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Víkingur Ólafsson in der Düsseldorfer Tonhalle

Konzertkritik : Ólafsson in der Tonhalle: Bach kann er, Beethoven - nun ja

Víkingur Ólafssons Klavierabend in der Tonhalle zeigte, wie sehr der individuelle Zugang eines Pianisten zu unterschiedlichen Komponisten variieren kann. Er überzeugte nicht immer.

Víkingur Ólafsson ist ein begnadeter Bach-Pianist. Der unprätentiös wirkende junge Mann – ganz modisch gekleidet ist er – hat gerade durch seine Zurückgenommenheit soghafte Bühnenpräsenz. Davon durfte sich bei dem Auftakt der Heinersdorff-Konzerte in der Tonhalle nun auch das Düsseldorfer Publikum überzeugen. Doch sein Beethoven, nun ja, sein Beethoven ist Geschmackssache. So poetisch, so pur und rein seine Bach-Interpretationen wirkten, so streitbar war der zweite Teil des Konzerts.

Wie bei jeder Instrumentalkunst gibt es auch beim Klavier objektiv scheinende Kriterien für kunstvolles Spiel. Technischer Feinschliff, Respekt vor Gesetzmäßigkeiten eines Werkes gehören gewiss dazu. Schlussendlich ist aber vieles Geschmackssache, auch wenn manche stets darum bemüht sind, ihre eigene Sicht mit einem Absolutheitsanspruch zu versehen.

Ungewöhnliches Herangehen oder stilistische Mängel?

Was recht häufig vergessen wird, ist, dass es zu ein und demselben Werk so unterschiedliche Zugänge geben kann wie Pianisten. Und diese Zugänge können allesamt überzeugend sein, auf ihre ganz individuelle Weise. Allerdings: Nicht jeder kann Bach und nicht jeder kann etwa Beethoven. Und wiederum wird das Gespielte bei dem einen oder anderen Zuhörer zu unterschiedlichen Reaktionen führen.

Bach ist unter Ólafssons Händen, insbesondere in den fast schon metaphysisch dahinfließenden langsamen Passagen, versehen mit einem Spürsinn für die narrative – musiksprachliche – Dimension Bachscher Phrasen. Eine gewisse Sprunghaftigkeit setzt sich bei dem Isländer indes auch schon hier durch. Temporeiche Momente bergen bei ihm immer die latente Tendenz der Überdrehung. Das heißt, kleine musikalische Schnipsel wirken hin und wieder etwas stolpernd. Doch ist dies durchaus eine mögliche Spielart eines individuellen Stils. Zudem neigt er bei Läufen zu einer Schlieren-Bildung. Nein, verschmiert ist sein Spiel keinesfalls, viel mehr bevorzugt Ólafsson ein dichtes Aufeinanderlegen der kurzen Einzeltöne gegenüber einer perligen Reinheit. Und doch ist er dabei so überzeugend in seinem Zugang zu Bach, dessen Musik der ganze erste Teil des Konzertes gehörte: Ob mit der viel zu selten Gespielten Aria variata alla maniera italiana (BWV 989), mehreren Präludien und Fugen, Bach-Bearbeitungen von Rachmnaninow und Siloti, sogar einer Invention und einer Sinfonia und schließlich mit der Fantasie und Fuge a-Moll (BWV 904).

Bei Beethoven tendiert Olafssons trockener Anschlag zu einer gewissen Kargheit. Wie bewusst er diese einsetzt, ist wiederum eine schwer zu beantwortende Frage. Er spielte die Klaviersonate Nr.1, mit kaltem Feuer und viel Erde, und die so herrliche „Grande Sonate pathétique“. Doch das Sprunghafte nimmt auch mal überhand. Das so Poetische, was ihn bei Bach schmückte, fehlt an nötiger Stelle. Besonders augenscheinlich bei der Pathétique, die er noch kurzfristig in das Programm genommen hatte. Da ist von dem „Cantabile“ im Adagio des zweiten Satzes an manchen Stellen nicht mehr viel übrig. Das kann man als besonders puristisch und auf Prägnanz gemünzt ansehen oder auch schlicht als einen der Interpretation inhärenten Mangel.

Und hier ist sie wieder: die Frage nach dem Geschmack. Technisch indes entzückt Ólafsson stets mit überragendem Können. Was nun? Bach, ja – Beethoven, nein? Ein jeder möge selbst entscheiden. Und natürlich gab es beachtlichen Beifall, indes sehen dann doch Jubelstürme anders aus.