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Garzweiler-Dörfer: „Jetzt geht der Kampf erst richtig los“

Nach dem Kohlekompromiss : Garzweiler-Dörfer: „Jetzt geht der Kampf erst richtig los“

Der Kohlekompromiss scheint endgültig das Todesurteil für die Dörfer am Tagebau zu sein. Vor Ort sehen das viele anders: Das Beispiel Hambi zeige, dass Widerstand lohnt.

Der gefühlte Graben verläuft mitten durch das Dörfchen Berverath. Auf der einen Seite der schmalen Straße steht vor einem Haus ein gelbes Holzkreuz, Symbol der Initiative „Alle Dörfer bleiben“. Auf der anderen Seite verkündet ein handgemaltes Schild an einem Hoftor: “Wir bleiben nicht hier!” Das „nicht“ ist unterstrichen und umkringelt. Berverath gehört zu den Dörfern, die laut dem Kohlekompromiss aus der Nacht zu Donnerstag definitiv dem Tagebau Garzweiler zum Opfer fallen sollen.

Obwohl die großen Bagger noch einige Kilometer entfernt sind, gibt es diese Gräben hier zuhauf. Zwischen denen, die gehen wollen oder schon gegangen sind, und denen, die auf keinen Fall gehen wollen. Zwischen denen, die mit der Umsiedlung ein gutes Geschäft machen, und denen, die es sich nicht mehr leisten könnten, neu zu bauen. Die 77-Jährige, die hinter dem „Wir bleiben nicht hier“-Schild lebt, ist froh über das RWE-Geld. Ihr Bruder hat den Hof vor einem guten Jahrzehnt gekauft, sie zog später nach dem Tod ihres Mannes zu ihm. Sie wusste, es würde nicht für ewig sein.

Immobilie seit zwei Jahren verkauft

Seit zwei Jahren ist die Immobilie an den Energiekonzern verkauft, wohnen die Geschwister dort mietfrei. Etwas zur Miete werden sie sich vielleicht auch wieder suchen. „Wir sind zu alt, um neu zu bauen“, glaubt sie. Ihre größte Sorge ist, dass jetzt wieder die Demos im Ort anfangen - „die Chaoten“ durchs Dorf ziehen. Auch wenn sie mit Berverath abgeschlossen hat, macht das Ergebnis der Kohleausstieg-Verhandlungen sie nachdenklich: „Jetzt bleibt der Wald stehen und die Dörfer kommen weg. Der Mensch zählt weniger als ein Baum.“

Marita Dresen und ihre Familie wohnen seit Generationen in Kuckum. Auch sie viel protestieren, so lange sie Energie dazu hat. Foto: Juliane Kinast

Genau das will Britta Kox, die hinter dem gelben Kreuz auf der anderen Straßenseite wohnt, nicht akzeptieren. Sie ist müde an diesem Freitagmorgen, der Tag des Kohlekompromisses war für sie ein langer mit vielen Interviews. Die 47-Jährige ist mit das bekannteste Gesicht des Protestes von “Alle Dörfer bleiben”. Sie lebt seit 2015 wieder in ihrem Elternhaus, das die Uroma nach dem Zweiten Weltkrieg selbst aufgebaut hatte. Ihre Eltern, sagt sie, sind dem ständigen Druck durch den heranrückenden Tagebau gewichen. Kox und ihre Familie wollen ihm standhalten. Der Graben zwischen Hoffnungsvollen und Mutlosen verläuft selbst quer durch Familien.

Dorfgemeinschaft wird zerrissen

„RWE treibt einen Keil zwischen uns“, sagt Kox. 80 Prozent von Berverath hätten inzwischen verkauft oder stünden in Verhandlungen mit dem Tagebaubetreiber. „Ich gehöre zu den 20 Prozent, die noch gar keinen Kontakt mit RWE hatten.“ Doch selbst wenn das ganze Örtchen geschlossen verkaufe, bleibe man nicht zusammen – nur rund 50 Prozent kämen im Neubaugebiet an. „Die Dorfgemeinschaft wird so oder so zerrissen“, sagt Kox. Und sie weiß auch wieso: „Dieser neue Ort ist ein Hamsterkäfig!“

In Berverath zeigen auch Bewohner Flagge, die nicht bleiben wollen. Foto: Juliane Kinast

Bis dorthin sind es nur wenige Kilometer. Ein Hinweisschild am Kreisverkehr macht unmissverständlich klar, dass es hier keine Originale gibt: „Berverath (neu)“ steht da, „Keyenberg (neu)“, „Kuckum (neu)“ ... Eine Handvoll Dörfer, die jetzt mehrere Kilometer auseinanderliegen, wachsen für die Zukunft auf engstem Raum. Ein Wald aus Baukränen ragt zwischen halbfertigen modernen Familienhäusern empor.

Inmitten von Sandkratern wirkt der Vorgarten von Käthy Lennartz mit seinen frisch gepflanzten Blümchen wie eine Insel realen Lebens. Schon 2018 zogen sie und ihr Mann aus Kuckum her – lange bevor die Bagger anzurollen drohen. Sie waren unter den Ersten. „Wir fühlen uns wohl“, sagt sie. Viele Bekannte wohnten schon ringsum, jetzt baue ihre Schwester auf dem Nachbargrundstück. „Der Ort ist wieder zusammen“, freut sie sich. Vor 30 Jahren habe auch sie gegen die Umsiedlung demonstriert. „Aber da kämpft man ja gegen Windmühlen.“

Mit dieser Obstwiese zwischen dem Ortsrand von Keyenberg und der Abbruchkante des Tagebaus wollen die Dorfbewohner einen Präzedenzfall schaffen. Foto: Juliane Kinast

„Der Neid zieht mit ins Neubaugebiet.“

Das Geld für ihr Haus in Alt-Kuckum habe für den Neubau gereicht, berichtet Käthy Lennartz. Mehr darf sie dazu nicht sagen. So steht es in allen Verträgen, die Menschen hier mit RWE schließen. Einige verhandelten gut, andere müssten sich trotz Entschädigungszahlung für einen Neubau verschulden, weiß Britta Kox. „Und der Neid zieht mit ins Neubaugebiet.“ Neue Gräben.

In Alt-Kuckum breiten sich derweil auch die gelben Holzkreuze aus. Hinter einem davon schneidet am Freitag Matthias Boox gerade einen Baum zurück. Ob der Kampf denn jetzt noch lohne? „Jetzt erst recht“, sagt er und steigt von seiner Leiter. Der Erhalt des Hambacher Forstes habe doch gezeigt, dass Widerstand sich lohne. „Der Kampf geht jetzt erst richtig los.“ Und die Solidarität wachse. Vor elf Jahren kaufte er den Hof trotz drohender Enteignung, inzwischen wohnen sein Sohn und seine Schwiegertochter dort. „Der Notar hat uns damals gesagt, unsere Kinder würden hier in der Kapelle noch heiraten – und wir haben bis jetzt keine Kinder“, verdeutlicht Andrea Boox. „Unfassbar schnell geht das jetzt gerade.“

Laschet versprach Dialog

Hinter ihrem Wohnhaus schließen sich mehr als 10 000 Quadratmeter Land an. Die Booxens züchten amerikanische Miniaturpferde, haben selbst Koppeln und winzige Ställe für sie angelegt. „Das hier ist nicht wiederzubringen. Das gibt mir kein Neubaugebiet“, sagt die junge Frau. Um irgendwo anders mit genügend Platz für die Tiere neu anzufangen, müsste sich die Familie hoch verschulden, fürchtet sie.

Ähnlich geht es Marita Dresen gleich nebenan. Von ihrem Wintergarten im ersten Stock schaut sie auf 15 000 Quadratmeter Pferdeweiden – 2000 Quadratmeter wurden ihr im Neubaugebiet als Ausgleich angeboten. Ein RWE-Mitarbeiter habe ihr gesagt, sie sei doch ohnehin allmählich zu alt zum Reiten, erzählt die 53-Jährige. Sie ist rundum enttäuscht. In diesem Wintergarten habe sie Ende 2018 mit Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) bei einem Ortsbesuch zusammengesessen und er habe einen Dialog versprochen. „Das hat nie stattgefunden“, sagt Dresen. Eine einzige Veranstaltung der Landesregierung habe es gegeben – um den Kuckumern mitzuteilen, dass sie chancenlos seien.

Das aber glaubt Martina Dresen nicht. Nicht in Zeiten von Klimawandel und Kohleausstieg. „Es kann nicht mehr im Interesse des Gemeinwohls sein, wenn diese Dörfer ausgekohlt werden.“ Lange sei auch sie eine der Mutlosen gewesen – doch seit dem vergangenen Jahr sei sie überzeugt, dass die Kohle unter Kuckum, Berverath und Co. nicht mehr gebraucht wird. Und das will sie auch beweisen.

Initiative will Präzedenzfall schaffen

Dresen gehört wie Familie Boox zu einer Initiative, die im vergangenen Jahr eine Obstwiese in Keyenberg erworben hat. Wenn RWE weiterbaggern will, braucht es dieses Grundstück. Und zwar bald: Keyenberg soll schon 2023 „zurückgebaut“ werden, wie es in der Konzernsprache heißt. Ziel der Kämpfer: einen Präzedenzfall schaffen. An der Obstwiese sollen Gerichte klären, ob die Kohle darunter für die Versorgung Deutschlands mit Strom tatsächlich unerlässlich ist – oder nicht. Ein Hambacher Forst im Kleinformat quasi.Die kleine Obstwiese liegt direkt am Ortseingang des Dorfes Keyenberg. Auf der einen Seite Häuser – manche mit Gardinen, Blumen und Auto vor der Tür, andere schon mit Rollläden verrammelt – und auf der anderen ragt hinter der Landstraße schon der gigantische Kohlebagger hervor. Die Abbruchkante ist nahe gerückt.

Von seiner Haustür aus kann Peter Abels den Bagger sehen. „Der fährt hier seit ein paar Wochen hin und her“, sagt er mit einem schiefen Schmunzeln. Angst soll der Anblick machen, vermutet her. Zumindest ein mulmiges Gefühl – und das tut er. „Hier ist die letzte Messe gesungen“, ist der 66-Jährige sicher. „Es gibt keine Lebensqualität mehr. Die Kneipe ist zu, der Metzger ist weg ...“ Ja, er hätte lieber dort bleiben wollen – aber nicht mit dem Krater vor der Tür. „Ich habe keine Lust, gegen Windmühlen zu kämpfen.“ Lange hat er mit RWE verhandelt, Mitte des Jahres baut er in Neu-Keyenberg. „Wir werden auch nicht jünger.“

Dass sie im Fall eines Sieges vor Gericht mit einem halb ausgestorbenen Geisterdorf zurückbleiben, fürchten Marita Dresen und ihre Mitstreiter nicht. „Wir bekommen dauernd Anfragen von Menschen, die gern herziehen würden – auch vorübergehend zur Miete. Aber das lässt RWE nicht zu.“ Seien Häuser verkauft, würde rasch das Wasser abgeklemmt. Das hat Methode, vermutet Dresen. Das Leben soll aus den Dörfern vertrieben werden. Angesichts der schönen alten Häuser und des großen Platzangebots ist sie aber sicher: Das Leben käme rasch zurück. Mit neuen Menschen. Ohne Gräben.