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Kempen: Im Einsatz als Notarzt für die Seele

Kempen : Im Einsatz als Notarzt für die Seele

Andreas Bodenbenner ist Gemeindereferent in Kempen und gleichzeitig Notfallseelsorger im Kreis Viersen.

Kempen. Die frische Farbe im Büro von Andreas Bodenbenner riecht noch. Unter dem Dach des Pfarrhauses an der Judenstraße hat der Gemeindereferent seinen Arbeitsplatz. Seit Anfang des Jahres ist er in der Kempener Pfarrei tätig. „Ich bin sehr gut aufgenommen worden“, freut sich der 56-jährige Viersener. Der Sozialpädagoge und Theologe war zuvor als Jugendbeauftragter des Bistums sowie als Gemeindereferent — zuletzt in Dülken — tätig.

Doch Kempen ist nicht sein einziger „Einsatzort“. Wenn er Bereitschaftsdienst hat und der Piepser sich meldet, muss er gleich los: Bodenbenner ist seit fast zehn Jahren Notfallseelsorger. Wenn eine Todesnachricht überbracht werden muss, ein Suizid, Verkehrs- oder Arbeitsunfall passiert ist, dann ruft die Viersener Leitstelle ihn oder einen seiner Mitstreiter hinzu. Sie bringen im besten Fall wieder ein wenig Hoffnung zu jenen, denen der Tod einen geliebten Mensch genommen hat.

Hoffnung

Einen ersten Kontakt zu dieser Aufgabe, die im Kreis Viersen gemeinsam von der katholischen und evangelischen Kirche getragen wird, erhielt Bodenbenner bei einem Gruppentreffen, bei dem ein Diakon die Arbeit vorstellte: „Notfallseelsorge ist Kirche pur“, sagte dieser damals. Das blieb hängen.

„Es ist eine sinnvolle Tätigkeit, die mir von meiner Persönlichkeit her liegt“, sagt der Gemeindereferent heute. Er bringe die innere Ruhe und Gelassenheit mit. Die Offenheit, sich auf die Situation und die Menschen einzulassen. Für diese Arbeit gebe es kein Standardrezept. Jeder gehe mit Trauer anders um. Da müsse man ganz individuell reagieren. Meist ist aber Zuhören seine Aufgabe. Sich selbst zurücknehmen, das geschehen lassen, was bei den Angehörigen an Trauer und Wut kommt, und einfach da sein — „das ist Kirche pur“, sagt Bodenbenner.

Der Viersener ist in der ersten Schocksituation Ansprechpartner, hilft, das Erlebte oder Gehörte zu verstehen. „Ich vergleiche das immer mit dem Notarzt“, erklärt Andreas Bodenbenner. Es gebe immer wieder einzelne Schicksale, die dem Seelsorger nahe gehen. „Es wäre auch nicht gut, wenn das nicht so wäre.“ Die Empathie und das Mitfühlen sind neben der eigenen Ruhe und Sachlichkeit wichtige Elemente der Arbeit. Eine persönliche oder mit einem Kollegen geführte Reflektion, hin und wieder ein Gespräch mit Vertrauten oder auch eine Runde Joggen helfe ihm, die eigene Ausgeglichenheit wiederzufinden.

Ob Glaube und Gott in den Einsätzen eine Rolle spielen, würde sich aus der Situation heraus entwickeln, sagt der Seelsorger. Für ihn persönlich ist sein Glaube eine Grundvoraussetzung für diese Arbeit. „Ich muss gar nicht vom lieben Gott reden. Die Leute spüren schnell, dass da was ist, was mein Leben prägt“, hat Bodenbenner festgestellt. Seine Gelassenheit und seine Zuversicht nimmt er aus seinem Glauben an Gott. Und in seiner Arbeit hat er Situationen erlebt, in denen er beeindruckt festgestellt hat, welche Kraftquelle der Glaube auch für andere Menschen bei ihrem Schicksalsschlag sein kann.

Der Schock und die Trauer bringt oft die Frage nach der Herkunft und dem Sinn des Lebens mit sich. Die Idee, dass es etwas gibt, das über unser irdisches Leben hinausgeht, spendet Trost. Die Schönheit des Lebens sei ein Beleg dafür, dass es etwas gibt, das über den Menschen hinausgehe. Im Osterfest liegt für Christen diese tiefe Hoffnung.

Die Notfallseelsorger suchen mit den Betroffenen nach ihren inneren Ressourcen. „Es gibt Dinge in ihnen und in ihrem Umfeld, die ihnen ein Weiterleben ermöglichen“, erklärt Bodenbenner. Die gilt es zu wecken und aus ihnen Hoffnung zu schöpfen. Oft hilft auch die konkrete Frage: „Wie geht es morgen weiter?“ Den Betroffenen tut es meist gut, wenn sie etwas zu tun haben. Dann haben sie ihr Leben wieder ein Stück in der eigenen Hand.