In Düsseldorf liegt Vorlesen im Trend

Lesung : In Düsseldorf liegt Vorlesen im Trend

Kinder lesen Hunden vor, Slam-Poeten performen auf Lesebühnen, Schriftsteller gastieren in Hinterhöfen. Literatur als Live-Erlebnis ist so beliebt wie nie. Warum?

Lesen und Vorlesen müssten sich im Zeitalter der digitalen Netzkultur immer mehr ins Virtuelle verlagern, meint man. Zumal Smartphone, Tablet oder E-Book das Buch immer stärker zu verdrängen scheinen und Autoren ihre Lesungen auch per Video auf sozialen Medien veröffentlichen. Das Gegenteil ist der Fall: Vorlesen und Lesen als Live-Erlebnisse sind immer gefragter. Auch in der NRW-Landeshauptstadt, die etliche Formate des gesprochenen Wortes anbietet.

So veranstaltet das Zakk seit sechs Jahren Hinterhoflesungen. An drei Abenden im August werden die Plätze hinter den Häusern zu literarischen Bühnen. Gastgeber sind entweder Privatmenschen oder soziale Vereine wie das Futuro Sí, einer Initiative für lateinamerikanische Straßenkinder. Beim Auftakt in diesem Jahr kamen rund 50 Besucher in den Hinterhof an der Corneliusstraße, um drei Literaten zu lauschen. Die von Lyrikerin Pamela Granderath moderierte Lese-Reihe ähnelt einem Konzert. Zuerst tritt ein Newcomer auf wie der Slam-Poet Nick Kokoromitis. Seine Texte drehten sich etwa um die Angst, im virtuellen Zeitalter die romantische Liebe nicht mehr hautnah zu erleben. Es folgt ein mittelbekannter Autor wie Volker Strübing, der Literatainment lieferte. Etwa eine Hymne auf den Filterkaffee der Deutschen Bahn. Als Hauptact liest ein etablierter Schriftsteller wie die Schweizer Autorin Michelle Steinbeck. Sie entführte in surreale, absurde, morbide und komische Erzählwelten. Die Hinterhoflesungen sind aus mehreren Gründen populär. Erstens finden sie an ungewöhnlichen Orten statt. So lernen die Besucher die eigene Stadt besser kennen. Zweitens spielt der Veranstaltungszeitraum eine wichtige Rolle. Der Sommer verlockt dazu, bei kühlem Weißwein, Bier und Häppchen Lesungen im Freien zu lauschen. Drittens sind die Autoren für die Zuhörer „greifbarer“ als etwa in einem Literaturhaus oder in einem Theatersaal. Sie sitzen nah an ihnen dran, können sie in der Pause oder nach der Veranstaltung sofort ansprechen.

Zuschauer wollen Literaten unmittelbar erleben

Ebenso erfolgreich erwies sich die Lesebühne „Unter Elchen“. Das Literaten-Trio Matthias Reuter, Markim Pause und Marco Jonas Jahn hat sie im Februar dieses Jahres gegründet. Die drei Literaten führen damit den Leseabend „Trio mit 4 Leuten“ fort, der zuvor im Zakk stattfand. Nun kommen Schriftsteller, Slam-Poeten, Liedermacher und Comedians immer in die Zentralbibliothek. Die humoristische Note dominiert. Ein Konzept, das bislang aufging. Immer mehr Besucher kommen zu „Unter Elchen“, zum Auftakt in die neue Saison im September mussten die Veranstalter sogar einen größeren Saal in der Zentralbibliothek organisieren. Was macht die Lesebühne so attraktiv? „Die Zuschauer sehen die Autoren nicht auf dem Bildschirm, sondern erleben sie direkt“, erklärt Slam-Poet Marco Jonas Jahn.

Kinder mögen die kleine Schrift auf den Smartphones nicht

Aber auch bei Kindern und Jugendlichen steht das „reale“ Vorlesen und Lesen hoch im Kurs. So war der diesjährige Sommerleseclub in Düsseldorf mit 1400 Teilnehmern so gut besucht wie noch nie. Das Ziel der Initiative besteht darin, Kinder in den Ferien zum Lesen zu animieren. Sie sollen jenseits der Schule ihre Lese- und Schreibkompetenz stärken und ein Interesse für Literatur entwickeln. Die Bibliothek schlägt neueste Kinder- und Jugendbücher vor, von denen die Teilnehmer mindestens drei lesen und bewerten müssen. Wer dies schafft, erhält am Ende ein Zertifikat. Zum Abschluss feiern die erfolgreichen Teilnehmer eine gemeinsame Party. Grund für den Erfolg des Sommerleseclubs seien der Wettbewerbsgedanke und das Belohnungssystem, erklärt Michaela Hutzheimer, stellvertretende Leiterin der Kinder- und Jugendbibliothek. „Außerdem haben Kinder ein Buch gerne in der Hand. So können sie Illustrationen und Texte mit einem Blick erfassen. Sie nervt die kleine Schrift“, betont Hutzheimer.

Aber auch ungewöhnliche Lese-Formate finden sich in Düsseldorf. Die Stadtteilbücherei Bilk bietet unter dem Titel „Vorlesen mit Hund - Du liest vor, der Hund hört zu“ Lesen als Therapieform an. Dazu kommt der Sozialpädagoge Stefan Knobel mit seinem Golden Retriever namens Quedo in die Bibliothek. Quedo wurde zum Therapiehund ausgebildet. Schulkinder, die unter Leseschwäche oder Schüchternheit leiden, können dem Hund laut aus Büchern vorlesen und er hört ihnen zu. Die Kinder dürfen den Hund auch streicheln. Dann spüren sie die Atmung und Körperwärme des Tieres und entspannen sich. Das Vorlesen falle dann leichter, so Knobel.

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