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Sechs Jahre nach Deichöffnung Urdenbacher Kämpe Düsseldorf: Positives Fazit

Naherholungsgebiet : Die Urdenbacher Kämpe im Düsseldorfer Süden: Hinterm Deich hat die Natur gewonnen

Knapp sechs Jahre nach der Deichöffnung des Urdenbacher Altrheins ziehen die Biologen ein positives Fazit. Die Bevölkerung schätzt die Kämpe als Naherholungsgebiet.

Wer entlang des Urdenbacher Altrheins spazieren geht, wähnt sich in einem fast unberührten Stück Natur. Der Rhein setzt die Wiesen in den Kämpen regelmäßig unter Wasser, abgestorbene Pappeln ragen wie Marterpfähle aus dichtem Grün, während aus den Kronen umgestürzter Bäume neue Zweige sprießen. Immer wieder können Spaziergänger Tiere wie einen Graureiher oder einen roten Milan entdecken.

Knapp sechs Jahre ist es her, dass der ehemalige Sommerdeich an zwei Stellen geöffnet wurde, so dass jeder Starkregen und jedes Rheinhochwasser den Urdenbacher Altrhein über seine Ufer treten lässt. Spaziergänger haben durch zwei Brücken die Gelegenheit, Überflutungen hautnah mitzuerleben. „Das Projekt ist von der Bevölkerung sehr gut angenommen worden“, sagt Diplom-Biologin Elke Löpke, Geschäftsführerin der Biologischen Station Haus Bürgel. So gut, dass die Bevölkerung auch miterleben will, was sich in den Kämpen tut. In einer Umfrage sprachen sich 96 Prozent dagegen aus, dass Wanderwege gesperrt werden, um der Natur ihren Lauf zu lassen. „In die Deichöffnung ist viel Geld reingeflossen und jetzt will man auch wissen, ob es gut investiert ist“, sagt Löpke. Zudem werden Erholungsräume benötigt.

 Elke Löpke, Geschäftsführerin der Biologischen Station.
Elke Löpke, Geschäftsführerin der Biologischen Station. Foto: Judith Michaelis

Im Jahr 1374 änderte sich der Flusslauf des Rheins

Der Urdenbacher Altrhein nimmt heute als Bach seinen Lauf an der Stelle, an der vor 700 Jahren der Hauptstrom des Rheins floss. 1374 hatte ein Extremhochwasser den Flussverlauf verändert, bei dem der Rhein sein heutiges Flussbett einnahm. Seitdem werden die Urdenbacher Kämpe nicht mehr östlich, sondern westlich vom Rhein umströmt. Dass es auf der Höhe von Urdenbach keinen Deich gibt, ist das Verdienst der beiden Großgrundbesitzer Freiherrn von Diergardt und dem Grafen von Nesselrode. Sie wehrten sich in den 1930er Jahren gegen die Deichbaupläne des Nazi-Regimes, die in den Kriegswirren in Vergessenheit gerieten. „Mittlerweile werden Deiche eher zurückgebaut“, sagt Löpke. Ein Niederungsgewässer, das sich eigendynamisch entwickelt, sei in Nordrhein-Westfalen einzigartig.

Die Überlegung, auch den Sommerdeich zu öffnen, gibt es seit 25 Jahren. „Um die Flächen in den Kämpen landwirtschaftlich zu nutzen, war der Bach begradigt und ein Deich errichtet worden“, sagt Tobias Krause von der Unteren Naturschutzbehörde der Stadt Düsseldorf. Bevor der Deich geöffnet werden konnte, mussten zunächst Flächen angekauft werden. Das geschah durch die NRW Stiftung und die Stadt Düsseldorf. Weitere Partner sind die Bezirksregierung Düsseldorf, der Rheinisch-Bergische Wasserverband und die Biologische Station Haus Bürgel.

 Tobias Krause von der Untere Landschaftsbehörde.
Tobias Krause von der Untere Landschaftsbehörde. Foto: Young David (DY)

2014, im Jahr der Öffnung, hatten die Biologen bereits ein „Aha-Erlebnis“. Auf Flächen, auf den zuvor Brennnesseln wuchsen, stand Wasser, und Blesshühner hatten ein Nest gebaut. „Die Arten haben unmittelbar reagiert“, sagt Krause. Drei Höckerschwäne hatten Schwimmnester in den Kämpen errichten, wie sie natürlicherweise vorkommen. „Wir haben am Altrhein auch den Nachtreiher, die Waldschnepfe und den Zwergtaucher gefunden. Die hatten wir gar nicht auf dem Schirm“, sagt Krause. Auch die Vegetation verändert sich, weil die Pappeln absterben. „Sie vertragen die Überflutung nicht“, sagt Elke Löpke. Dafür finden sich häufiger Weidengebüsche und Schilf. Die seit fünfziger Jahren verschollene Gräserart Reisqueke sei neu aufgetaucht. In den Auen wächst neuerdings der Nickende Zweizahn, der wie eine kleine Sonnenblume aussieht.

Der Urdenbacher Altrhein ist jetzt ein langsam fließendes Gewässer, das vor sich hin mäandert. „Es ist die Kinderstube des Rheins. Fische wie der Hecht laichen und die Jungfische der Barbe leben hier“, sagt Elke Löpke. Das Vorkommen des Steinbeißers habe sich nach der Öffnung verzehnfacht. „Ziel ist, dass es den Fischen besser geht. Das ist unsere Verantwortung bei dem Projekt“, so Krause.

Dazu gehöre aber auch, dass der Mensch so wenig wie möglich eingreift. „Die Hechte sind nach dem Laichen erschöpft und bleiben manchmal auf der Wiese liegen. Damit sind sie eine hervorragende Beute für den Schwarzmilan und den Seeadler“, sagt Krause über den natürlichen Kreislauf. Auch als die Karpfen bei Trockenheit gestrandet seien, hätten die Biologen nicht eingegriffen. Dafür haben aber nicht alle Menschen Verständnis, so Krause. „Es gibt immer Gewinner und Verlierer in der Natur.“

Die Zahl Amphibien wie Frösche ist deutlich angewachsen. „Früher waren es Hunderte, jetzt Tausende“, sagt Krause. Auch Bachlibellen könne man häufiger sehen. Der seltenste Vogel in Düsseldorf und vom Aussterben bedrohte Pirol wird mit drei bis sieben Paaren beziffert. „Es wäre schön, wenn sich der Bestand stabilisiert“, sagt Krause, der davon ausgeht, dass Vögel, die häufig vorkommen, Platz für seltene Arten machen.

Bis 2024 erwarten die Biologen, dass die Pappeln komplett absterben, sich das Schilf ausbreitet und die ein oder andere Überraschung auftaucht. „Wohin die Reise geht, wissen wir nicht“, sagt Elke Löpke und Tobias Krause fügt hinzu, Wandel gebe es immer.