Krefeld: Das feine Gespür der Krefelder Museumschefin im Bauhaus-Jahr

Krefeld : Das feine Gespür der Krefelder Museumschefin im Bauhaus-Jahr

Studenten und Senioren, Einheimische und Zugereiste folgen im Bauhaus-Jahr dem Lockruf nach Krefeld. Wie steuert Katia Baudin den Erfolg? Welche Strategie hat die erfahrene Frau?  Und was sagen die Besucher?

Katia Baudin scheint zum richtigen Zeitpunkt am rechten Ort zu sein. Die Chefin der Kunstmuseen Krefeld ist zweieinhalb Jahre im Amt, aber schon jetzt ist sie in aller Munde. Sie macht aus dem Bauhaus-Jahr keine Mogelpackung, sondern spielt Haus Lange und Haus Esters  als Trümpfe aus. Sie präsentiert sie als Höhepunkte in der Architektur des Mies van der Rohe, und zwar fast leer, als strengen Purismus. Trotzdem pilgern die Leute in die Räume. Mehr noch: Bei einem Ankaufsetat von normalerweise nur 50 000 Euro kaufte sie die Sammlung Sonia Delaunay und empfing die Kultusministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen, die sie schon als Vorstandsvorsitzende der Ludwig-Stiftung kannte. Vorausgegangen ist eine Schenkung für die Design-Abteilung im Kaiser-Wilhelm-Museum. Wie passt das in eine Stadt, die weniger betucht ist als das reiche Düsseldorf? Eine Analyse.

Architekturstudenten rätseln über den Weinkeller im Boden

Zwei Räume im Obergeschoss von Haus Lange dienen den Studenten aus Gießen und Köln als Labor. Anna Hofmann füttert gerade ihren Computer mit den Ergebnissen zu den Strukturen der beiden Häuser an der Wilhelmshofallee. Daria Soba, gleichfalls Studentin der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen, kniet vor Haus Esters, nachdem sie das Aufmaß im Innern des Gebäudes zusammengetragen hat. Sie rätselt über eine Ziegelfläche zwischen zwei Beeten. „Wir haben keine Informationen, was unter den Steinen liegt. Möglicherweise ist es ein Weinkeller. Weißwein muss ja kühler gelagert werden als Rotwein.“ Was sie ansonsten wundert: „Wie Mies van der Rohe die Struktur der Steine aufgebaut hat. Sie sind sehr regelmäßig und systematisch gelegt. Auch die Fensteröffnungen sind wunderbar. In Haus Lange gehen die Fenster komplett bis nach unten. Da hat man den Bezug zwischen drinnen und draußen. Das ist superschön.“

Derweil interessiert sich Hannspeter Pott aus der einst berühmten Dynastie der Solinger Besteck-Firma für eine Schiebetür. „Meine Großeltern hatten auch so eine Tür. Wenn man einen Knopf drückt, springt ein Pin heraus zum Öffnen oder Zuziehen der Schiebetür. Das ist sehr praktisch.“ Am meisten aber begeistert ihn die „wunderschöne Skulptur“, eine Wand im Raum vom Haus Lange, die von einer Seite wie der Barcelona-Pavillon koloriert ist, während die andere Seite eine ganze Phalanx von Stühlen und Tischen der Ideenschmiede Raumlabor aus Berlin birgt, die ausgehakt und benutzt werden können. So dürfen die Besucher die Dinge am eigenen Körper ausprobieren.

Bereitschaft zum Dialog als Basis für den Andrang

Wie aber ist es möglich, dass etwa Jan Niendorf, Elektrotechniker aus Bremen, seinen derzeitigen Arbeitsplatz in Leverkusen verlässt, um sich die 3D-Animation in Haus Lange anzuschauen? Wieso folgen plötzlich zwei Gruppen von Besuchern den Donnerstag-Führungen im Haus? Was ist da los? Katia Baudin nennt es so: „Ich suche den Dialog.“

Die Museumschefin, Tochter eines französischen Vaters und einer deutschen Mutter, wuchs in New York auf, wo sie Betriebswirtschaft und Kunstgeschichte studierte, machte den Abschluss an der Sorbonne und hatte mit 29 Jahren ihre erste leitende Position in Dünkirchen im zeitgenössische Kunst und Design Museum FRAC Nord-Pas de Calais, bevor sie Rektorin an der Straßburger Kunstakademie und schließlich Vize-Chefin des Museums Ludwig wurde. Die beredte und zugleich taktisch kluge Frau sagt: „Ich nehme die Menschen mit. Die Fachhochschule Niederrhein, die ehemalige Werkkunstschule, hat für unsere  große Design-Schenkung aus Frankreich die Ausstellungsarchitektur gemacht. Das ist ein Mehrwert für uns wie für sie. Immer mehr Studenten finden den Weg zu uns.“

Wie kommt es überhaupt zu Schenkungen und Ankäufen? Wieso vertraut man dieser Frau? Hier kommt eine erstaunliche Antwort: „Mein Ziel ist es, andere Menschen mit ins Boot zu nehmen. Das ist auch Teil meiner Biografie. Ich bin in Amerika aufgewachsen. Da muss man kommunizieren und die Leute mitnehmen. Man darf nicht nur jammern. Ich bin zwar in Frankreich geboren, aber Amerika ist meine eigentliche Heimat.“

Das praktische Beispiel, das aus dieser Erkenntnis folgt, ist der Ankauf der Sammlung Sonia Delaunay für 660 000 Euro. Die französische Sammlerin Francoise Knabe, die in Deutschland wohnt, suchte von sich aus den Kontakt zu ihr. Und Katia Baudin, die Teile der Sammlung schon kannte, war begeistert. „Delaunays Stoffmuster sind wie Bilder. Man hat die Schnittstelle zwischen Malerei und angewandter Kunst.“

Nun musste sie nur noch das Geld locker machen, indem sie Partner suchte. Das waren die Kulturstiftung der Länder, das Land NRW und die Stadt Krefeld, die für Delaunay weitere 100 000 Euro beisteuerte. Die Stadtspitze, der Kulturausschuss, die Kämmerei, das Rechtsamt, sie alle machten mit. „Ich habe sie alle sensibilisiert. Sie wissen um die Bedeutung der Museen für die Stadt Krefeld. Sie sind stolz darauf.“ Als dennoch Geld fehlte, sprangen noch zwei Krefelder Bürger ein. Eine Meisterleistung also. Baudins Glaubensbekenntnis: „Ein Museum muss gut angesiedelt sein in einer Stadt. Die Menschen müssen sich damit identifizieren, sonst funktioniert gar nichts.“

Das Mutterschiff Museum und die beiden Geschwisterhäuser

Wie sieht sie die drei Häuser? „Das Kaiser Wilhelm Museum ist das Mutterschiff. Haus Esters und Haus Lange sind die Satelliten. Ausstellungen, die größer und historischer angelegt sind und internationale Leihgaben erhalten, werden im Museum angesiedelt. Haus Lange und Haus Esters sind wie Geschwisterhäuser. Auf sie wollen wir den zeitgenössischen Akzent setzen. Sie werden wie ein Pingpong bespielt. Sie arbeiten einander zu im Gegensatz zu früher, wo jedes Haus eigenständig bespielt wurde.“

Wie das geht, beantwortet sie sofort: „Wir wollen an die experimentierfreudige Zeit unter Paul Wember anknüpfen. Wir wollen nicht wie viele Museen immer die gleichen Künstler zeigen. Wie Paul Wember fragen wir uns, was sich neu entwickelt. Wir suchen den anderen Blick. Das kann Architektur oder Kunst sein. Und die Gärten gehören dazu. Sie sind sehr wichtig. Sie stehen für die Weite, für das Licht im Innenraum.“

So kommt auch das Gärtnerhaus ins Spiel. Es stammt aus der Zeit von Hellerau, als am Rande von Dresden 1909 die erste deutsche Gartenstadt mit den „Werkstätten für Handwerkskunst“ entstand. Das Haus ist saniert. Die amerikanische Künstlerin Andrea Zittel wird es zu einem Gesamtkunstwerk machen. Katia Baudin: „Unsere Besucher werden dort sitzen und Kaffee trinken können.“ Einweihung soll im Juli sein.

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