Modell-Präsentation im Museum Ludwig: Anschlags-Mahnmal ohne Standort

Modell-Präsentation im Museum Ludwig : Anschlags-Mahnmal ohne Standort

15 Jahre nach der Explosion der Nagelbombe des NSU in der Keupstraße ringt Köln um einen Platz für das Denkmal. Künstler Ulf Aminde sieht nur einen möglichen Ort.

Am 9. Juni lag der Nagelbombenanschlag des NSU in der Kölner Keupstraße 15 Jahre zurück. Und dreieinhalb Jahre liegt der Kölner Ratsbeschluss zurück, ein Denkmal „in der Keupstraße bzw. in ihrer unmittelbaren Nähe“ aufzustellen. Der Berliner Künstler Ulf Aminde ging 2016 aus einem Wettbewerb als Sieger hervor. Aber seine Idee harrt weiter der Umsetzung.

Das Modell des geplanten Mahnmals im Foyer des Kölner Museums Ludwig wirkt denkbar unspektakulär. Es ist eine zehnfach verkleinerte Darstellung der 30 Zentimeter hohen, 24 Meter langen und sechs Meter breiten Bodenplatte, die Aminde auf dem Eckgrundstück Keup­straße/Schanzenstraße platzieren will. Der Grundriss entspricht exakt dem Haus des Friseurs Özcan Yildirim, vor dessen Laden die Bombe explodierte. Die Ausrichtung der Platte soll parallel zu dem nahen Originalgebäude erfolgen.

Das Mahnmal ist aber nicht als reiner Ort der Begegnung konzipiert. Mit einem WLAN-Netzwerk vor Ort und einer speziellen App können Besucher auf dem Smartphone oder Tablet ein virtuelles Gebäude errichten. Die Bausteine sind in Wirklichkeit Filme, die von den Anwohnern, Schülern und Studenten schrittweise beigesteuert und dann ausgewählt werden – als „eine Bühne, die eine zukünftige Gesellschaft der vielen beschreibt“, wie Aminde sagt.

Eigentümer lehnen das Mahnmal an der geplanten Stelle ab

Die Sache hat nur einen entscheidenden Haken: Das Grundstück steht nach jetzigem Stand nicht zur Verfügung. Es gehört der Bauherrengemeinschaft „Schanzenstraße 22 GbR“, als deren Geschäftsführer der Gesellschafter Bernd Odenthal fungiert, einst BAP-Keyboarder der ersten Stunde und später erfolgreicher Immobilienunternehmer. Die Investoren wollen das gesamte Grundstück einer Neubebauung zuführen, die Mahnmalspläne zumindest an dieser Stelle lehnen sie ab, auch wenn sie betonen, dem Denkmal grundsätzlich positiv gegenüberzustehen.

Seither entspinnt sich in Köln eine Debatte zwischen Stadt, Anwohnerinitiativen, Medien und den Grundstückseigentümern, in der es vor vertraulichen und öffentlichen Äußerungen, Verdächtigungen, Forderungen, Kränkungen und Missverständnissen nur so wimmelt. Auf der Strecke bleibt das, was nach dem Horror des Anschlags, den nachfolgenden jahrelangen falschen Verdächtigungen und gerade auch vor dem Hintergrund des aktuellen rechtsextremen Mordfalls doch Ziel aller Beteiligten sein müsste: Klarheit zu gewinnen, wo und wann denn das Mahnmal nun entstehen kann.

Das Museum Ludwig will durch die Präsentation des Modells im Foyer bis zum 28. Juli dazu beitragen, „die Diskussion voranzutreiben und einen Ort zu finden“, wie Direktor Yilmaz Dziewior sagt. Den Anwohnern, das macht Mitat Özdemir, Vertreter der Initiative „Herkesin Meydani – Platz für alle“, deutlich, ist die Umsetzung an genau der Stelle in Sichtweite des Tatorts wichtig. Auch Künstler Aminde hält das Eckgrundstück für unausweichlich, um seine Idee der Parallelität zum Originalgebäude zu erhalten. Das letzte Wort hätten aus seiner Sicht aber die Anwohner und Betroffenen.

Der Integrationsrat der Stadt Köln hat zum 15. Jahrestag des Anschlags eine Resolution verabschiedet, in der er an die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, die Mitglieder des Stadtrats und der Bezirksvertretung Mülheim und die Eigentümergemeinschaft des Grundstücks appelliert, die Realisierung des Denkmals an der Ecke Keupstraße/Schanzenstraße sicherzustellen. „Wir haben uns ein Stück weit alleingelassen gefühlt“, sagt der stellvertretende Vorsitzende Ahmet Edis.

Wir – damit sind neben dem Integrationsrat auch die Interessengemeinschaft Keupstraße und die Initiative „Keupstraße ist überall“ gemeint. „Durch die NSU-Morde ist sehr viel kaputtgegangen“, beschreibt Edis das erschütterte Vertrauen der Migranten in die Institutionen, die Sicherheitsbehörden und die Politik. Geblieben sei das Gefühl, „dass es eine unterschiedliche Wertigkeit von Leben gibt“.

Noch keine Zu- oder Absage
zu alternativen Standorten

Ob aber die gewünschte Standortentscheidung so rasch wie gewünscht erfolgt, ist allerdings fraglich. Einen Bebauungsplan, der planungsrechtliche Verbindlichkeit schaffen würde, gibt es noch nicht. Auch Geschäftsführer Odenthal erklärt, zunächst müssten die Planungen für das Gesamtgrundstück vorangetrieben werden. Definitiv abgelehnt habe man nur den von den Anwohnern favorisierten Ort für das Mahnmal. „Wir haben alternative Standorte auf unserem Grundstück weder zu- noch abgesagt.“ Man habe aber alle Beteiligten gebeten, auch über andere Standorte außerhalb des eigenen Grundstücks nachzudenken. In das Denkmalsverfahren sei man nicht involviert gewesen, sondern „Anfang 2017 bei der Vorstellung des Ergebnisses und des Standorts vor vollendete Tatsachen gestellt worden“.

Am Rand der Menschengruppe, die die Präsentation des Denkmal-Modells im Museum Ludwig verfolgt, steht Muhammet Ayazgün (45). Das Attentat in der Keupstraße hat der Cafébesitzer 17 Meter vom Explosionsort entfernt überlebt. Sein linkes Ohr ist seither fast taub. Über das Mahnmal sagt er: „Für mich ist das ein wichtiges Symbol, nicht einfach nur eine Betonplatte.“ Käme es an eine andere Stelle als die vorgesehene, „gibt es keine Verbindung mehr zur Straße und zum Tatort“.

Von den Investoren, die dem Viertel mit den geplanten Baumaßnahmen künftig ihren Stempel aufdrücken werden, so sieht er es, „muss auch etwas zurückkommen. Es ist für die Menschlichkeit, es ist für die Demokratie.“

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