Schock vor dem geräumten Grab

Schock vor dem geräumten Grab

29 Jahre lang hat Dorothea Middendorf das Grab ihres verstorbenen Mannes gepflegt — bis es plötzlich weg war.

Burscheid. Es war ein großer Schock. Seit 29 Jahren pflegt Dorothea Middendorf das Grab ihres verstorbenen Mannes. Bis Samstag. Denn als sie kleine Hecken und Blumen für den Herbst auf dem Burscheider Friedhof pflanzen will, ist das Grab ihres Mannes geräumt. Die Graniteinfassung, der Grabstein, die Grabvase und die Bepflanzung: restlos verschwunden.

Dorothea Middendorf ist sofort klar, dass es sich um einen Irrtum handeln muss. Trotzdem schaut sie zu Hause noch einmal in ihren Dokumenten nach. Dort steht es schwarz auf weiß: Durch eine Verlängerung aus dem Jahr 2008 gilt das Grabnutzungsrecht noch bis zum August nächsten Jahres.

Sie wartet bis Montag und kontaktiert das Friedhofsamt, aber dort kann man ihr keine Auskunft geben. Am Dienstagmorgen folgt dann die Entschuldigung der Stadt und das Versprechen, das Grab werde wieder hergestellt.

Doch die nächste Hiobsbotschaft kommt sofort hinterher: Der Grabstein ist schon zerstört. Davon zeugen auch Hinweise auf dem schon lange unbenutzten Nachbargrab: Kalkartige Spuren bedecken Boden und Pflanzen, offensichtlich wurden noch vor Ort Teile des Grabschmucks beschädigt.

Willy Löher junior vom Entsorgungsdienst Löher bestätigt den Verdacht: „Die Grabreste wurden bereits Mitte der vergangenen Woche bei uns angeliefert und liegen hier maximal einen Tag, bevor sie an Recycling-Unternehmen weitertransportiert werden.“ Den Stein in einem Stück wieder zu bekommen, sei aussichtslos.

Trotz des ungeheuerlichen Vorgangs ist Dorothea Middendorf beim Ortstermin am Vormittag gefasst. Wahrscheinlich hätte sie die Verlängerung der Grabnutzung im kommenden Jahr nicht noch einmal beantragt.

„Trotzdem hätte ich den Zeitpunkt natürlich gerne selbst bestimmt“, sagt die 72-Jährige. Außerdem habe sie bereits mit ihren Kindern verabredet, dass der Grabstein nach dieser Zeit in ihrem Garten hätte stehen sollen.

Währenddessen lief am Dienstag die Spurensuche nach der Ursache des Missgeschicks. Jürgen Malzkuhn von den Technischen Werken Burscheid: „Wir bekommen den Auftrag, das Grab zu räumen, direkt von der Friedhofsverwaltung. Die Gräber sind im Liegenschaftsbericht eindeutig nummeriert“, schließt er eine Verwechslung aus, auch wenn die Nummerierung nicht direkt an den Gräbern zu sehen ist.

Nach aktuellem Stand der Rekonstruktion war ein Fehler im neuen EDV-System der Friedhofsverwaltung verantwortlich für die vorzeitige Grabräumung. Stadtsprecherin Renate Bergfelder-Weiss: „Im neuen System stand August 2008 als Auslaufdatum für die Grabnutzung — ohne Vermerk auf eine Verlängerung.“ Außerdem sei kein Name zu dem Grab notiert worden, sodass eine Kontaktaufnahme zu den Besitzern unmöglich gewesen sei.

„Die Verwaltung entschuldigt sich für den bedauerlichen Fehler. Wir werden Gespräche mit Frau Middendorf aufnehmen, um uns auch persönlich zu entschuldigen und den Schaden wiedergutzumachen“, so die Sprecherin. Der noch nicht genau zu beziffernde Sachschaden werde über die Versicherung abgewickelt.

Dass sie trotz des Vorfalls auf dem Friedhof ihren Humor nicht verloren hat, beweist Dorothea Middendorf vor Ort: „Ich habe sofort dort drüben nachgeschaut und bin froh, dass meine Schwiegereltern noch da sind.“

Mehr von Westdeutsche Zeitung