Fahrradfahren in Meerbusch: Das Rad als Lebenselixier

Fahrrad-Serie Meerbusch : Mit dem Tandem durch die Natur radeln

Die halbseitig gelähmte Antje Krapp-Langenfeld ist mit einem Spezialgefährt unterwegs.

„Das ist mein Lebenselixier!“ sagt Antje Krapp-Langenfeld zum Thema Fahrradfahren. Erst wenn man eingeschränkt sei, merke man, wie wichtig die eigene Mobilität sei. Für die Osteratherin, die seit einem Schlaganfall vor knapp 20 Jahren linksseitig gelähmt ist, ist das Tandem mit Elektroantrieb, das sie gemeinsam mit ihrem Mann Volker fährt, die schönste – und fast die einzige – Möglichkeit, vor die Haustür zu kommen.

„Fun2go“ ist der durchaus passende Name des Dreirad-Tandems, das die Krapps 2011 in Xanten bei der Firma „Roll-Tech“ gekauft haben. Inhaber Wolfgang Reineke stellt Spezial-Fahrräder nach Maß her, seitdem er selbst nach einem Autounfall nur noch eingeschränkt beweglich war. „Wir waren begeistert von dem dortigen Angebot. Jedes Rad wird genau auf die Bedürfnisse des Kunden zugeschnitten,“ sagt Krapp.

Das Fahrzeug bietet dem
Ehepaar ein Stück Lebensqualität

Das Ehepaar hat sich für die englische Version des Tandems entschieden, bei der man nebeneinander sitzt. Denn Antje Krapp-Langenfeld ist, wie sie selbst sagt, „links lahm“. Daher kann sie nicht mehr wie früher auf den Sattel eines Vorgängermodells steigen, sondern sie rutscht von links auf ihren Sitz, der ja normalerweise in Deutschland der Fahrersitz ist. Ehemann Volker muss nun von rechts das Gefährt steuern. „Da gewöhnt man sich schnell dran“, sagt er lächelnd. Er selbst lenkt nicht nur, sondern gibt dem Tandem auch den notwendigen Speed, unterstützt von einem Elektromotor. Der linke Fuß seiner Ehefrau wird festgeschnallt und bewegt sich automatisch mit dem rechten Fuß mit, allerdings in einem anderen Gang als ihr Mann. „Das ist gut für die Muskulatur“, weiß die ehemalige Lehrerin.

Das Wichtigste für die Beiden ist jedoch die Möglichkeit, etwas gemeinsam zu unternehmen und die Natur zu genießen. „Ein Stück Lebensqualität“, so Antje Krapp-Langenfeld, die früher mit ihrem Mann gerne im Allgäu Fahrrad fuhr. In diesem Jahr sind die Krapps bereits 700 Kilometer bei Touren rund um Meerbusch, Kaarst und Willich gefahren, die jeweils zirka 20 Kilometer lang sind. Jeder Sonnenstrahl wird ausgenutzt. Im vergangenen Jahr kamen sie auf 3000 Kilometer. Der Akku für das 65 Kilogramm schwere Tandem reicht für 35 Kilometer. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 20 Kilometer pro Stunde. Dabei müssen sie beachten, dass die Strecke überall breit genug ist. Zum Glück gebe es viele gut ausgebaute Wirtschaftswege am Niederrhein.

Strecken mit vielen
Schlaglöchern bereiten Probleme

Problematisch werde es nur, wenn ihnen dort ein Trecker oder ein SUV begegne. Der Landwirt weiche dann meist auf den Acker aus. Der SUV müsse rückwärts fahren. „Wir haben die besseren Nerven“, scherzt Krapp. Diffizil werde es dagegen, wenn sie eine Strecke mit vielen Schlaglöchern oder einer Überfahrhilfe für Wasserrohre befahren, die meist nur auf Autos oder normale Fahrräder ausgelegt seien. „Dann ruckeln wir ganz schön durch die Gegend.“ Zum Glück besitze das Tandem eine Anfahrhilfe, so dass sie auch nach einem Stillstand wieder aus dem Loch oder über das Hindernis kämen. Gerne sind sie auch auf dem Rheindeich unterwegs. „Im Gegensatz zu den Umlaufsperren an der Straße zur Fähre ist die neu installierte in Langst-Kierst für uns zu schmal“, ärgert sich Krapp. Dem ehemaligen Richter ist es wichtig, dass das Tandem alle notwendigen Zusatzteile aufweist wie mehrere Spiegel und ein Blinker. Natürlich sei das Spezialrad kein billiger Spaß, wissen die Krapps. Im Gegensatz zu dem elektrischen Rollstuhl hätte es für das Vorgängermodell keinen nennenswerten Zuschuss der Krankenkasse gegeben. Dieses Mal haben sie gar nicht erst gefragt.

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