St.-Martinus-Pfarrei. Der Verein Marienheim-Hospiz Kaarst e.V. als Träger hat das Haus damals für zwei Millionen Mark kernsaniert und für 99 Jahre gepachtet.

Früher war hier das Pfarrbüro, große Umbauten waren wohl nötig?

Wzdych: Das Haus musste nach Vorgaben des Heimgesetzes komplett umgebaut werden. Angefangen haben wir mit sechs Plätzen und zwei Angehörigenzimmern. Das war eine Besonderheit in NRW und daher haben wir Fördermittel erhalten.

Petra Jung: Heute sind Angehörigenzimmer Rahmenbedingung für Hospize. Wir haben ein Angehörigenzimmer, da die Angehörigen lieber ein Zustellbett nehmen. Diese Gästebetten stellen wir ins Zimmer und schieben sie über Tag wieder raus, um eine wohnliche Atmosphäre zu bieten.

Wer wohnt hier?

Wzdych: Menschen, die nur noch eine begrenzte Lebenserwartung haben und als austherapiert gelten.

Jung: Ihnen bieten wir stationäre Begleitung an. Somit ist die notwendige spezielle Palliativpflege mit der dazugehörigen Symptomkontrolle gewährleistet.

Wie entsteht der Kontakt zum Marienheim-Hospiz?

Jung: Wer autonom ist, nimmt auch direkt mit uns Kontakt auf. Das ist aber die Ausnahme. Wir bekommen eher Anfragen über das Palliativnetz „Wir in Neuss“ oder über die Krankenhäuser.

Melden sich Angehörige?

Jung: Die Hemmschwelle ist nach wie vor hoch. Für Angehörige ist die Pflege sterbenskranker Menschen sehr belastend. Oftmals sind sie am Ende ihrer Kraft. Wir fangen sie in ihrer Bedürftigkeit auf und versuchen, sie gut zu begleiten.

Wzdych: Wir führen viele Angehörigen-Gespräche und klären die Öffentlichkeit über unsere Arbeit auf. Wir gehen in Schulen, um unsere Arbeit transparent zu machen.

Welche Therapieangebote gibt es?

Jung: Wir haben ein breites Spektrum. Die Gäste lieben die Musiktherapie durch Frank Henn, der unterschiedlichste Klanginstrumente in der Sterbebegleitung einsetzt. In der Aromapflege arbeiten wir mit Ölen und Düften, die stimmungsaufhellend oder beruhigend wirken. Akupressur, Handmassagen, Kunsttherapie sowie unsere zwei Besuchshunde sind weitere Angebote.

Der Verein muss als Träger fünf Prozent des Tagessatzes durch Spenden aufbringen. Klappt das?

Wzdych: Bis vor drei Jahren mussten wir sogar zehn Prozent aus Spenden aufbringen. Die Hospizarbeit ist aus der Bürgerschaft entstanden und der Gesetzgeber möchte diese Verpflichtung erhalten wissen. Zum Glück haben wir Spender. Da wir unseren Gästen und deren Angehörigen verschiedenste Therapien anbieten, haben wir aber auch einen höheren Spendenbedarf. Realistisch liegt er bei 25 Prozent.

Jung: Essen und Trinken hat im Hospiz auch eine ganz große Bedeutung. Das mag man vielleicht erst gar nicht recht glauben, da manche Gäste kaum Nahrung zu sich nehmen können. Aber unsere Köchin Gabriele Gottschling verwöhnt Gäste und Angehörige oft mit kleinen Leckereien oder Selbstgebackenem. Ihre Stelle wird nicht zu 100 Prozent refinanziert. Auch dafür benötigen wir Spenden.

Wie belastend ist die Arbeit mit sterbenskranken Menschen? Wie schützen Sie sich, dass Ihnen deren Schicksal nicht zu nahe geht?

Jung: Unsere Gäste sind unterschiedlichsten Alters. Insbesondere, wenn wir jüngere Gäste haben, kann das sehr belastend sein. Daher ist es wichtig, selbst stabil zu bleiben. Dafür bieten wir Supervision an und entlasten uns gegenseitig. Professionelle Distanz ist wichtig. Denn wir alle dürfen wohl Mitleid haben, aber nicht selbst mitleiden.

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