Gute Idee reicht nicht für eigene Firma

Gute Idee reicht nicht für eigene Firma

Ob Start-up oder anderer Existenz- Gründer, für alle gilt: Der Businessplan ist das A und O. Auch Faktoren wie die Unterstützung der Familie zählen, sagt Bert Mangels (IHK).

Manchmal muss er der Mann der unangenehmen Wahrheiten sein — wenn Bert Mangels Menschen in der Beratung für Existenzgründer sitzen hat, die „nicht mehr als eine gute Idee haben“. Der 55-Jährige ist seit 2003 bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittlerer Niederrhein für den Bereich Existenzgründung und Unternehmensförderung verantwortlich. Oft hört er in diesem Zusammenhang das Wort Start-up. Im Interview mit der Westdeutschen Zeitung räumt er nicht nur mit einem Irrtum rund um diese Begrifflichkeit auf, sondern auch mit dem von der segensreichen Marktlücke.

WZ: Herr Mangels, was ist denn ein Start-up und was ein „normaler“ Existenzgründer?

Bert Mangels: Wenn sie drei Leute nach der Definition von Start-up fragen, bekommen Sie fünf Antworten. Das Verständnis ist bei jedem anders. Die Definition, wie sie allgemeingültig sein sollte: Bei einem Start-up geht es um eine innovative oder/und technologisch ausgerichtete Neuheit, die es so noch nicht gibt oder wenn es sie schon gibt, ist sie so weiterentwickelt, dass sie etwas Neuem gleich kommt. Das gibt sicher noch Freiraum für Interpretation. Aber das sind dann nicht die klassischen Gründer wie ein Einzelhändler oder ein Zerspanungsbetrieb. Die Unterscheidung wird übrigens nur bei uns gemacht. Im angelsächsischen und amerikanischen Bereich, wo das Wort Start-up herkommt, heißt es nichts anderes als „Gründen“. Bei uns hat man den Begriff übernommen und interpretiert.

WZ: Ist die Vorgehensweise beim Gründen eines Start-ups denn die gleiche wie beim Klassischen?

Mangels: Im Wesentlichen ist das identisch. Der Allerweltsgründer muss eine Phase durchlaufen, zu der zum Beispiel die Analyse von Markt, Zielgruppe, Lieferanten, Kundschaft und Wettbewerber gehört. Das gehört zum Businessplan, der gemacht werden muss, plus Zahlental mit Umsätzen, Kosten und eventuell Wareneinkauf. Am Ende steht dann eine schwarze Null oder idealerweise ein Gewinn. Diesen Weg geht auch jedes Start-up-Unternehmen. Der Unterschied, den es geben kann: Gegebenenfalls wird ein Start-up anders finanziert.

WZ: Wann ist ein anderer Weg nötig?

Mangels: Weil die Start-ups oft mehr Geld brauchen, um ihre Idee im Vorfeld noch ein paar Jahre weiterzuentwickeln, bis sie marktreif ist. Bei der klassischen Gründung läuft die Finanzierung über die Hausbank und die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und andere Geldinstitute. Beim Start-up gibt es eventuell zusätzliche Geldgeber. Einzelne Investoren, die zum Beispiel über Kapitalbeteiligungsgesellschaften Anteile des Unternehmens bekommen und am Ende nach ein paar Jahren wieder rausgehen.

WZ: Wie sieht denn das Verhältnis von Start-ups zu normalen Gründern in der IHK-Beratung in Krefeld aus?

Mangels: In Krefeld und eigentlich im ganzen Kammerbezirk Mittlerer Niederrhein sind Start-ups handverlesen bis selten. Das liegt am Standort. Bundesweit sind bei allen Gründungen fünf bis maximal acht Prozent Start-ups. Und die konzentrieren sich auf Zentren, wo sie gefördert werden, wo die Infrastruktur da ist oder die als hipp gelten. Mit Letzterem meine ich Berlin, wo es eine Community, also eine Gründerszene, gibt, oder zum Beispiel Aachen. An der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule studieren Ingenieure, die mit Laboren ausgestattet sind, für die Forschung und Entwicklung durch Quersponsoring von Unternehmen schon gewährleistet wird. Daraus entstehen auch Start-ups.

WZ: Aber Krefeld hat auch eine Hochschule . . .

Mangels: . . ., an der es aber nicht die klassischen Studiengänge für mögliche Gründungen gibt. Beziehungsweise, wie ich von der Hochschule weiß, sind die Ingenieure, die dort studieren, schon in Lohn und Brot, bevor sie fertig sind. Die Frage nach der Gründung stellt sich für sie also nicht.

WZ: Dann zu den normalen Gründern, die zu Ihnen kommen: Haben die tolle Ideen?

Mangels: Wenn die Gründer zur Beratung zu uns kommen, dann zerlegen wir ihre Idee ja erst einmal in Einzelteile und schauen, ob es geht oder nicht. Da gibt es das schon, dass die Gründer nach dem Zerlegen selbst sehen, dass ihre Idee nicht ganz so brillant war. Aber ich muss sagen: Die Qualität ist schon hoch. Die sind nicht gestern erst aufgestanden und heute zur IHK gekommen. Die haben schon Businesspläne mit Substanz. Es ist nicht mehr das Massengeschäft der Notgründungen, wie es in den Jahren extrem hoher Arbeitslosigkeit war. 2003 und in den folgenden Jahren hatten wir 1300 bis 1400 Beratungen pro Jahr. Jetzt sind es rund 350. Und während die Gründer aus der Beratung früher oft nach einer halben Stunde wieder raus waren, weil wir ihre Idee leider auseinandernehmen mussten, liegt die Beratungszeit jetzt im Mittel bei 90 Minuten.

WZ: Wie hoch ist denn eigentlich der Anteil von Frauen und Männern beziehungsweise von hauptberuflichen und nebenberuflichen Gründungen?

Mangels: Die Quote der Frauen liegt immer so zwischen 32 und 34 Prozent. Das ist nicht beruhigend und könnte meiner Meinung nach wirklich mehr sein. Sie gründen in der Tendenz in Segmenten wie Nagelstudio oder Kosmetikerin. Warum? Weil man das auch nebenberuflich und familienkompatibel machen kann. Genau erfassen wir den Anteil haupt- und nebenberuflicher Gründungen nicht.

WZ: Die Idee ist gut, der Businessplan toll, woran scheitert dann die Finanzierung durch die Banken?

Mangels: Dass es an den Banken liegt, wenn es nicht klappt, stimmt meiner Meinung nach nicht. Die Kreditinstitute sitzen auf dem Geld und müssen sogar Strafzinsen zahlen, wenn sie es nicht rausgeben. Bei dem Geld, was nach draußen geht, verdienen sie mit. Man muss der Fairness halber über die Banken sagen: Wer bei ihnen nicht durchkommt, der ist entweder schlecht vorbereitet oder seine Geschäftsidee wird nie funktionieren. Manchmal liegt es auch an dem Typ Mensch, der gründen will. Der ist dann vielleicht fachlich fantastisch, aber kein Unternehmertyp. Die Banken schauen sich tatsächlich den Menschen dahinter an und zum Teil auch die Familie, wie man mir erzählt hat. Denn wenn die das Vorhaben nicht stützt, nicht dahinter steht, besteht die Gefahr, dass es deshalb nicht klappt.

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