Polens ehemaliger Botschafter Janusz Reiter spricht in Kaarst

Vortragsreihe „Dialog Zukunft“ : Ex-Botschafter Polens spricht in Kaarst

Janusz Reiter war in der Reihe „Dialog Zukunft“ der Bürgerstiftung zu Gast.

Janusz Reiter, früherer Botschafter Polens in Deutschland und den USA, machte bei seinem Vortrag „Zukunft der Europäischen Union“ (EU) im Rahmen der Reihe „Dialog Zukunft“ der Volkshochschule Kaarst-Korschenbroich aus seinem Herzen keine Mördergrube: „Die kühle Temperatur in der Rathausgalerie entspricht symbolisch dem kalten Wind in Europa“, sagte der Diplomat in perfektem Deutsch und hatte damit die Lacher im schwach besetzten Raum auf seiner Seite. Zuvor hatte Ursula Baum, stellvertretende Bürgermeisterin der Stadt Kaarst, den Gast begrüßt und sich an goldene Reiseerlebnisse im alten Europa mit Grenzen und Geldumtausch erinnert.

„Begeisterung für Europa ist im Moment nur schwer zu wecken“

Die Bürgerstiftung Kaarst, Unterstützerin des Abends, wurde durch die Vorsitzende Gerda Junkers-Muck vertreten. „Wir wollen Menschen in Europa verbinden und unsere Begeisterung für den Kontinent zum Ausdruck bringen“, sagte sie.

Janusz Reiter dämpfte zu Beginn seiner Analyse diesen Gedanken. Die Begeisterung für Europa sei im Moment nur schwer zu wecken und er könne keine verlässliche Prognose für die Zukunft der europäischen Staatenunion geben. Allerdings – jede Krise berge neue Energie. Mit Geld lasse sich aber keine lösen. Die Ost-Erweiterung der Europäischen Union stärke das Selbstbewusstsein, viele wollen Teil der Gemeinschaft werden und ihren Beitrag zur Weltpolitik leisten. Leider gingen nicht mehr alle in die gleiche Richtung – dies sei erkennbar an Großbritannien und Italien. „Der Brexit ist wahrscheinlich unumkehrbar“, sagte Janusz Reiter — und war sich darin sehr sicher.

Doch was ist schief gegangen? Die EU sei nur ein kleiner Teil der Welt, das vergesse sie. Auf Veränderungen war sie nicht vorbereitet, da sie in relativer Abschottung gelebt habe. In einem geschichtlichen Abriss blickte er auf die tragende Rolle der USA zurück, die die EU mit Enthusiasmus, Macht und Geld unterstützt habe.

Inzwischen setze Präsident Trump aber nur auf Macht und fühle sich einem Engagement in Europa nicht verpflichtet. Die Globalisierung habe nicht allen Staaten der EU zu Wohlstand verholfen – Deutschland sei aber Nutznießer. Die Flüchtlingskrise ist für Reiter ein entscheidendes Erlebnis in der EU: „Die Festung Europa wurde gestürmt und alle waren überrascht“, sagte er.

Das führte zu einem Aufstieg der Nationalisten. „Nach dem Öffnen der Grenzen kommen die Grenzen der Öffnung“, warnte der Ex-Botschafter. Er hält eine politische Führung in Europa noch nie so nötig wie nach dem Zweiten Weltkrieg. Europa müsse seine Außengrenzen besser schützen und militärische Kapazitäten ausbauen. Erforderlich seien Umdenken und keine Preisgabe von Werten um der Macht willen.

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