Tinder: Nach dem „Match“ hat es Klick gemacht

Liebe in Zeiten des Internets : Wie man in der vermeintlichen „Sex-App“ Tinder die große Liebe findet

Die wahre Liebe via Dating-App finden geht nicht? Franziska und Sebastian aus Kaarst beweisen das Gegenteil – sie haben sich mittlerweile sogar verlobt.

Die Zeiten ändern sich, und mit ihnen auch die Liebe. Beziehungsweise die Art und Weise, wie Liebende sich finden. Digitalisierung ist auf diesem Feld längst nichts Neues mehr, Online-Partnerbörsen gibt es viele. Und sie werden eifrig genutzt: Derzeit gibt es laut Statista 135 Millionen Mitgliedschaften in Deutschland bei Kuppel-Seiten. Ein rasanter Anstieg, im Jahr 2003 waren es noch unter zehn Millionen. Und er legt nahe: Bei nur 82 Millionen Einwohnern müssen die meisten Online-Dater auf mehreren Plattformen unterwegs sein. Unter all diesen gibt es vor allem eine Plattform, die heraussticht: Tinder. Denn sie hat einen zweifelhaften Ruf.

Zweifelhaft deshalb, weil sie vielen einzig und allein zum erfolgreichen Finden einer so genannten schnellen Nummer dient – es geht nämlich erst mal nur um die Optik. Dort werden Nutzern zunächst die Fotos eines potenziellen Partners angezeigt. Schiebt er das angezeigte Foto auf dem Handydisplay nach rechts, gefällt ihm die Person und eine Kontaktaufnahme wird möglich, wischt er nach links, war es das. Fertig, aus, kein Kennenlernen.

Franziska und Sebastian haben beide nach rechts gewischt

Franziska Gilges (28) und Sebastian Meyer (29) haben beide nach rechts gewischt, als sie einander angezeigt wurden. Ein Glück. Sie sind heute etwas länger als zwei Jahre zusammen. Und seit Juni nun auch verlobt. Wir treffen die beiden in ihrer gemeinsamen Wohnung in Kaarst. Und schnell wird klar: Sie haben bereits eine Vertrautheit, wie man sie sonst eher bei Goldhochzeitspaaren antrifft. Und trotzdem wirken sie noch wie frisch verliebt. Wie geht das?

„Ich sage es ganz ehrlich, mir stand damals nicht der Sinn nach einer festen Beziehung“, sagt Franziska. Sie kam gerade erst aus einer Beziehung. Und auch wenn ihr bereits klar war, „90 Prozent der Männer auf Tinder sind Idioten“, ein bisschen Ablenkung konnte ja nicht schaden.

Und für Ablenkung ist Tinder die richtige Plattform? „Der Zweck von Tinder entspricht immer dem Anspruch des Nutzers“, glaubt Franziska. „Es kommt ja auch darauf an, was man sucht und wie man sich da präsentiert: Gibt man sich freizügig, geheimnisvoll oder tatsächlich so, wie man ist.“ Das habe sie versucht, zeigte sich auf Reisen, beim Basketball und mit Freunden. Alles Dinge, die ihr wichtig sind. So hatte sie sich auch in dem entsprechenden Textfeld selbst beschrieben. „Und das ist ein echter Vorteil beim Online-Dating: Man kann ehrlich angeben, was einem in einer Beziehung wichtig ist und wer man ist. Das lässt ja eine gewisse Vorauswahl zu. Nur sollte man absolut ehrlich sein. Wer angibt, abenteuerlustig zu sein, es aber gar nicht ist, wird Partner, die darauf Wert legen, nur enttäuschen.“

Sebastian war keine Enttäuschung. Im Gegenteil. „Wenn ich mir einen Mann backen könnte, dann wäre er genau so“, sagt Franziska. Dabei musste ihr Traummann zu Beginn viel Geduld aufbringen. Franziska hatte sich nämlich in den Kopf gesetzt, jetzt nicht direkt wieder in eine neue Beziehung zu gehen. „Da habe ich mir schon etwas vorgemacht und es hat einige Zeit gedauert, bis ich das gemerkt habe“, sagt sie. Sebastian grinst. „Ich wusste es sofort. Wir beide werden zusammenkommen.“

Zunächst lief auch alles gut. Das erste Date hatten die beiden beim Squashspielen. „Die Idee fand ich richtig gut, da war vorher noch keine drauf gekommen“, sagt Sebastian. Auch er hatte schon die eine oder andere Tinder-Erfahrung gesammelt. Richtige Hauptgewinne waren nicht dabei. Bis er Franziska traf. „Wir haben uns dann öfter getroffen, aber ziemlich schnell kam von Franziska die Ansage: Sie will derzeit nichts Festes“, erinnert sich ihr heutiger Verlobter.

Fast immer ist nur einer der beiden unentschlossen

Kurzer Exkurs: Genau das ist eins der größten Probleme, das junge Leute derzeit beim Daten begleitet. Die Unverbindlichkeit. Es gibt endlose Berichte und Ratgeber in Frauen- und Männerzeitschriften, um mit der Unentschlossenheit der Generation fertig zu werden. Denn fast immer ist nur einer der beiden unentschlossen. „Es gibt zu häufig das Denken, dass an der nächsten Ecke noch was Besseres warten könnte“, kommentiert Franziska das Phänomen. Die Unverbindlichkeit des niedrigschwelligen Kennenlernens befeuere dieses Denken zusätzlich.

Bei ihr hatte das Zögern aber andere Gründe. Die beendete Beziehung kurz zuvor zum einen, „zum anderen aber auch meine Familie. Ich sage es mal so: Bei uns hält man nichts davon, die Partner andauernd zu wechseln. Ich wollte einfach nicht schon wieder jemanden vorstellen, mit dem es dann am Ende vielleicht nicht klappt.“

Über vier Monate dauerte es dann, bis sie offiziell ein Paar wurden. Obwohl sie sich in dieser Zeit mindestens vier Mal pro Woche gesehen haben. Er wohnte in Köln, sie in Kaarst. Er war gerade erst in seine neue Wohnung gezogen, war aber viel öfter bei ihr als zu Hause. Passte auch für seinen Weg zur Arbeit viel besser. Aber dieser pragmatische Grund war sicher nicht ausschlaggebend. Sebastian war bereit für eine Beziehung, wollte sich aber auch nicht aufdrängen. Am 5. August 2016 taten die beiden endlich das, was sie vorher Monate lang eigentlich schon gelebt hatten: Sie traten gemeinsam als Paar bei einer Hochzeit auf. Da war’s dann offiziell. So kam es dann, dass Sebastian in seiner Kölner Wohnung innerhalb eines Jahres nur neun Nächte verbrachte und sie schließlich kündigte. Er zog zu Franziska nach Kaarst. „Mir war klar, dass sich das Warten lohnen wird“, sagt er rückblickend. „Natürlich gibt es ein Risiko, verletzt zu werden, aber man muss es probieren. Gerade wenn man sich so sicher ist, wie ich.“ Das kann Franziska bestätigen. „Ich wollte ja auch, dass es so kommt, nur habe ich länger gebraucht, um das zu verstehen.“ Und jetzt sind sie zusammen wie nur sonst was. Sie haben bereits gemeinsam Thailand, Kroatien, Österreich, Italien, Holland, Frankreich und Tansania bereist. Sie haben ein gemeinsames „Bucket-List-Bingo gebastelt. Darauf stehen alle Dinge, die sie in diesem Leben noch erleben wollen. Einige sind schon abgehakt, andere noch nicht. Heiraten, zum Beispiel. Aber das wird sich ja bald ändern.

Die Frage nach ihrem Glücksgeheimnis ist schnell beantwortet: Sie passen einfach unfassbar gut zusammen. Ihre Augen leuchten, wenn sie davon erzählen, dass sie gemeinsam einen Abenteuer-Club gegründet haben. Nur enge Freunde sind Mitglieder, in goldenen Umschlägen wurden die Einladungen verschickt. „In dem Club machen wir dann all die Sachen, die als Kind irre viel Spaß gemacht haben, und die man einfach mal wieder tun sollte“, erklärt Franziska. Etwa Schlitten fahren, Spiele spielen oder sich an einem heißen Sommertag auf aufblasbaren Wasserspielzeugen einen Fluss hinuntertreiben lassen. Daran haben sie beide Spaß. Genauso am Sport. Und am Reisen, natürlich. Das führe oft zu Streit, weiß Franziska: Wenn der eine gern reist, der andere nicht.

Oberstes Gebot sei es, ehrlich zu sein

„Wie gesagt, in diesem Punkt können Seiten wie Tinder ein Vorteil sein. Man liest schon mal etwas über die Person und ihre Interessen. Und kann schlicht vorsortieren“, sagt Franziska. Oberstes Gebot sei dabei natürlich Ehrlichkeit. „Tinder ist genau dann schlecht, wenn die Ehrlichkeit außen vor bleibt. Also wenn vorgegeben wird, an etwas Festem interessiert zu sein, das aber gar nicht stimmt. Dann wir jemand verletzt. Oder wenn man sich selbst als eine Person darstellt, die man gar nicht ist“, erklärt Sebastian.

Ansonsten sei das eben eine neue Art des Kennenlernens, abseits von Diskotheken und Dorffesten. Oder Supermärkten. All diese Orte würden natürlich nach wie vor Liebespaare hervorbringen. Aber Franziska hat dabei einen ganz bestimmten Gedanken: „Ich weiß nicht, ob wir uns in der Düsseldorfer Altstadt wirklich kennengelernt hätten“, sagt sie. „Ob wir uns da wirklich aufgefallen wären. Dieses langsame Kennenlernen, erst mal was über die Person erfahren, dann schreiben, dann mal telefonieren – das lasse ein viel fundierteres Kennenlernen zu.

Also: Für die beiden hat Tinder den Eignungstest als Partnervermittlung zu 100 Prozent bestanden. Gibt es denn Freunde, die sich über die Kennenlern-Geschichte mal lustig machen? Franziska muss lachen. „Ach was, die meisten von denen haben sich genauso kennengelernt.“

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