Düsseldorf: Wolfgang Nestler

Ausstellung : Wolfgang Nestler, Pionier der interaktiven Kunst

Im Kulturbahnhof Eller wird an einen Düsseldorfer Künstler erinnert, der mit Werken aus Stahl Furore machte. Die Besucher dürfen seine Werke anfassen, denn nur so spüren sie den Widerstand, den sie leisten.

Wolfgang Nestler wird im Kulturbahnhof Eller in die Erinnerung zurückgerufen, mit einem mehreren Kilogramm schweren Werkverzeichnis der Plastiken aus 50 Schaffensjahren und einer beispielhaften Ausstellung, in der der Bogen von den 1970er Jahren bis in die Gegenwart geschlagen wird. Eine große Leistung ist dies sowohl für den Künstler als auch für den gemeinnützigen Verein unter Ilsabe und Gerolf Schülke. Nestler bringt sich mit allen Sinnen ein. Das Werk des pensionierten Professors, der noch immer ein Standbein in Düsseldorf hat, ist aktueller denn je, zumal es in der Qualität viele Jung-Pioniere bei weitem überragt.

Nestler ist Meisterschüler von Erwin Heerich, erklärte aber dem Schöpfer der Bauten auf der Museumsinsel Hombroich schon im ersten Semester, er brauche keinen Lehrer. Eigensinn und Selbstständigkeit zeichnen Nestler seit seinen frühen Jahren aus. Nun kommt ein Motto hinzu, das bezeichnend für ihn ist, wenn er sagt: „Man darf sich bei meiner Kunst nicht nur auf die Augen verlassen.“ Deshalb gab er den Besuchern zur Vernissage einen Tonklumpen in die Hand. Sie sollten selbst erfahren, was es mit Kraft und Widerstand, Spannung und Lösung, auf sich hat. Die Fragestellung spielt bei ihm stets eine Rolle. Insofern ist Nestler stets der Lehrer geblieben, mit Professuren an der Gesamthochschule Siegen und von 1989 bis 2007 an der Hochschule der Bildenden Künste Saar.

Jedermann darf im Kulturbahnhof Eller seine Arbeiten anfassen und sich mit ihnen auseinandersetzen. Das Plakat zur Ausstellung zeigt seinen Enkel, der einen stählernen Reifen hält. Und der Großvater erklärt: „Nicht nur der Junge macht etwas mit der Skulptur, sondern sie macht etwas auch mit dem Jungen. Er stemmt sich zurück und schiebt sich gleichzeitig nach vorn, denn ein enormes Gewicht tritt ihm entgegen.

 Teilnehmer der Documenta 8 mit einem schweren Pendelobjekt

Von 1986 stammt eine stählerne Scheibe, die aus fünf Ringen gegossen ist. Sie war auf der Documenta 8 zu sehen, an der er teilnahm. Die Ringe hatte er als gelernter Schmied selbst gegossen. Der innere Ring hält den nächsten, der hält den nächsten usw. Der mittlere Ring ist mit zwei Löchern versehen, durch die ein Stahldraht gezogen ist, der über eine Schlaufe an der Decke befestigt ist. So pendelt die fünfteilige Scheibe im Raum. Sie hat aber auch drei kleinere Scheiben, die als Gewichte dienen und die der Besucher eigenmächtig verschieben kann. Auf diese Weise gerät die Scheibe in die Schräge, dreht sich, ändert ihre Position. Wer will, kann auch bereitstehende Gewichte in vorgestanzte Löcher einlassen. Alles passt zusammen, ist vom Künstler genau berechnet. Letztlich geht es um das Erlebnis durch die Gewichte und damit auch durch die Form. Man muss die Kunst dieses Mannes in die Hand nehmen und die Gesamtinstallation als Choreographie begreifen.

„Den Augen kann man bis zu einem bestimmten Punkt glauben Aber was wirklich passiert, merken sie nicht“, sagt er. Damit dies so ist, hat er zunächst in den Kulturbahnhof auf eigene Kosten einen neuen Boden aus Pressspanplatten gelegt. Denn jedes Gewicht, jeder Besucher, jedes Objekt ist Teil des Raumes.

Ein Horizont aus Eisenstäben ergibt keinen starren, sondern einen schwebenden Horizont, dank der Schwerkraft, die auf den Stab einwirkt. Stahlstangen und Flacheisen, mit Haken, Ösen, Knicken, Dornen, Stiften und Löchern versehen, verhaken sich miteinander, halten mittels Scharnieren zusammen, lassen sich aber auch in ihrer momentanen Fixierung ständig verändern. Das hat nichts mit der Minimal Art der Amerikaner zu tun. Es geht um die physische Erfahrung. Um das fragile Kräftespiel von Gestängen, Gelenkanschlüssen und Kontergewichten. Kunst als Spiel zwischen Gravitation und Balance, zwischen Zug und Druck.

Info: Kulturbahnhof, Vennhauser Allee 89, bis 4. November, Di bis So 15 bis 19 Uhr

Mehr von Westdeutsche Zeitung