Nach NS-Raubkunstfall in Neuss „Diese Restitution mehrt unsere große Hoffnung auf Gerechtigkeit“

Neuss · Die Stadt hat mit den Erben eines NS-Raubkunstbildes eine Entschädigungsvereinbarung getroffen: Nun kann das Gemälde von Édouard Vuillard weiterhin im Clemens-Sels-Museum ausgestellt werden.

 Mit einem „Bienvenue Vuillard“ haben Stephanie Tasch (Kulturstiftung), Bürgermeister Reiner Breuer, Museumsleiterin Uta Husmeier-Schirlitz und Ina Brandes (rechts) das Bild von den beiden Erben Raphaël Falk und Francine Kahn entgegen genommen.

Mit einem „Bienvenue Vuillard“ haben Stephanie Tasch (Kulturstiftung), Bürgermeister Reiner Breuer, Museumsleiterin Uta Husmeier-Schirlitz und Ina Brandes (rechts) das Bild von den beiden Erben Raphaël Falk und Francine Kahn entgegen genommen.

Foto: Stefan Buentig

Zur Übergabe kamen die Vertreter der Erbengemeinschaft aus Frankreich persönlich ins Clemens-Sels-Museum. In einem symbolischen Akt enthüllten sie dort vor einigen prominenten Gästen, darunter etwa NRW-Kulturministerin Ina Brandes, Stephanie Tasch als Vertreterin der Kulturstiftung der Länder und Bürgermeister Reiner Breuer, das Gemälde „La Promenade. Le square des Batignolles“ von Édouard Vuillard.

„Der Verbleib des Gemäldes ist ein bedeutendes Beispiel für einen gerechten und fairen Umgang mit den Folgen des von Nationalsozialisten begangenen Unrechts“, sagte Museumsdirektorin Uta Husmeir-Schirlitz in ihrer Rede. Denn: Jenes Bild wurde als NS-Raubkunst eingestuft und so hatte der Rat der Stadt Neuss schon im November 2021 entschieden, es an die Erben zu restituieren. So wird ein Verfahren genannt, bei dem unrechtmäßig enteignete Kulturgüter wieder an ihre Eigentümer zurückgehen. Doch: Der Stadt ist es gelungen, mit den Erben eine Entschädigung in Höhe von 300 000 Euro zu vereinbaren und das Gemälde in den Besitz der Stadt gehen zu lassen. Unterstützung gab es dabei vom NRW-Ministerium für Kultur und Wissenschaft und der Kulturstiftung der Länder. Selbstverständlich ist dieser Vorgang nicht, die Erben hätten das Bild auch in einer Auktion an den Höchstbietenden versteigern können.

In ihrer Rede erinnert Uta Husmeier-Schirlitz auch an die Geschichte des Gemäldes: Einst gehörte es dem französischen Rechtsanwalt und Kunstliebhabers Armand Dorville, der wegen seines jüdischen Glaubens 1940 auf sein schloss in der Dordogne flüchtete und dort 1941 krankheitsbedingt starb. Seine Geschwister und ihre Kinder erbten seinen Besitzer, darunter auch die mehr als 500 Werke umfassende Kunstsammlung. Doch in jenen Zeiten, so Husmeier-Schirlitz, gelangten Tausende Kunstwerke aus dem Besitz verfolgter oder deportierter Juden aus Not oder Zwang in den Kunsthandel. Aus Dorvilles Sammlung wurden 400 Werke bei einer Auktion in Nizza versteigert, doch ein Zwangsverwalter beschlagnahmte den Erlös.

400 Werke wurden bei einer Auktion in Nizza versteigert

„Möglicherweise wäre der Familie mit diesem Erlös die Flucht ins Ausland gelungen“, so Husmeier-Schirlitz weiter. Dorville Schwester, zwei Nichten und zwei Großnichten wurden 1944 in Auschwitz ermordet. Den überlebenden Erben wurde der Auktions-Erlös 1948 ausgezahlt.

1962 gelangte das Bild von Vuillard in das Sels-Museum, Irmgard Feldhaus hatte es aus einer Galerie in Frankreich gekauft. Vor rund vier Jahren hatte das Kultusministerium den Dorville-Erben bereits drei Werke zurückgegeben, die in der Gurlitt-Sammlung gefunden wurden. Insgesamt haben sie bislang rund 20 Werke zurückerhalten. Die Kunsthistorikerin Emmanuelle Polack fand schließlich auch das Vuillard-Gemälde in Neuss, das Irmgard Feldhaus 1962 aus einer Galerie in Paris für das Sels-Museum erworben hatte.

„Unrecht kann nicht ungeschehen gemacht werden, aber neues Unrecht kann verhindert werden. Das gilt gerade beim NS-verfolungsbedingten Entzug von Kulturgütern“, sagte NRW-Kulturministerin Ina Brandes bei der Übergabe in Neuss.

„Diese Restitution mehr unsere große Hoffnung auf Gerechtigkeit“, sagte Raphaël Falk als Vertreter der Erbengemeinschaft. Die Erinnerungsarbeit sei für die Familie eine Notwendigkeit, um die durchlebten Heimsuchungen der Vorfahren unvergessen zu machen. Die Gemeinschaft freue sich aber auch, dass das Gemälde im Museum der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird – immerhin lieh schon Dorville seine Werke an französische Museen aus.

Die Restituierung und die Entschädigungsvereinbarung nennt Bürgermeister Reiner Breuer einen Meilenstein in der Erinnerungskultur: Er sieht es als Pflicht der Stadt, das Werk zu zeigen und damit an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte zu erinnern. Denn: Neben dem Gemälde informiert ein Begleittext nicht nur über die kunsthistorische Bedeutung als zentrales Element der Symbolismus-Sammlung, sondern auch über die dahinter stehenden Schicksale.

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