Tenor Michael Weinius singt zum ersten Mal Siegfried

Interview : Tenor Michael Weinius: „Für Siegfried muss man bereit sein“

Tenor Michael Weinius singt zum ersten Mal den Siegfried in Wagners „Götterdämmerung an der Düsseldorfer Oper. Ein Gespräch über richtige Augenblicke.

Acht Wochen Proben hat Michael Weinius hinter sich. Das ist hart, aber für Wagners „Götterdämmerung“ nichts Ungewöhnliches. 370 Seiten Partitur zählt allein dieser letzte Teil der Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“, dessen erster Akt so lange dauert wie manche Puccini-Opern. Am 27. Oktober, 17 Uhr, wird „Götterdämmerung“ im Opernhaus Düsseldorf Premiere feiern. Mit der Inszenierung von Dietrich W. Hilsdorf schließt damit das vierteilige Opus Summum des Bayreuther Mystagogen und damit auch ein ehrgeiziges Projekt von GMD Axel Kober, der den schwedischen Tenor als Siegfried engagiert hatte.

Michael Weinius, der bereits im Frühjahr für sein Rollendebüt in „Siegfried“ von Publikum und Presse gefeiert wurde, stellte sich nun nach einer der Proben den Fragen unserer Redaktion.

Herr Weinius, 370 Seiten „Götterdämmerung“ – wie lange haben Sie gebraucht, die Partie zu lernen?

Michael Weinius: Rund 200 Stunden. Nicht ungewöhnlich für diese Textmenge. Denn der Text ist so wichtig in Wagner-Opern: Das Publikum muss jedes Wort verstehen können.

Was bedeutet diese Partie für einen Tenor?

Weinius: Der Siegfried krönt die Karriere jedes Wagner-Tenors, aber man muss bereit sein dafür – sowohl stimmlich als auch mental. Vor meinem Engagement in Düsseldorf habe ich bereits zwei Angebote von anderen Opernhäusern abgelehnt.

Und jetzt also doch?

Weinius: Axel Kober, mit dem ich in Mannheim gearbeitet habe, lud mich 2014 ein, diese Rolle hier zu singen. Ihm vertraue ich, weil er für mich einer der besten Sänger-Dirigenten ist. Er hat die spezielle Fähigkeit, die Bedürfnisse eines Sängers zu erspüren. Auch in schwierigen Phrasen fühle ich mich bei ihm sicher.

Tristan, Parsifal, Siegfried, Lohengrin. Mit 47 haben Sie alle großen Wagner-Helden ‚drauf’. Es fehlt nur noch der Tannhäuser, warum?

Weinius: Es gibt genügend gute Sänger, die den „Tannhäuser“ singen. Ich weiß nicht, ob ich so gut wäre wie die. Vielleicht in drei Jahren.

Warum debütieren Sie mit dem Siegfried in der Rheinoper und nicht in Wien oder München?

Weinius: Düsseldorf/Duisburg ist ein sehr gutes Haus für ein Rollen-Debüt. Für die Neuproduktion ist die  Probenzeit ausreichend lang, und man hat freundliche Menschen um sich.

Begonnen haben Sie als Bariton. Wie kam es zum ‚Fachwechsel’?

Weinius: Anfang der 2000er Jahre spürte ich, dass ich die hohen Register ohne Mühe singen konnte, habe mich 2003 zurückgezogen und 2004 meine erste Tenor-Partie, den Laca in „Jenufa“, gesungen. Drei Jahre später kam dann mit Parsifal die erste Wagner-Oper.

Sie haben auch italienisches Fach, Puccini und Verdi, gesungen. Warum heute nicht mehr?

Weinius: Ich würde das immer noch gerne machen und singe auch in anderen Ländern Lieder von Schubert und Hugo Wolf. Die sind sehr gut für meine Stimme. Aber wenn man sich in Deutschland als Wagner-Tenor etabliert hat, steckt man in einer Schublade. Und es ist schwierig, da wieder rauszukommen.

Gut für die Stimme, sagen Sie. Heißt das, Sie passen auf Ihre Stimme auf?

Weinius: Das müssen alle Sänger, besonders Tenöre. Man darf nicht forcieren und niemals versuchen, einen anderen Sänger zu kopieren. Man muss mit dem Material singen, das man hat. Darauf achtet auch mein Coach in Schweden. Und ich versuche, alle Wagner-Opern lyrisch zu singen. Denn Wagner will, dass die Tenöre singen und nicht schreien. Außerdem stehe ich maximal 40 Abende pro Jahr auf Opernbühnen, hinzu kommen Konzerte und fünf Liederabende. Mehr geht nicht.

Gibt es strikte Regeln vor Premieren?

Weinius: Man sollte sich nicht hysterisch um die Stimme ängstigen. Aber ich telefoniere vor langen Abenden nicht und vermeide Rotwein. Wenn ich schon mal Alkohol trinke, dann ein Bier und einen Whisky. Die sind besser für meine Stimme.

Wann haben Sie sich für eine Opern-Laufbahn entschieden?

Weinius: Mit elf Jahren, im Kinderchor in Stockholm. Und nach dem Abitur habe ich ein Jahr im Opernchor gesungen. Das war die beste Schule als Sänger. Noch heute erinnere ich mich an die Gerüche und die angespannte Bühnen-Atmosphäre. Stunde für Stunde stand ich da auf der Bühne. Das muss man mögen. Es ist harte Arbeit, aber der Alltag. Glamour und Beifall sind wunderbar, aber nur ein kleiner Teil davon.

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