„Everything Beautiful – Für immer schön“ am Stadttheater

Premiere : Gefangen in einer grotesken Endlosschleife

Dramatiker Noah Haidle übt mit seinem Stück am Stadttheater gallige Kritik am amerikanischen Traum.

Sie läuft und läuft. Bis die Hacken in den Stöckelschuhen bluten. Das Blut entleert sie kurzerhand in den Gully, dann geht’s weiter von Tür zu Tür. Esther Keil ist Cookie Close, eine Kosmetikverkäuferin, die mit ihrem Musterkoffer durch die Straßen zieht und dabei vor die Hunde geht. Ihr Durchhaltewillen hält sie zwar am Leben, doch gleichzeitig in der Endlosschleife ihrer erbarmungswürdigen Existenz gefangen. Cookie ist die Antiheldin des Stücks „Everything Beautiful – Für immer schön“ des amerikanischen Dramatikers Noah Haidle, das jetzt am Krefelder Stadttheater Premiere geeiert hat.

Kein Nackenschlag bringt
sie von ihrem Weg ab

Haidle seziert den amerikanischen Traum und hat dabei wenig Mitleid mit seiner Protagonistin. Arthur Miller hatte für seinen Willy Loman in „Tod eines Handlungsreisenden“ noch etwas mehr Respekt übrig. Dafür hat Haidle seinem Stück jeglichen Realismus ausgetrieben, entsprechend inszeniert Regisseur Christoph Roos die bitterböse Groteske als überdreht absurdes Theater mit bizarrem Slapstick und surrealen Elementen.

Die Bühne (Thomas Rump) ist eine Schicksals-Schräge, die aus einzelnen Türen montiert ist. Immer wieder muss Cookie da wie Sisyphos hinauf. Immerhin kann so eine Tür auch aufgerichtet werden, so dass Cookie vor ihr aufrecht stehen kann. Oft muss sie sich fürs Klinkenputzen aber auch im wahren Wortsinn erniedrigen.

„Jeder ist seines Glückes Schmied“, daran glaubt Cookie felsenfest und bis zum Schluss, während sie im pinken Kostüm (Kostümbildnerin Anne Koltermann) durch die Szene stöckelt. Kein Nackenschlag bringt sie davon ab, wie oft auch auf sie eingedroschen wird.

Die Konkurrentin Heather (Carolin Schupa) verletzt Cookie mit der Nagelfeile, sie macht ungerührt weiter. Aus dem flüchtigen Sex mit Dan (Paul Steinbach) – wo sonst als zwischen Tür und Angel – entsteht ein Kind. Das Mädchen Dawn (Johanna Miller) lässt sie später beim Vater zurück, auch ungerührt? Beim Wiedersehen 15 Jahre später sagt Cookie zu Dawn: „Erzähl mir alles. Wie war deine Kindheit?“ Da kann einem das Lachen schon im Halse stecken bleiben.

Für Mutter und Tochter gibt
es kein Happy End

Kameras in den Türspionen nehmen Cookies Gesicht auf, das übergroß auf die rückwärtige Wand projiziert wird. Die Schminke zerläuft immer mehr, die Züge entgleisen. Cookies Selbstaufmunterung: „It’s showtime“, wirkt schnell hilflos.

Rhythmisiert wird die Handlung dadurch, dass Cookie wiederkehrend die Schräge umrundet. Während einer Runde kann dann auch schon mal ein Jahrzehnt Lebenszeit vergehen. Dazu erklingt stets eine penetrante Spieluhrenmusik (von Markus Maria Jansen).

Am Ende zieht die erblindete Cookie ihre tote Tochter an einem Strick hinter sich her. Dawn sollte auch in Mamas prekäres Geschäft einsteigen, hielt dem Druck aber nicht stand, betäubte sich erst mit Drogen und brachte sich dann um. Mit diesem Pärchen – erblindete Mutter und mumifizierte Leichenpuppe – treiben Stück und Regie natürlich komplett in absurd-surreales Fahrwasser ab.

Ausgerechnet hier aber kann Esther Keil, die bis dahin aus dem Hamsterrad ihrer Figur nicht herausfindet, ihrer Rolle doch noch ein wenig tragische Würde verleihen. Ansonsten ist es aber ein Grundproblem des Abends, dass Stück und Regie vor allem die Figur der Cookie wie eine Karikatur vorführen. Die individuelle Problematik dominiert, gesellschaftliche Verhältnisse bleiben zu sehr außen vor.

Intendant Michael Grosse als Mr. Ogilve – einen Lacher gibt es für seine Trump-Perücke – und Eva Spott als ehemalige Nachbarin Vera komplettieren das Ensemble. Am Ende gab es bei der Premiere viel Applaus, vor allem für Esther Keil.

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