Allein mit dem Fahrrad von Feuerland nach Alaska

Allein mit dem Fahrrad von Feuerland nach Alaska

Vor zwei Jahren ist die 24-jährige Polizistin am Niederrhein aufgebrochen. 6000 Kilometer liegen jetzt noch vor ihr.

Niederrhein/Calgary. Es ist das Abenteuer ihres Lebens — und es ist noch lange nicht vorbei: Vor genau zwei Jahren, am 19\. Dezember 2010, ist Swinde Wiederhold in Ushuaia (Feuerland) allein mit dem Fahrrad aufgebrochen. 22 Jahre alt war sie damals. Ihr Ziel: Prudhoe Bay im Norden Alaskas. 30 000 Kilometer hat sie seitdem zurückgelegt, ist durch die Hitze des Amazonasbeckens geradelt und hat der Kälte auf 4000 Metern Höhe in Bolivien getrotzt.

6000 Kilometer liegen jetzt noch vor ihr. Im Moment macht sie gerade „Winterpause“ im kanadischen Canmore unweit von Calgary.

„Nach meinen Recherchen ist bisher keine Frau in meinem Alter diese Strecke solo mit dem Fahrrad gefahren“, sagt die 24-Jährige. An sich wollte Swinde Wiederhold ja Polizistin werden. Die Ausbildung dazu hatte sie schon erfolgreich abgeschlossen. Doch dann brachte die Sehnsucht nach Freiheit, Entdecker- und Reiselust sie dazu, ihre Beamtenlaufbahn an den Nagel zu hängen.

Diesen Entschluss hat sie bis heute nicht bereut. „Das ist eine großartige Erfahrung, die ich jedem nur empfehlen kann“, erzählt die Abenteuerin lachend. Auch wenn sie heute noch nicht genau weiß, wie es nach der Rückkehr nach Willich-Schiefbahn (dorthin ist die aus Kaarst stammende Familie kürzlich umgezogen) beruflich weitergehen soll. „Fotografie interessiert mich sehr. Vielleicht studiere ich auch.“

Ihre Foto-Leidenschaft kommt ihr auf der Amerika-Mammut-Tour sehr gelegen: Unzählige Bilder grandioser Landschaften, wilder Tiere und freundlicher, hilfsbereiter Menschen sind schon entstanden. „Die finden sich auf meiner Internetseite www.swinde.de. So gebe ich Interessierten die Möglichkeit, hautnah bei meinen Reiseabenteuern dabei zu sein“, sagt sie im Telefoninterview.

Es gibt natürlich Tage, an denen sich die mutige junge Frau schon mal gefragt hat: „Warum, zum Teufel, machst Du das hier eigentlich?“ So ist es kein Vergnügen, mit 30 Kilo Gepäck auf dem Rad in den Anden zwei Tage bergauf zu fahren. Oder mit gerissener Kette mitten in der Einsamkeit von Patagonien zu stehen. Oder in Ecuador in der Regenzeit nass bis auf die Knochen zu werden.

Neben den körperlichen Anstrengungen kommen psychische dazu: „Eine Woche keinen Menschen zu sehen — das geht an die Grenzen“, erzählt Swinde Wiederhold. Denn nur auf einigen wenigen Abschnitten ist sie mit Begleitern (darunter einmal ihr Bruder) unterwegs gewesen.

Ihr Alleinsein hat aber auch Vorteile. „Wenn ich solo fahre, sprechen mich die Menschen viel häufiger an.“ Eine blonde junge Frau allein auf dem Fahrrad — das fiel vor allem in Süd- und Mittelamerika auf. Und auch wenn diese junge Frau anfangs so gut wie kein Spanisch sprach, war die Hilfsbereitschaft immer groß. Da gab es Einladungen („das Zelt wäre vielfach nicht nötig gewesen“), Pannenhilfe und „super Routenempfehlungen“.

Angst hat die ausgebildete Polizisten nie gehabt. „Da haben sich Verwandte und Freunde viel mehr Gedanken gemacht, so vor allem, als ich in Kolumbien und Mexiko unterwegs war“, erzählt Swinde Wiederhold und lacht wieder. Nur mit Mut, Optimismus und einer positiven Lebenseinstellung könne man eine solche Tour angehen: „Wenn man zu viel nachdenkt, fährt man doch gar nicht erst los.“

Übers Internet war sie außerdem die ganze Zeit mit daheim verbunden: „Meine Eltern wussten immer, wo ich mich gerade befinde. Sie haben mich vor einem Jahr sogar besucht.“

Was hat ihr bisher am besten gefallen? Der Grand Canyon natürlich, wo sie gewandert ist. Aber auch die vielfältige Landschaft Boliviens mit dem größten Salzsee der Erde und dem Rio Beni, einem Quellfluss des Amazonas. Dort ist sie mit dem Rad sogar im Schlamm steckengeblieben.

In Kanada liegt im Moment Schnee. Den kann Swinde Wiederhold auf dem Weg nach Alaska mit dem Rad nicht bewältigen. Deshalb geht sie jetzt ins Winterquartier — auch wenn sich die kanadischen Lebenshaltungskosten als „wahnsinnig hoch“ herausgestellt haben. Hilfe hat sie aber schon gefunden: „Ich bin eingeladen worden, Weihnachten auf einer Lodge zu verbringen.“ Voraussichtlich im Mai, wenn der Schnee verschwunden ist, fährt sie dann weiter in Richtung Norden. Etwa im Spätsommer soll es dann von Anchorage aus zurück nach Europa gehen.

Und das Abenteuer ist dann immer noch nicht vorbei: Die letzten 3000 bis 4000 Kilometer will die dann 25-jährige von Portugal oder Spanien aus nach Deutschland radeln . . .

Mehr von Westdeutsche Zeitung