Düsseldorf: Interview mit Lutz Hübner zu neuem Stück

Interview : Lutz Hübner: „Oft endet der Abend in einem Besäufnis“

Lutz Hübner und Sarah Nemitz haben „Abiball“ fürs Schauspielhaus inszeniert. Ein Gespräch mit Lutz Hübner über moderne Abibälle, das Empty-Nest-Syndrom und Vielschreiberei,

Lutz Hübner und Sarah Nemitz gelten als das erfolgreichste Autoren-Duo auf deutschsprachigen Bühnen. Seit 1994 schreiben sie Stücke, die den Nerv der Zeit treffen, zunächst für Jugendliche, später dann auch für Erwachsene. Der Knüller war bislang „Frau Müller muss weg“ – ein Stück über Lehrer, Schüler und Eltern, das sogar von Regisseur Sönke Wortmann verfilmt wurde. Derzeit probt das Schauspielhaus an „Abiball“ – der neuen Tragikomödie aus der Feder von Hübner und Nemitz. Am 19. Oktober ist die Uraufführung auf der großen Bühne des Schauspielhauses am Gustaf-Gründgens-Platz. Unsere Zeitung sprach mit Lutz Hübner.

Herr Hübner, haben Sie schon mal einen Abiball erlebt?

Lutz Hübner: Ja, vor drei Jahren, als unsere Tochter ihr Abitur bestanden hat. Danach dachten Sarah Nemitz und ich, dass sich daraus theatralisch etwas machen lässt.

Was ist denn so außergewöhnlich an einem Abiball?

Hübner: Ich kannte so etwas nicht. Nach meinem Abi haben gab’s ein paar Bierkästen und wir feierten auf einer Bank auf einem Parkplatz. Unter uns Schülern, ohne Eltern. Heutzutage aber ist ein Abiball ein Groß-Ereignis, an dem Eltern, Verwandte und Lehrer teilnehmen. Es ist eine Art Abschiedszeremonie für alle, danach gehen die Kinder meist aus dem Haus, zum Studium oder in ein Auslands-Jahr.

Woher kommt diese Einrichtung Abiball?

Hübner: Das schwappte Mitte der 90er Jahre aus den USA nach Deutschland rüber. Es ist eine Variante des traditionellem College-Balls. Eine aufregende Maskerade, weil die meisten Mädchen das erste Mal in ihrem Leben ein langes Ballkleid tragen und die Jungs ihren ersten Anzug. Alle machen sich schön für diesen Abend, alle sind emotional.

Ist das nicht teuer?

Hübner: Oh ja. Eltern blättern sehr viel Geld für diese Bälle hin. Und Schüler investieren enorm viel Zeit in die Vorbereitung – manchmal mehr als in die der Abi-Prüfung. Und der Abend mündet nicht selten in einem großen Besäufnis.

Bedeutet der Ball für die Eltern einen Einschnitt?

Hübner: Der Ball symbolisiert eine Zäsur. Man ist nicht mehr für die Lebensplanung der Kinder verantwortlich. Man weiß: Ab jetzt sind wir nicht mehr zuständig. Psychologen nennen das auch „Empty-Nest-Syndrom“: Auch die Eltern müssen sich neu erfinden und auf einen neuen Lebensabschnitt vorbereiten.

Es geht also eher um die Eltern in Ihrem Stück?

Hübner: Um die Jugendlichen, aber auch um ihre Eltern. Wir erzählen viele kleine Geschichten. Es wird eine Reise in die Nacht, von acht Uhr abends bis nach Mitternacht erzählt. Im Verlauf des Abends kristallisieren sich die Konflikte der einzelnen Figuren immer mehr heraus, so gibt’s z.B. bei Patchwork-Familien genügend Zündstoff bei der Frage: Wer beansprucht, dabei zu sein? Tanten, Onkel, Großeltern? Der leibliche Vater? Oder darf das auch der neue Lebenspartner der Mutter?

Kommen denn Figuren, die Sie beim Ball Ihrer Tochter erlebt haben, vor?

Hübner: Nicht Eins zu Eins. Geschichte und Figuren sind fiktional. Sarah und ich haben lange recherchiert, Figuren konstruiert und eine Erzählform gesucht. Das kostet die meiste Zeit, erst dann entstehen die Dialoge.

Das Ganze klingt auch nach Boulevard. Oder?

Hübner: Hängt davon ab, was Sie darunter verstehen. In Deutschland werden Autoren schnell in eine Schublade gesteckt. Es ist eher, wie viele unserer Stücke, zwischen Komödie und Tragödie angesiedelt. Reines Boulevardtheater lebt überwiegend von Pointen und hoher Geschwindigkeit. Aber vergessen Sie nicht: Theater ist kein Hörsaal, sondern muss emotional berühren.

Sie reagieren aber, wie in Seifenopern, auf gelebte Wirklichkeit?

Hübner (schmunzelt): An solche Vorwürfe gewöhnt man sich. Die Aufgabe des Theaters ist es nicht, die Wirklichkeit abzubilden, aber auf sie zu reagieren. Und damit einen Beitrag zu einer gesellschaftspolitischen Debatte zu leisten.Das kann auch ein Abiball sein, an dem sich alle aufdonnern und einige Teilnehmer mehr oder weniger große Reden halten, solange nachvollziehbare Konflikte verhandelt werden.

Nach den Publikums-Rennern „Willkommen“ und „Paradies“ ist dies das dritte Stück, das sie für das Schauspielhaus unter Wilfried Schulz schreiben.

Hübner: Ja. Seit 1999 arbeiten wir regelmäßig zusammen, vorher in Hannover und Dresden. (2010 wurde dort das Erfolgsstück „Frau Müller muss weg“ uraufgeführt“). Es gibt keinen anderen Intendanten, mit dem wir so lange so intensiv zusammenarbeiten. Begonnen haben wir mit Stücken für Jugendliche. Doch Schulz ermutigte uns, auch verstärkt Stücke für Erwachsene zu schreiben.

Sie und Ihre Frau gelten als Vielschreiber.

Hübner: Wir schreiben ein bis zwei Stücke pro Jahr. Möglich ist das nur, weil wir eng mit zwei Häusern, jetzt Düsseldorf und Frankfurt (wo im November ‚Furor‘ Uraufführung hat) zusammenarbeiten. Da gibt es Dramaturgen und Regisseuren, mit denen wir schon viele Stücke entwickelt haben. Aus diesem Teamgeist heraus entstehen die meisten Uraufführungen.

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