1. NRW
  2. Düsseldorf

Zu den Wurzeln von Flingern

Zu den Wurzeln von Flingern

Michael Brockerhoff hat in seinem Buch „Zu Fuß durch Düsseldorf“ zwölf Spaziergänge durch die Landeshauptstadt zusammengestellt. Wir stellen das Kapitel über Flingern vor.

Start/Ziel Haltestelle Lindemannstraße (Straßenbahnlinien U72, U73, U83 und 706, Buslinie 733)

Länge ca. 3,5 Kilometer

Dauer ca. 1,5 Stunden

In Eckkneipen treffen sich häufig die Bewohner eines Viertels zu einem Plausch und pflegen so nachbarschaftliche Kontakte. Dieses Prinzip ist im Zentrum von Flingern-Nord verfeinert worden. Denn an den meisten Ecken der Straßenkreuzungen finden sich Cafés und Restaurants, aber auch Blumen-, Feinkost- oder Modeläden. Das Schöne an den Ecken der Kreuzungen sind die verheißungsvollen Aus- und Einsichten in die Straßen mit ihren vielen kleinen Spezialgeschäften. Sie haben sich im Lauf der Zeit mehr und mehr in alten Ladenlokalen etabliert und sind in dem Viertel zwischen Acker- und Lindenstraße verwurzelt, weil sich kreative Menschen dort wohlfühlen und überzeugt sind, dass es ein Resonanzboden für neue Ideen und individuelle Angebote ist.

Eine Grundlage für diese Entwicklung dürfte das Zusammengehörigkeitsgefühl sein, das in dem Wohnviertel entstanden ist. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts herrschte in der schnell wachsenden, damals durch Industrie geprägten Stadt Düsseldorf Wohnungsmangel. Viertel mit einfachen Wohnungen für die Arbeiterfamilien wurden auf der grünen Wiese in der Nähe von Fabriken hochgezogen, so auch auf den unbebauten Flächen rund um die alte Dorfschaft Flingern. Gegenseitige Hilfe und gemeinsame sinnvolle Gestaltung der knappen Freizeit in dem dicht besiedelten Gebiet waren lebensnotwendig. Fortschrittliche Wohnprojekte in den 1920er-Jahren wie der Eulerhof an der Lindenstraße förderten zudem den Zusammenhalt.

Wegen der kreativen, urbanen Atmosphäre hat sich dieses Viertel in ganz Düsseldorf einen Namen gemacht. Es ist inzwischen auch zu einem begehrten Wohngebiet geworden. Trotz der Nachfrage lassen sich die angestammten Bewohner nicht verdrängen und versuchen, das Zusammengehörigkeitsgefühl und die nachbarschaftliche Unterstützung zu erhalten. Um das Charakteristische dieses Viertels zu erfassen, empfiehlt es sich, in Ruhe durch die Straßen zu bummeln, sich in die unterschiedlichen Läden und Galerien treiben zu lassen und dann zur Erholung eine Pause in einem der Restaurants oder Cafés zu machen.

Vom Startpunkt Straßenbahnhaltestelle Lindemannstraße führt die Dorotheenstraße in das Viertel hinein. Die vielbefahrene, mehrspurige Durchgangsstraße durchschneidet das Wohnviertel und belegt beispielhaft den Interessenkonflikt zwischen Wohnen und Verkehr in einer Großstadt. Aber selbst an der lauten und wenig einladenden Verkehrsachse hat sich der Einzelhandel eingerichtet — von Dienstleistern wie Optiker und Friseur über ein Spezialgeschäft für Art-déco-Antiquitäten bis hin zu einem Gemüse-Obst-und-Feinkostgeschäft an der Einmündung Ackerstraße. Es gehört als Laden an der Ecke ebenso wie die im gegenüberliegenden Eckhaus eingerichtete Trattoria zu den Kennzeichen des Viertels mit dem Eckkneipen-/Eckladenprinzip.

Wir biegen nach links in die Ackerstraße ein, die in diesem Teilstück unter anderem einen Dessous- sowie einen Laden für Inneneinrichtungen zu bieten hat, und gelangen zur neugotischen Liebfrauenkirche (Nr. 1 auf der Karte) aus gelbem Backstein. Sie wurde 1892 eingeweiht, nachdem in dem schnell gewachsenen Flingern eine neue katholische Pfarre gegründet worden war. Beim Wiederaufbau nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und bei späteren notwendigen Sanierungen wurden kreative Veränderungen der Architektur nicht blockiert. So wurden beispielsweise der Altarraum mit der frei stehenden farbigen Orgel, die Gewölbe und die Decke künstlerisch neu gestaltet. Das passt zu Flingern.

Im weiteren Verlauf der Ackerstraße erwarten uns wieder unterschiedliche Läden, darunter eine Goldschmiede und ein Illustration/Grafik/Text-Atelier. Die Ecke zur nächsten Querstraße, der Hoffeldstraße, ist betont durch ein Café/Bistro und einen Blumenladen. Von hier sind halb links auf der gegenüberliegenden Seite Wohnhäuser mit der typischen Ziegelarchitektur der 1920er-Jahre zu sehen. Wir biegen nach rechts in die baumbestandene Hoffeldstraße ein, die wegen einer Reihe von schön gestalteten Fassaden einen sehr wohnlichen Charakter besitzt. Die Ecken der nächsten Kreuzung mit Lindenplätzchen und Lindenstraße sind wieder hervorgehoben, diesmal durch das Restaurant „sattgrün“ und durch „die Spritterei“, ein Spezialgeschäft für Bier und Trendspirituosen.

Wir biegen rechts in die Lindenstraße ein. An einem der ersten Häuser auf der rechten Seite (Haus-Nr. 216) ist in einer Nische ein Wegkreuz (Nr. 2 auf der Karte) zu sehen. Die Fassade trägt zudem mehrere unterschiedliche Reliefs mit christlichen Motiven. Vor der Kreuzung mit der Dorotheenstraße erstreckt sich auf der linken Seite ein Flügel der Wohnanlage Eulerhof (Nr. 3) aus den 1920er-Jahren mit der seinerzeit modernen Klinkerarchitektur. Der Flügel wird unterbrochen durch breite Tore zu einem grünen Innenhof hin, in dem sich einst ein Wäschehaus und ein Badehaus mit Wannen und Brausen für die Bewohner der mehr als 200 Wohnungen der Anlage befanden. Der Eulerhof war damals ein Beispiel für fortschrittliches, sozial ausgerichtetes Bauen, nicht nur wegen der Gemeinschaftseinrichtungen, sondern auch wegen der hellen Kleinwohnungen mit eigenem WC. Die Wohnungen wurden inzwischen modernisiert und gelten als komfortabel.

Wir überqueren die Dorotheenstraße und gehen auf der Lindenstraße weiter, an deren Einmündung eine Gaststätte und ein Laden für individuelle Outfits für Frauen die Ecken beherrschen. In dem folgenden Abschnitt findet man unter anderem Geschäfte mit Kunst, Accessoires, Geschirr und Möbeln sowie die alteingesessene Regenbogen-Buchhandlung. Die Lindenstraße stößt auf die Hermannstraße mit dem Hermannplatz. Wir machen einen kurzen Abstecher nach links in die Hermannstraße, um uns die Fassaden mit Jugendstildekor an mehreren Häusern anzuschauen. Am Ende der Hermannstraße blinkt Flingerns längste zusammenhängende Einkaufsstraße, die Birkenstraße.

Nach dem Abstecher folgen wir der Platanenstraße links am Hermannplatz entlang, der mit seinen Sitzgelegenheiten und Spielgeräten Treffpunkt und Herzstück des Viertels ist, und stoßen wieder auf die Lindenstraße. An der Einmündung liegt links eine Galerie, gegenüber erhebt sich der mächtige, 1902 — in der Zeit der Expansion des Viertels — errichtete, denkmalgeschützte Bau einer Volksschule (Nr. 4) mit Brausebad für die Bevölkerung. Heute sind dort eine Kita und Wohnungen untergebracht. Die Route führt weiter über die Lindenstraße, quert die Wetterstraße mit einem Café an der Ecke und geht dann vorbei an einer ebenfalls denkmalgeschützten Schule (Nr. 100) und Geschäften zur Kreuzung Ackerstraße/Beethovenstraße. Das Restaurant Beethoven sowie das Café Hüftgold jeweils an einer Ecke, genießen Kultstatus.

Wir biegen nach rechts in die Ackerstraße ein, die in diesem Abschnitt die größte Dichte von Geschäften und Restaurants hat. Es wechseln sich unterschiedliche Läden mit Designermode, Öko-Fashion, Outdoorkleidung und Kindermode ab mit Galerien, einer Manufaktur für Garten- und Küchengeräte, einem Spezialgeschäft für Gärtner, einem Delikatessenladen und immer wieder Restaurants.

An der Kreuzung mit der Hermannstraße, an der die Eismanufaktur Nordmanns Eisfabrik mit Terrasse ein Eckgrundstück einnimmt und zu einer erfrischenden Pause einlädt, biegen wir für einen Abstecher rechts ein. Dort sind textile Raumgestaltung und Inneneinrichtung im Angebot, Hüte sowie Siebdrucke und Arbeiten aus Papier. Die Häuser an diesem Straßenabschnitt sind gepflegt und wirken wohnlich durch die individuelle architektonische Gestaltung sowie durch Rankpflanzen an den Fassaden. Wir kehren um und biegen dann rechts in die Ackerstraße, die auch auf diesem Stück durch kleine Läden belebt wird, in denen Schmuck, Accessoires, Illustrationen oder Upcycling Design angeboten werden. An der nächsten Kreuzung geht es nach links in die Dorotheenstraße Richtung Startpunkt, und wir verlassen auf der lauten Verkehrsachse das schöne, ruhige, urbane Viertel in Flingern-Nord.