1. Kultur

Herman van Veen in der Wuppertaler Stadthalle

Sänger und Geschichtenerzähler : Herman van Veen verzaubert sein Publikum

Gefeiertes Konzert des mittlerweile 77-Jährigen in der Historischen Stadthalle Wuppertal.

„Hallo Menschen“ ruft Herman van Veen zur Begrüßung. Er meint die Menschen, die seit Jahrzehnten zu den  Konzerten dieses virtuosen Holländers kommen. So wie jetzt auch wieder in die imposante Wuppertaler Stadthalle. Er komme ja alle paar Jahre mal wieder hier vorbei, sagt er. Und: der größte Teil seines Publikums sei inzwischen gestorben. „Ihr hier gehört zu den übrig Gebliebenen.“ Melancholisch klingt das. Und doch applaudieren die mit van Veen gealterten Fans. Ihm und wohl auch sich selbst. Glücklich, immer noch dabei zu sein. Bei diesem Konzert, bei dem schon vorher gewiss war: Für den Ticketpreis gibt es einen bunten Strauß an „Gegenleistung“: Geigenmusik, melancholische Stücke, Klassik, Chansons, fröhliche Lieder, Comedy, Tanz, Varieté und viele kleine Geschichten. Erzählt in diesem liebenswerten holländischen Akzent.

Van Veen kokettiert mit seinem Alter. Wenn er, der mittlerweile 77-Jährige, der immer auch ein großer Tänzer war, weiterhin den Hüftschwung oder den Moonwalk zeigt. Um sich dann gespielt an den schmerzenden Rücken zu fassen. Und sich mit einem langen Schuhlöffel die Slipper über die knallroten Kniestrümpfe zieht.

Melancholisch, ernst, heiter - ein großer Geschichtenerzähler

„Mit dem Wissen von jetzt“ heißt seine aktuelle Tournee. Und das klingt wie Alters-Abgeklärtheit, die ihm gewiss nicht abzusprechen ist. Und doch: Der Clown aus Utrecht, der immer auch politisch gewesen ist, erzählt von seiner Verzweiflung an der Welt.  Der Krieg habe doch so viele Jahre in einer Kiste auf dem Dachboden gelegen, sagt er konsterniert. „Wir hatten ihn vergessen. Beim Brexit, bei Trump, bei Putin habe ich gedacht, das kann doch wohl nicht wahr sein. Dreimal habe ich mich geirrt.“ Das erinnere ihn an seine Großmutter und deren Rat: „Glaub nicht alles, was du denkst.“

Nein, er könne nichts schöner machen in dieser Zeit der Machtlosigkeit. Und doch gelingt ihm das. Jedenfalls für die Menschen hier, jedenfalls für diese knapp zweieinhalb Stunden an diesem Abend. Mit seinen großartigen Begleiterinnen und Begleitern  auf der Bühne, denen er viel Freiraum lässt: Die göttlich Gitarre spielende Edith Leerkes, vor der van Veen denn auch einmal niederkniet. Jannemien Cnossen (Violine und ausdrucksstarker Gesang) sowie Bassist Kees Dijkstra.

Ganz wunderbar faltet Herman van Veen diesen Bassisten  zum Schein zusammen - aus gespielter Unzufriedenheit über dessen Performance. Er begräbt Dijkstra unter dem Redeschwall einer komplett erfundenen Sprache, deren Laute ihren Ursprung im skandinavischen, wechselweise im arabischen Raum zu haben scheinen. Das noch am ehesten verständliche Wort dieser Tirade ist  das „Ürschlüch“.

Immer wieder unterbricht Herman van Veen die Musik mit seinen kleinen Geschichten, manchmal sind es nur ganz kurze. Wie die Kindheitserinnerung, dass er so gern das Fahrrad seiner Schwester gehabt hätte. Nein, natürlich habe er ihr  nicht gewünscht, dass sie ihren Po verliere. Aber wenn es denn doch dazu kommen sollte, dann würde es vielleicht was mit dem Fahrrad, so die geheimen Gedanken.

Van Veen weiß sogar vom Tag seiner Zeugung zu erzählen, den er auf den 6. Juli 1944 datiert. Wie seine Eltern ein Bad nehmen. Wie sie sodann aushandeln, wer oben und wer unten liegt und wie die am Ende unten Liegende anmerkt, dass die Decke des Schlafzimmers mal wieder gestrichen werden müsse.

Dann eine Geschichte aus späterer Zeit, als er selbst schon Vater ist. Und mit der Partnerwahl der heranwachsenden Tochter nicht klarkommt. Wie er dem Jüngling „mit diesem Pimmel“ im eigenen Badezimmer begegnet und wie erleichtert er doch ist, als die Tochter sich später in eine Frau verliebt.

All das zum Schreien komisch erzählt. Komik, die sich mit Melancholie abwechselt. Er singt sein Jahrzehnte altes Lied „Später“ über ein alt gewordenes Paar, das sich immer noch liebt. Oder auch nur eine Schicksalsgemeinschaft ist. „Das Lied, das früher mal ,Später‘ hieß“,  sagt van Veen mit Blick aufs eigene Alter. Und immer mehr zum „Jetzt“ wird. Das Stück, das Zeilen enthält wie diese: „All mein Ärger wird verrauchen und dich stört an mir nichts mehr, denn wir brauchen uns doch sehr, wenn sie uns mal nicht mehr brauchen.“

Wie die Noten ins
Publikum flattern

Der Tod spielt eine Rolle in seinen Geschichten, wenn er etwa über seine Mutter spricht, die  doch „aussah wie eine Mischung aus Queen Elizabeth und Elton John“. Welch ein Bild da entsteht in den Köpfen des Publikums! Und wie nach ihrem Tod die Welt sich einfach weitergedreht habe. Als sei nichts geschehen. Wir alle kennen wohl diese Empörung über einen schmerzlichen Verlust - und den trotzdem unbeeindruckt weiter laufenden Alltag. Oder wie van Veen es sagt: „Und jeden Tag wurde es wieder Viertel nach sieben.“

Nur wenige alte Stücke spielt er an diesem Abend. Aber das ist gut so, die haben die Menschen ja sowieso im Regal, als CD. Eher wohl als LP, oder Musikcassette, so lange ist das her. Van Veen und sein Team haben so viel Unterhaltsames, so viel Lustiges, so viel Virtuoses zu bieten. Von Chansons wie Edith Piafs „Je ne regrette rien“ über Klassik bis Rock‘n Roll.

Eine wunderbare Szene aus der Mitte des Konzerts hätte auch schön an dessen Ende gepasst. Da sitzt er am Flügel, spielt mit der rechten Hand die letzten Töne des ausklingenden Stücks. Er hält die linke Hand unter die Tasten und fängt die Töne auf. Geht an den Bühnenrand, die linke Hand ist jetzt zur Faust geballt. Und wirft die in Papierschnipsel verwandelten Noten (Zauberer ist er schließlich auch) ins Publikum. Was für ein Abend für die Menschen, auch wenn sie dafür ein WM-Finale verpasst haben. Sie wurden mehr als unterhalten. Verzaubert.