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Interview: „Die Grenzen zwischen den Disziplinen verschwimmen immer mehr“

Interview : „Die Grenzen zwischen den Disziplinen verschwimmen immer mehr“

Am 1. Oktober startet die Jubiläumsausgabe des Film Festivals Cologne. Wir haben mit der Festivaldirektorin Martina Richter über die Herausforderungen in Corona-Zeiten und über die Höhepunkte beim Festival gesprochen.

Mit welcher Sorge blicken Sie in Krisenzeiten auf die derzeit steigenden Corona-Zahlen?

Martina Richter: Wir beobachten die Entwicklung von Covid-19 seit dem Ausbruch der Pandemie sehr intensiv. Unser Plan war es dabei immer, so viel wie möglich physisch stattfinden zu lassen, um trotz allem ein Angebot an Kultur aufrecht zu erhalten. Wir haben ja immerhin den Vorteil, dass unsere Veranstaltungen in Kinos stattfinden, wo die Menschen einfach stillsitzen und nach vorne auf die Leinwand schauen. Da gibt es keine Bewegung. Das strenge Hygienekonzept der Kinos haben wir dabei noch einmal verschärft. Jeder Besucher muss eine Maske tragen, bis er am Platz sitzt, den er zügig erreichen soll. Zwischen den Gruppen, die sich gemeinsam angemeldet haben, sind die erforderlichen Abstände gewährleistet. Es gibt bei allen Besuchern die Möglichkeit zur Rückverfolgung, und es stehen ausreichend Spender mit Desinfektionsmittel bereit. Außerdem gibt es ein Einbahnstraßensystem, damit sich keine Wege kreuzen. Das alles gilt auch bei der Preisverleihung im Palladium. Es wird keine Empfänge oder ein geselliges Beisammensein im Foyer geben können. Das ist schade, aber unbedingt notwendig. So sehe ich uns gut aufgestellt, nur wenn die Kinos wieder geschlossen würden, hätten wir ein Problem.

Wie schwierig ist es, internationale Stars in diesen Zeiten nach Köln zu holen?

Richter: Wir haben viele Zusagen auch von internationalen Filmgästen bekommen, die gerne ihre Filme bei uns präsentieren möchten. Das gilt zum Beispiel für den Hauptdarsteller von „Pan Tau“ oder des Cast von „Deutschland 1989“. Zudem haben alle Preisträger bislang ihr Kommen zugesagt. Natürlich hängt alles von den Bestimmung und möglichen Reisebeschränkungen ab. Man hat aber das Gefühl, dass die Menschen froh sind, wieder physisch vor Ort sein zu können, um neue Produktion zu präsentieren oder um sich diese anzusehen.

Hatten Sie den Blick jetzt auch auf das Filmfestival in Venedig gerichtet?

Richter: Das Festival dort haben wir sehr genau beobachtet, auch wenn es natürlich deutlich größer ist als unsere Veranstaltung in Köln. Sorgen haben uns da Bilder von Menschen bereitet, die eng zusammenstehen, sich umarmen oder gemeinsam nah auf nah feiern. Das wird es bei uns so nicht geben. Wir achten da sehr auf die Regeln.

Wie hat sich die Corona-Krise auf das Programm ausgewirkt?

Richter: Anfang des Jahres hatten wir die Sorgen, dass es 2020 nur wenige attraktive Produktionen geben wird. Das hat sich aber nicht so erwiesen, es gibt durchaus spannende Produktionen, die wir präsentieren können, auch wenn wir nicht die ganz so große Auswahl hatten wie in den Vorjahren. Wir sind aber sehr zufrieden, es wird Premieren in Köln geben und viele internationale Produktionen, die hierzulande noch nicht zu sehen waren.

Worauf freuen Sie sich im Vorfeld am meisten?

Richter: Spannend ist auf jeden Fall der Vinterberg-Film „Another Round“ mit unserem Preisträger Mads Mikkelsen. Aber es ist schwer, etwas herausnehmen, da unser Programm sehr vielfältig ist. Freuen kann ich mich auf jeden Fall auf unseren zweiten Global Day, bei dem es darum geht, Bewegtbilder als entwicklungspolitisches Instrument zu nutzen, um Leute zu aktivieren und zu bewegen.

Welche Tipps hätten Sie beim Programm für unsere Leser?

Richter: Natürlich ist alles spannend, aber wir haben in diesem Jahr wieder besonders tolle Serien wie „Des“ oder „Breaking Even“. Ebenfalls sehr empfehlenswert sind auch unsere Dokus mit „Bhagwan“, „I am Greta“ oder „Acasa, My Home“ von unserem phoenix-Preis-Träger Radu Ciorniciuc.

Wo liegen die Schwerpunkte des Festivals in Köln?

Richter: Die verschiedenen Genres und Disziplinen verschwimmen immer mehr. Daher ist der Diskurs, wo es mit dem Bewegtbild hingeht, sehr wichtig für uns. Es hat nicht verwundert, dass im Vorjahr ein Game mit Hollywood-Schauspielern einen Preis gewonnen hat. Insgesamt gesehen gibt es in unserem Programm eine leichte Verschiebung vom Fernsehen hin zum Kinofilm. Trotzdem gibt es aber auch in diesem Jahr herausragende TV-Movies und -Serien.

Wie hat sich das Festival in den vergangenen 30 Jahren verändert?

Richter: Wir sind unserem Motto treu geblieben, internationalen Input nach Köln zu bringen, der die Branche inspirieren kann. Besonders interessant ist es für uns zu aufzuzeigen, wie in Zeiten zunehmender Digitalisierung und Virtualisierung des Lebens Geschichten erzählt werden. Ein aktuelles spannendes Beispiel ist der neue Nolan-Film „Tenet“, in dem nicht nur Zeit und Raum komplett aufgehoben werden, sondern auch die Grenzen zwischen Film und Game weitgehend verschwinden. Hier inspirieren sich die Medien gegenseitig.

Welche Rolle nimmt die digitale Welt ein?

Richter: Sie hat zum Beispiel den Vertrieb revolutioniert. Es gibt in der digitalen Welt viele Plattformen für das Bewegtbild, ganz jenseits von Kino und Fernsehen. Ein Blick darauf werfen wir unter anderem bei unserem Future-Day.

Im Sommer gab es schon einen kleinen Vorgeschmack auf das Jubiläumsfestival.

Richter: Bei den Open-Air-Veranstaltungen in Odonien war von Anfang an alles ausgebucht. Beim Kinobesuch haben die Leute anfangs noch gezögert. Das hat sich seit Mitte August aber auch wieder zum Besseren verändert. Wir hatten für unser Angebot eine sehr gute Resonanz.

Wie wichtig ist der Filmpalast als Zentrum für das Festival?

Richter: Der Filmpalast ist ein großes Geschenk für uns. Dort stehen uns ausreichend viele Kinos in verschiedenen Größen je nach Bedarf zur Verfügung. Der Filmpalast ist mitten in der Stadt, und wir haben es mit vielen Kooperationspartnern wie Cafés oder Restaurants geschafft, um das Kino herum eine Festivalmeile in der Innenstadt zu schaffen.

Weitere Infos unter:

www.filmfestival.cologne