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Straßenkunst: Marathon der Langsamkeit

Straßenkunst: Marathon der Langsamkeit

Für 36 Stunden nutzen drei Tanzkünstler den Ernst-Reuter-Platz als Bühne. Dabei bewegen sie sich wie in Zeitlupe.

Düsseldorf. Zwei Frauen und ein Mann in mittelalterlich anmutender Kleidung liefern sich auf dem Rasen des Ernst-Reuter-Platzes scheinbar eine Verfolgungsjagd. Doch statt wild zu rennen, bewegen sie sich äußerst langsam, wie durch Honig schreitend, vorwärts.

Ihr Ziel: ein runder Holztisch, auf dem drei Tassen Milchkaffee auf sie warten. Darauf, dass der Muntermacher kalt wird, können die drei während ihres minutenlangen Weges zum Tisch keine Rücksicht nehmen. Die Langsamkeit der Alltagsbewegungen ist das Essentielle des Kunstaktes.

"Durch die stark verlangsamte Ausführung ganz normaler Bewegungen, werden diese entfremdet und dadurch zum Tanz", erklärt Choreografin Sabine Seume - natürlich ganz langsam gesprochen. Sie hat sich das ungewöhnliche Kunstprojekt zusammen mit ihren Mitstreitern Susanne Weins und Andreas Simon ausgedacht.

Seit Donnerstagmorgen um 6 Uhr lassen sie Alltägliches wie Essen, Zeitung lesen oder den Gang zur Toilette zur Tanzkunst werden. Zwischendurch treffen sie sich immer wieder zu gemeinsamen Tänzen, die wie Spiele und Raufereien von Kindern anmuten. Susanne Weins untermalt die Szenerie durch Gesangseinlagen.

Insgesamt 36 Stunden soll der Marathon der Langsamkeit, den die Künstler unter dem Titel "Die Zeiten ändern sich" aufführen, dauern. Von Freunden bewacht, wollen sie auf dem Platz übernachten. "Ich habe schon ein wenig Muskelkater", musste Andreas Simon am Donnerstagnachmittag nach neun Stunden zugeben.

Der größten Belastung ist aber wohl Susanne Weins ausgesetzt. Die 47-Jährige ist im achten Monat schwanger, wie sie per Handzeichen mitteilt. Mit vielen Pausen wolle sie bis zum Abend durchhalten. Ehemann Wolfgang Peters, seinerseits selbst Allgemeinmediziner, sieht in den Praxispausen nach seiner Frau und ist optimistisch. "Das ist alles mit ihrem Arzt abgesprochen, sie macht solange mit, wie es geht."

Bei dem Versuch, sich ebenso langsam zu bewegen wie das Trio, stellte er fest, "dass man da erstmal spürt, wie schnell der innere Motor in der Alltagshektik läuft". Die wenigen Passanten, die über den kleinen, von viel befahrenen Straßen gesäumten Platz überqueren, schauen teils belustigt, teils irritiert. Zum Mitmachen oder verweilen ließ sich noch keiner animieren.

Begeistert von der Aktionskunst sind Hakki Calli und Claudy Massop, Geschäftsführer des mexikanischen Restaurants "Bandido" gegenüber des Ernst-Reuter-Platzes. Und das so sehr, dass sie den Künstlern neben Kaffee auch ein Abendessen im Freien spendierten.

"Wir finden es toll, dass es hier auf dem Platz mal etwas Kulturelles gibt und nicht immer nur Leute, die ihre Hunde ausführen", sagt Calli. So genoss das Trio umgeben von Lärm und Großstadthektik mit neuer alltäglicher Gemütlichkeit Vajitas und Enchiladas. Langsam essen ist ja auch gesünder.