Bundespräsident als Botschafter der Demokratie in Krefeld unterwegs

Steinmeier-Besuch : Bundespräsident als Botschafter der Demokratie in Krefeld unterwegs

Frank-Walter Steinmeier besuchte Demokratie-Werkstätten, war Gast einer Diskussion in der Fabrik Heeder und sprach mit den hiesigen Politikern. „Demokratie ist nichts, das man bei Amazon bestellen kann“, sagte er.

Frank-Walter Steinmeier ist mit einem unerfüllbaren Wunsch nach Krefeld gekommen. In der Shedhalle der Alten Samtweberei sagte der Bundespräsident: „Am liebsten wäre uns, wenn Sie uns gar nicht bemerken.“ Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender besuchten den Werkstatt-Tag „Demokratie im Quartier“, zu dem die Landeszentrale für politische Bildung eingeladen hatte, und sprachen mit den Krefeldern an den Tischen in der Halle. „Es geht uns darum, dass Sie normal weiter diskutieren, damit wir etwas mitnehmen können“, erklärte Steinmeier.

Anlass für den Besuch des Bundespräsidenten am Samstag war der 70. Geburtstag des Grundgesetzes. Steinmeier und die Landeszentralen für politische Bildung hatten im vergangenen Jahr einen Ideenwettbewerb ausgerufen, „damit die demokratische Debatte wieder an Qualität gewinnt“, so Steinmeier. Deshalb standen beim Besuch Gespräche mit den Bürgern im Mittelpunkt: vom kurzen Small Talk mit den Schaulustigen vor dem Rathaus bis zur Podiumsdiskussion in der Fabrik Heeder. Im Übrigen war der Tag in Krefeld eine Mischung aus Pflicht und Freude, aus Eintrag ins Goldene Buch und Besichtigung von Haus Lange und Haus Esters anlässlich des 100. Bauhaus-Geburtstags.

Der heimliche Star des
Besuchs war die First Lady

Steinmeier knüpfte mit den vielen Gesprächen vor Ort an seine Weihnachtsansprache an. Damals hatte er gesagt, die Menschen sollten nicht nebeneinander herlaufen und -leben, sondern wieder ins Gespräch kommen. „Demokratie ist nichts, das man bei Amazon bestellen und bei Nichtgefallen zurückschicken kann“, sagte der Präsident nun in Krefeld. Viele Bürger gingen auf Abstand zur Politik und fühlten sich nicht verstanden. Das verlange, dass Politik rausgehe und das Gespräch suche. „Deshalb freue ich mich, dass Krefeld eines der positiven Beispiele ist, dass hier die Schwellen zwischen Politik und den Menschen überwunden wurde“, sagte der Präsident am Nachmittag.

Die Ehrengäste aus Berlin informierten sich beim Tagestreff „Die Brücke“ über die Lebenswege der Menschen dort und hörten im ehemaligen Café Lentz, wie sich Engagement und Frustration bei jungen Menschen entwickeln. Der Verein „Kette und Schuss“ hatte dort ein Ort für Begegnungen aller Anwohner und für Kultur geschaffen, war aber trotz des großen ehrenamtlichen Einsatzes letztlich wirtschaftlich gescheitert.

Krefeld erlebte einen anderen Frank-Walter Steinmeier als den, den man noch vor wenigen Jahren aus dem Fernsehen kannte. Der Mann war Chef des Kanzleramts, Außenminister, Kanzlerkandidat der SPD. Seine Treffen und Termine waren in diesen Jahren so gut wie immer Teil eines Wahlkampfs. Nun aber kann und muss er überparteilich agieren, und das scheint ihm zu liegen. In den kleinen Runden redete Steinmeier relativ wenig, hörte dafür viel zu und ließ seiner Frau viel Raum für ihre Fragen, so dass die First Lady am Ende mindestens der heimliche Star des Besuchs war. Das Ganze wirkt authentisch, weil den beiden die Kameras egal sein können, weil es eben nicht mehr um irgendeinen Wahlkampf geht.

Bei der Podiumsdiskussion am Abend in der Fabrik Heeder warb der Bundespräsident noch einmal für das Zuhören und das Zuhören-Wollen. „Ein erster Schritt wäre, wenn wir uns alle in diesem Prozess als Lernende verstehen.“ Sprach’s, setzte sich ins Publikum und überließ das Podium verschiedenen Experten für politische Bildung.

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