Tanzhaus NRW widmet sich „response-ability“

Tanzhaus NRW : Das ist die neue Spielzeit im Tanzhaus

Wir erklären, was sich hinter dem Konzept „response-ability“ verbirgt. Und stellen kommende Produktionen vor.

Das Programm des Tanzhauses NRW zeichnet sich durch einen emphatischen Realitätsbezug aus. Dies einerseits durch die immer wieder auf Teilhabe bedachte Konzeption von Projekten — das Publikum wird nicht selten in den künstlerischen Prozess einbezogen. Andererseits finden sich in den Produktionen, die stets aus der aktuellen Bandbreite des zeitgenössischen Tanzes schöpfen, zahlreiche Bezüge zu gesellschaftlichen Themen. Ob diese nun tagespolitisch angehaucht sind, ob sie aufkeimende Diskurse aufgreifen, oder vielleicht auch vergessene Themenfelder wieder in das Gedächtnis rufen — Tanz wird am Tanzhaus neben der künstlerischen Dimension auch als Kommentar zum Zeitgeschehen gesehen.

Dies zeigt sich auch in dem Konzept der aktuellen Spielzeit „response-ability“. Ein Wort-Konstrukt, das den englischen Begriff für Verantwortung umdeutend die Worte „Antwort“ (response) und „Fähigkeit“ (ability) miteinander paart. Eine Konstruktion, die sich das Tanzhaus von der US-amerikanischen Theoretikerin und Aktivistin Donna Haraway ausgeliehen hat, wie das Haus selbst offenlegt. Zu dieser Frage nach der „Antwort-Fähigkeit“ gesellt man die deutsche Formulierung „Eine Ethik der Begegnungen“ und möchte mit diesem Themenschwerpunkt den Fokus auf die Frage richten, unter welchen Bedingungen Begegnungen mit dem „Anderen“ vonstatten gehen. „Dabei geht es darum, wie Tänzer und Choreografen mit ihrem Verständnis, den Möglichkeiten sowie der besonderen Sensibilität, die sie als Experten des Körpers mitbringen, auf neue Formen des Miteinanders blicken.“, erklärt die Intendantin Bettina Masuch.

Bettina Masuch, Leiterin des Tanzhaus NRW. Foto: Katja Illner

„Wir leben unbestritten in Zeiten, in denen das selbstverständliche Miteinander in Frage gestellt wird. In denen mitmenschliche Begegnung nicht mehr automatisch funktioniert“, führt sie aus und betont, dass man hierauf tänzerisch besonders sprechend reagieren könne. Hierzu wird es auch eine Gesprächsrunde am 13. Oktober geben. Im Begleitprogramm der Saison findet sich auch eine Gesprächsreihe zu dem Thema „Religionen und ihr Umgang mit Behinderungen, die sich an die Performance „Guide Gods“ von Claire Cunningham anlehnt. Diese wird im Haus übrigens vom 13. bis zum 15. November zu sehen sein. Man spüre ohnehin deutlich, sagt Masuch, „Choreografen wenden sich wieder sehr der gesellschaftlichen Realität zu. Das Genre Tanz hat sich eine ganze Weile selbst genügt.“ Im Lichte dieser Schwerpunktsetzung haben wir einen Überblick über die Produktionen am Tanzhaus im September und Oktober zusammengestellt:

Michael Douglas Kollektiv und Özlem Alkis Stück „Wir wollen verschwinden“ spielt mit der Unsichtbarkeit der Tänzer. Foto: Almut Elhardt

September Zur Zeit ist schon die Produktion „Wir wollen verschwinden“ von dem in Köln ansässigen Michael Douglas Kollektiv und Özlem Alkis. Die Performance, die sich mit der Wahrnehmbarkeit von Unsichtbar gewordener Körperlichkeit auseinandersetzt, ist noch am Samstag um 20 Uhr zu sehen. „Verschwinden, um neu und anders da zu sein“ heißt in diesem Fall, mit den Grenzen des Unsichtbaren zu spielen. So sind die Tänzer nahezu unsichtbar. Ab 27. September folgt sogleich schon eine weitere Uraufführung: Das „Papierstück“ von Tanzfuchs Produktion. Es wird in der Reihe Kleine Monster gezeigt. Zeitgleich vom 27. und 28. September ist Alexandra Waierstalls Kooperation mit dem Düsseldorfer Klangkünstler, der einem Piano die ungewöhnlichsten Sounds entlocken kann, zu sehen. „Anna³. The Worlds of Infinite Shifts“ reflektiert über Leben und Vergänglichkeit in seiner Schicksalhaftigkeit.

Oktober Im kommenden Monat zeigt sich das breite Spektrum des Tanzhauses auf besonders beredte Weise. Nach Manuel Liñán „Baile de Autor“ am 5. und 6. Oktober, das sich ganz dem Flamenco widmet, folgt am 6. und 7. „Atlas 1“ von Emanuele Soavi. Auftakt einer Reihe, die sich dem Körper in Ausnahmesituationen widmet. Am 11. und 12. Oktober ist die Wiederaufnahme von Yasmeen Godders „Common Emotions“ zu sehen. Das Werk der israelischen Choreografin bildet den Auftakt des Programmschwerpunkts „response-ability“. Wie können Begegnungen bei verhärteten Fronten möglich sein? Wie finden wir Zugang zu einem unbekannten emotionalen Kosmos? Bei diesem Werk, das durch eine Arbeit Godders mit an Parkinson erkrankten Menschen entstanden ist, ist das Publikum eingeladen, mit auf die Bühne zu kommen. Ganz aktive Partizipation also. Ebenfalls in der Reihe „response-ability“ folgt am 12. und 13. Oktober Saša Asentićs „Dis_Sylphide“. Bei dieser Produktion wird Inklusion in seiner Absolutheit künstlerisch spürbar. Der Choreograf arbeitet hier mit 14 Menschen mit und ohne Behinderungen. Als Ausgangspunkt dienen „Hexentanz“ von Mary Wigman, „Kontakthof“ von Pina Bausch und „Self Unfinished“ von Xavier Le Roy, die durch die Tänzer in ihre eigene ästhetische Welt transformiert werden.

Am 20. und 21. Oktober transferiert Boy Blue mit „Blak Whyte Gray“ Hip Hop auf die performative Ebene einer Bühne. Urban Dance als Kunstform. „Whyte“ blickt auf den Stillstand, „Gray“ deutet das Erwachen an, „Blak“ formuliert den Freiheitsschlag. Eine Befreiung von Zwängen. „Phoenix“, 26. und 27. Oktober, von Eric Minh Cuong Castaing und Shonen, mischt philosphisch unterfüttert eine Choreografie zwischen Menschen und Drohnen — jenen kleinen Flugmaschinen.

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