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Wülfrath: „Diese Ausstellung darf stören“

Wülfrath : „Diese Ausstellung darf stören“

72 Skulpturen und eine Malerei sind seit einer Woche im Altarraum der Stadtkirche zu finden. Die Installation soll an die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten erinnern.

Bedrückende und gleichzeitig schrille Töne. Mit diesen Klängen steigt Pfarrer Thomas Rehrmann in die Andacht anlässlich der Kunstausstellung in der Stadtkirche ein. 72 Skulpturen und eine große Malerei füllen seit Beginn vergangener Woche den Altarraum der Kirche auf dem Kirchplatz aus. Entwickelt wurde die Installation, die den passenden Namen „Eiszeit“ trägt, vom Künstlerehepaar Elke Voss-Klingler und Claus ­Klingler.

Wie passend der Name der Ausstellung ist, wird mit den Worten Pfarrer Rehrmanns zu späterer Stunde deutlich. Zunächst bekamen die rund 35 Anwesenden allerdings zwei Zeitzeugenberichte des Konzentrationslagers Ausschwitz zu hören. Denn „Eiszeit“ zielt gleichzeitig auf die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten ab. Pünktlich zum Gedenktag der Opfer des Holocaust eröffnet Pfarrer Rehrmann gemeinsam mit dem Künstlerpaar die Ausstellung. Ebenso jährt sich zum 75. Mal der Befreiungstag der KZ-Opfer in Auschwitz.

In welch unwürdigem Zustand die Menschen leben mussten, verrät ein Zeitzeugenbericht eines amerikanischen Soldaten. Manfred Hoffmann (SPD) leiht dem Erzähler seine Stimme. „Der Himmel war schwarz, meine Kameraden mussten sich von dem Gestank übergeben“, so die noch immer lebendigen Erinnerungsstücke des Alliierten. Er spricht von Leichenbergen, Insassen in grauenhaftem Zustand und Bergen voller Kleidung. „Doch der Geruch, das war das Schlimmste und ist auch heute noch präsent.“ Pfarrer Thomas Rehrmann verliest den zweiten Augenzeugenbericht, der ähnliche Erfahrungen eines jungen, russischen Soldaten wiedergibt. Wieder ist es der Geruch, der in Erinnerung bleibt. „Und Bilder von brennenden Leichen.“

Gemeinsam mit den Wülfrathern möchte Rehrmann die Erinnerungskultur lebendig halten, die Kunstinstallation als mahnende Ausstellung bis Ende März in seiner Kirche behalten. „Sie wird uns stören und nerven, die Gottesdienste behindern. Aber genau das soll sie auch“, lauten Rehrmanns Worte, der gleichzeitig an die Anwesenden appelliert, nicht dem Vergessen zu erliegen. „Auch wenn wir nach den vorangegangenen Worten lieber schweigen würden, dürfen wir dies jedoch nicht. Die Vergangenheit muss immer wieder erzählt werden.“

Wie passend die Kunst erscheint, wird mit seinen Erläuterungen deutlich. Auf der Malerei des Künstlers Claus Klingler sind die Betonblöcke des Berliner Holocaust-Mahnmahls dargestellt. In der Mitte ein schmaler Weg, aus dem die Skulpturen herausgelaufen kommen. Das Bild der laufenden Menschenschlange, die in erdigen Grau- und Brauntönen gehalten ist, wirkt nicht fremd. Sie erinnert an aktuelle Bilder geflüchteter Menschen. „Es ist für uns immer wieder ein beängstigendes Gefühl, die Installation aufgebaut zu sehen“, bestätigt das Künstlerpaar den Eindruck, den auch andere Gäste von dem Anblick bekommen. „Diese Szenerie ist nicht unbedingt von damals, man findet sie auch heute noch wieder. Wir werden von der Geschichte eingeholt und dürfen deshalb niemals vergessen.“