Krefelder Tüftler produzieren neue Kunststoffteile für Oldtimer

Krefelder Tüftler : Tüftler bauen neue Kunststoffteile für alte Autos

Schmutzfänger für die „Isabella“ oder Rücklichter für eine „Tin Lizzie“ – was an Ersatzteilen gebraucht wird: Das Team von Plastique Bertrand baut es nach.

„Isabella“ steht spiegelverkehrt in weißen Kunststoffbuchstaben in mehreren nebeneinander liegenden Formen. Noch muss das Material aushärten. Danach wird schwarzer Kunststoff über die Buchstaben gegossen. Und fertig sind die Schmutzfänger für eine weitere Isabella. Zwar rollte der letzte Wagen dieses Bogward-Modells im Jahr 1961 aus dem Werk in Bremen. Aber weil auch heute noch zahlreiche Liebhaber die hübschen Isabellas als Limousine, Kombi, Cabrio, Coupé oder Pick-up durch den Verkehr steuern, brauchen die in die Jahre gekommenen „Damen“ Ersatzteile.

So wie die originalgetreuen Schmutzfänger mit Isabella-Schriftzug, die mit Krefelder Know-how in einer ehemaligen Kutschenwerkstatt im Anbau eines Gebäudes von 1852 an der Martinstraße entstehen. Plastique Bertrand hat sich auf das Restaurieren von Kunststoff-Teilen und die Reproduktion und damit meist Sonderanfertigung von Oldtimer-Teilen spezialisiert.

John Robin, der die Werkstatt vor vier Jahren eröffnete, war vorher mit einer Firma für Prototypenbau selbstständig. „Dann wollte ich etwas machen, auf das ich Lust habe“, sagt der 53-Jährige, der für die US-Armee als Sprengstoffmeister in einer Spezialeinheit im Einsatz war. Dabei sei er auch Experte für Kunststoff geworden. Dieses Wissen, seine eigene Liebe zu Oldtimern und die Suche nach Ersatzteilen, die nicht mehr zu beschaffen waren, fanden in seiner Unternehmensgründung zusammen.

Gemeinsam mit Uwe Wojke baut er Teile originalgetreu nach, wenn es diese auf dem Markt nicht mehr gibt oder sie für Privatleute nicht zu bekommen sind. Beziehungsweise, wie die beiden es andersherum ausdrücken: „Was es gibt, bauen wir nicht nach.“ Ob Pedalgummis, Vergaserringe, Unterlegscheiben, Türgriffunterlagen, Rücklichtdichtung, Schalthebelmanschette, Kunststoffgläser für Scheinwerfer, Reflektoren oder Lenkräder, alles geht. Die Marke ist egal.

Haben sie ein Problem zu lösen, spielen sie „Gedanken-Ping-Pong“, erzählt der 53 Jahre alte Wojke aus Oberhausen, der eigentlich gelernter Bäcker ist und als Lehrer für Lebensmitteltechnik arbeitet. Durch seine Leidenschaft für Oldtimer kam er vor drei Jahren zu Plastique Bertrand. Er habe früher mehrere Mustangs gehabt und „immer schon an Fahrzeugen selbst herumgebastelt“. Die zwei lernten sich kennen, als John Robin etwas für Wojkes Motorrad „erschuf“. „Schon beim ersten Gespräch sagte John zu mir: ,Wenn du Lust hast, kannst du zu mir kommen und mitmachen’“, erinnert sich der Oberhausener.

Seitdem sind viele imaginäre Ping-Pong-Bälle geflogen. Das älteste Fahrzeug, um das sie sich gekümmert haben, war ein Ford Modell T – auch Tin Lizzie, also Blechliesel, genannt. Für ihn fabrizierten sie Rücklicht-Gläser. Ihr Jüngster war ein 99er-Lamborghini Diablo Roadster, für den sie die Dichtungen fürs Dach neu herstellten.

Die nötigen Gussformen fertigen die beiden selbst an. Haben von einem historischen Fahrzeug beispielsweise nur Scheibe und Rahmen überlebt, aber die Dichtung nicht, entwickeln sie anhand der vorhandenen Teile, wie das fehlende aussehen muss. Und sie produzieren dann in Handarbeit ein Ersatzteil, das – ebenfalls eine ihrer Spezialitäten – nicht geschnitten, nicht geklebt, nicht geknickt wird. „Dadurch passen sie besser und sind dichter“, sag Robin.

Die jeweils nötigen Kunststoffe werden im Labor der Werkstatt mit bis zu 60 verschiedenen Zutaten angemischt. Nach speziellen Rezepten, die John Robin entwickelt hat – und die ausschließlich in seinem Kopf bleiben. Notizen macht er nicht. Es ist sein Know-how und so soll es auch bleiben. „Bei den Kunststoffen, Farbpigmenten und Weihmachern muss das Verhältnis auf ein Hundertstelgramm genau stimmen.“

Beinah pleite gegangen sei er, erzählt Robin mittlerweile fast schon schmunzelnd, als ein Lieferant ein Produkt verändert habe. „Plötzlich waren die Ergebnisse nicht mehr schwarz und auch nicht mehr seewassertauglich.“

Die selbst angemischten Kunststoffe werden, je nach Bedarf, gegossen oder gespritzt, geschliffen, gefräst, lackiert, poliert. Und dann sind sie bei Aussehen und Haptik „nah am Original, aber beim Material besser“, sagt Wojke.

In ihrer Begeisterung für Oldtimer hat das Duo gleich zwei historische Firmenwagen. Auf dem Platz vor ihrer Wirkungsstätte, in der über die Jahre ein Gästehaus für Reisende, eine Autowerkstatt und Künstlerateliers beheimatet waren, steht ein Peugeot 201 von 1934. „Dieses Modell gibt es nur noch zweimal, einer steht in einem Museum. Der andere bei uns“, sagt John Robin, „und wir haben jedes Gummiteil selbst gebaut.“ Daneben parkt ein Opel Blitz, ein knallrotes Feuerwehrfahrzeug von 1957. Mit ihm fahren die beiden zum Beispiel zu Oldtimertreffen. Dort klappen sie einfach die Türen am Heck auf, hinter der sich eine Auswahl ihrer Produktpalette befindet. „Das ist ein Hingucker und wir sind direkt und startklar.“

Bei Oldtimertreffen hätten sie die meisten Kunden gefunden, sagen die beiden, die für diese Einsätze in 40er-Jahre-US-Piloten-Outfit unterwegs sind – mit Anzug, Fliegerjacke und Schiffchen. Abgesehen von den zehn Messen im Jahr, auf die sie fahren, haben sie die Zahl der Oldtimertreffen mittlerweile von ehemals 20 auf sechs im Jahr reduziert. Denn eigentlich seien ihre Auftragslisten voll.

Wartezeiten von ein bis zwei Jahren werden akzeptiert

Für Bestellungen der Kunden – vor allem aus Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Großbritannien und den USA – sind inzwischen Wartezeiten von ein bis zwei Jahren normal. „Das wird auch akzeptiert“, berichtet Robin. Gerne lassen er und Wojke die Kunden nicht zappeln. Doch schon jetzt sei er meist von 7 bis 22 Uhr in der Werkstatt, erzählt Robin und hat dort sogar ein Notbett stehen.

Ein Beispiel für den Aufwand bei ihrer Arbeit sind Oldtimer-Lenkräder, für die Plastique Bertrand die Bakelit-Ummantelung neu aufbringt. Bis zu 30 Schichten werden aufgesprüht und dann abgeschliffen. „Es fehlt einfach Hilfe“, sagt Robin. Aber die Suche nach Mitarbeitern fürs Vor-, Nachbereiten und Sortieren sei leider bisher erfolglos gewesen.