In Düsseldorf startet am 28. September das Poesiefest

Literatur: Düsseldorfer Heine-Haus veranstaltet Poesiefest

Ab Freitag zelebrieren Dichter, Musiker und Performer drei Tage lang die experimentelle Literatur.

Das Poesiefest widmet sich in diesem Jahr der sogenannten Experimentellen und Konkreten Poesie. Drei Tage lang treten renommierte Literaten, bildende Künstler und Musiker auf, die sich in ihren Büchern, Performances oder Songs auf ungewöhnliche Weise mit Sprache auseinandersetzen.

Die Buchhändler Selinde Böhm und Rudolf Müller haben das Poesiefest 2011 ins Leben gerufen und seitdem jedes Jahr unter einem bestimmten Motto veranstaltet. Zum diesjährigen Programm inspirierte die beiden ein konkreter Anlass. Es ging um das Gedicht „Ciudad“ („Stadt“) des bolivianisch-schweizerischen Schriftstellers Eugen Gomringer, einem der Gründungsväter der Konkreten Poesie. Das Gedicht prangte seit 2011 an der Fassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule – Anlässlich des Poetik-Preises, den die Hochschule dem Dichter verliehen hatte. Doch im vergangenen Jahr beschwerten sich im Zuge der Metoo-Debatte einige Studentinnen über Gomringers Poem: Es sei frauenfeindlich. Der Allgemeine Studierendenausschuss nahm sich der Sache an und verlangte, das Gedicht von der Fassade zu entfernen. Die Hochschule kam der Forderung nach. Eine kontroverse Debatte setzte ein. Selinde Böhm schlägt sich auf die Seite der Verteidiger des Gedichts, da es sich um einen Schlüsseltext der Konkreten Poesie handele.

Konkrete Poeten schreiben Texte fürs Auge und für die Ohren

Die Bewegung der Konkreten Poesie kam in den 1950 Jahren vor allem in Deutschland und Österreich auf und erschütterte die etablierte Literaturszene. Die experimentellen Verseschmiede drückten mit Sprache nicht mehr Stimmungen, Gedanken oder Sachverhalte aus, sondern machten die Sprache selbst zum Gegenstand ihrer Gedichte. Worte und Buchstaben dienten als grafisches Material. So entstanden Texte fürs Auge: Gedichte in Apfel- und Birnenform oder Häuser aus Buchstaben und Wörtern. Aber auch Gedichte zum Sprechen und Hören, etwa „schtzngrmm“ vom österreichichen Star-Lyriker Ernst Jandl. Er hat aus dem Wort „Schützengraben“ alle Vokale entfernt und die Konsonanten zu neuen Silben zusammenmontiert. Beim Sprechen meint man die Klänge von Maschinengewehrsalven und Granateneinschlägen im Krieg zu hören. Schlussendlich feierte die Konkrete Poesie ihren literarischen Triumphzug. Heute gehören Wort-Bild-Poeme oder Sprechgedichte zum Schulkanon.

Eröffnen wird das Poesiefest die österreichische Autorin Brigitta Falkner mit ihrem vielgelobten Roman „Strategien der Wirtsfindung“. Eigentlich handelt es sich um ein „Graphic poem“, denn das Buch wimmelt textlich und bildlich von Parasiten, die sich seit Urzeiten einen Wirt suchen, um zu überleben. Bei der vergangenen Frankfurter Buchmesse erhielt das Buch den „Preis der Hotlist“. Am selben Abend wird Katharina Franck ein Performance-Konzert präsentieren. Die 55-jährige Düsseldorferin bewegt sich an den Grenzen zwischen Musik und Literatur. Sie wurde 1987 mit ihrer Band Rainbirds bekannt. Sie vertonte aber auch Gedichte von Rainer Maria Rilke.

Am Samstag wird der Schriftsteller Franz Mon aus seinem Buch „Zuflucht bei Fliegen“ vortragen. Es versammelt Lautdichtungen aus über 60 Jahren. Der 92-Jährige gilt als als Pionier der experimentellen Literatur. Er wird auch mit Michael Lentz, dem Herausgeber seines Buches und selbst ein experimentierfreudiger Schriftsteller, ins Gespräch treten.

Am Sonntag schließlich empfängt Michael Lentz den Heroen der Konkreten Poesie, Eugen Gomringer. Sie werden gemeinsam Texte des 93-Jährigen lesen, über Konkrete Poesie, Konkrete Kunst und Sprache im öffentlichen Raum sprechen. Zudem stellen sie den soeben erschienenen Band „konkrete poesie: deutschsprachige autoren. anthologie“ vor, einer legendären Anthologie von 1986, in die neue Gegenwartsautoren aufgenommen wurden.

Anschließend präsentiert die Slawistin, Künstlerin und Übersetzerin Sascha Wonders den Gedichtband „Ich lebe ich sehe“ des russischen Lyrikers Wsewolod Nekrassow (1934-2009). Sie hat an der Übersetzung mitgewirkt. Es handelt sich um die erste umfangreiche Auswahl aus allen Schaffensperioden Nekrassows in deutscher Sprache.

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