Ein Tag im Blitzerwagen

Ausgestattet mit modernster Technik, legt sich Michael Philipp regelmäßig auf die Lauer nach Temposündern. Seine Erlebnisse mit Rasern könnten Bücher füllen, sagt er.

Grevenbroich. Morgens um 7.30 Uhr ist die Welt für Michael Philipp in Ordnung. „Seit 6 Uhr sitze ich im Blitzer“, erzählt der Mitarbeiter des Ordnungsamtes. An Sommertagen wie diesen könnten ihn höchstens die Temperaturen in seinem von außen so harmlos wirkenden Auto schocken. „Wir haben hier schon Spitzenwerte von 65 Grad gemessen“, erklärt er unaufgeregt. Sich im Job zwecks Reportage über die Schulter gucken zu lassen, kann ihn nicht ins Schwitzen bringen.

Ein Tag im Blitzerwagen

Nicht Thermometer sind die wesentlichen Accessoires seiner Ausstattung, sondern Kameras. Per Radarantenne mit der Außenwelt verbunden, zeichnen sie aus dem Kofferraum und vom Cockpit aus auf, mit welchem Tempo Autolenker fahren. Damit „immer Saft da ist“, wie der Fachmann sagt, werden sie von mehreren Batterien gespeist. In Schicht eins wird an Wochentagen von 6 bis 14 Uhr, in der zweiten Schicht von 14 bis 21 Uhr geblitzt, außerdem werden Samstage genutzt, um Temposünder per Foto einzufangen.

Ein Tag im Blitzerwagen
Foto: woi/von

Michael Philipp, Ordnungsamt-Mitarbeiter

Bis zu 900 Raser passen auf eine Speicherkarte, in Sachen Dokumentation ist das aber nicht alles. „Was wir machen, muss im Zweifelsfall vor Gericht wasserdicht sein“, sagt Philipp. Einsatzorte und Zeiten werden ebenso protokolliert, wie dass der Radar Wagen in einer bestimmten Parallelität und abgemessenen Entfernung zur zu fotografierenden Fahrbahn stehen muss. Dieser Abstand wird per Zollstock ausgemessen.

Das Wichtigste ist die Kalibrierung. Was eben noch schwarze Apparaturen waren, leuchtet dann geeicht, und auf dem Bildschirm erscheinen in schwarz-weiß Fahrzeuge — sowie bis hinters Komma notierte pro Stunde gefahrene Kilometer der Autos. Kaum in Betrieb genommen, dokumentiert die Apparatur. Pling, geht der erste Lkw ins Fotoalbum, pling folgt ein Kleinbus mit Kindern an Bord, pling folgt ein Taxi. „Ja, da muss man nicht lange warten, bis jemand kommt“, kommentiert Philipp den Bilderreigen.

Seit 1997 macht er den Job, in dem nichts dem Zufall überlassen wird. Auch wenn nichts los wäre, hätte er „konzentriert die Anlage im Blick“, außer den Schnellfahrern werden automatisch die passierenden Autos insgesamt für die Statistik gezählt.

„Manipulationen sind ausgeschlossen“, natürlich gibt es Autolenker, die gemerkt haben, geblitzt worden zu sein, und nun die Situation ungeschehen machen wollen. „Ich könnte Bücher mit den Geschichten füllen“, erzählt er über Ehemänner, die per Blitz-Aufnahme offensichtlich in flagranti mit der falschen Beifahrerin erwischt wurden oder Menschen, die offiziell behaupteten, an einem ganz anderen Ort gewesen zu sein. Außerdem gibt es Berufsfahrer, die wohl um ihr Punktekonto wissen, und mal eben per Barzahlung den Fall zu regeln versuchen. Das meiste lässt sich im bilateralen Gespräch „kurz und knapp abwenden, ich kann keine Dokumente verschwinden lassen“, sagt Philipp.

Aber nach seiner Beobachtung gibt es zunehmend mehr „Möchtegern-Rambos auf der Straße, da ist heftig was los — Beschimpfungen und Flaschenwürfe inklusive.“ An seinem privaten Pkw wurden mal die Radmuttern gelöst und die Bremsen manipuliert, bei einem Kollegen die Reifen aufgestochen. Eher grinsen muss Philipp über Verbreitungskanäle, „manche Leute fotografieren unseren Wagen und stellen ihn mit der konkreten Adresse bei Facebook ins Netzwerk“. Nutzen tut das nicht immer, beim Reportage-Test passierten innerhalb von 30 Minuten 108 Fahrzeuge die Strecke, 13 davon wurden im Bild festgehalten.