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Studierende der Klasse Gregor Schneider laden zu sich nach Hause ein

Aktion aus der Kunstakademie : Zu Besuch bei jungen Künstlern

Kunstakademie-Studierende der Klasse von Gregor Schneider laden zu „Home Visits“ ein. Jeder kann sich um einen Besuch bewerben.

Normalerweise wird der Arzt zu Hilfe gerufen, wenn schwerkranke Patienten Hilfe brauchen. Diesmal sind es Studierende der Klasse Gregor Schneider, die zu „Home Visits“ bitten. Sie sehnen sich nach dem Lockdown nach Menschen. Sie brauchen sie, um überhaupt arbeiten zu können. Ein individueller Termin kann für den 2. bis 4. Juli online gebucht werden. Bis zu drei Personen sind gleichzeitig willkommen. Eine tolle Idee. Aber was steckt dahinter?

Wir trafen uns vorab mit fünf Jungkünstlern. Wir wollten wissen, wie sie die Zeit, die Leere, die allgemeine Kontaktlosigkeit in ihrer Studentenbude überstanden haben. Deniz Saridas, Tutor der Klasse, fand die Lockdown-Zeit einfach schrecklich: „Wir waren zu Hause gefangen. Man musste sich ganz intensiv mit diesem einen Zimmer auseinandersetzen, in dem man schläft, am Rechner sitzt, seine E-Mails schreibt und Kaffee trinkt.“

Philipp Boshart teilt seine Wohnung mit seiner Freundin, einer Musikerin. Er sei gescheitert, gibt er offen zu. „Um etwas zu produzieren, brauche ich den Abstand. Und den hatte ich nicht. Für uns stand fest, dass wir nicht mehr so weitermachen konnten wie bisher.“ Sophie Schweighart, die normaler­weise gebaute Inszenierungen im Raum erzeugt, stellte gar ihr Leben um: „Ich bin häuslicher geworden. Früher war ich viel mehr im Auto unterwegs als zu Hause. Das ging nun nicht mehr. Ich habe meine Arbeitsweise geändert, habe geschrieben, am Computer gearbeitet und Konzepte entwickelt. Ich will jetzt einen Low-Budget-Film drehen. Er wird sich auf mich beziehen, aber ich komme im Film nicht vor.“

Was aber tut man, wenn einem die Decke auf den Kopf fällt? Nils-Simon Fischer versucht, der Leere und der Stille Herr zu werden, indem er mit Papier und Bleistift kleinste Raster zeichnet, die fast an Pixel erinnern. Da hinein zeichnet er Millimeter um Millimeter. Er habe sich schon immer mit Tagesabläufen beschäftigt. Wie bei seinem Lehrer gehe es ihm um das spezielle Verhältnis von Kunst und Leben. „Hand, Kopf und Umraum sind in den eigenen vier Wänden viel unmittelbarer als bei der skulpturalen Arbeit. Das Direkte interessiert mich“, sagt er.

Moritz Riesenbeck, der den Bachelor in Architektur gemacht hat, suchte nach Möglichkeiten für das Unmögliche. Er überlegte, wie er seine ortsbezogenen Installationen archivieren und ihre Atmosphäre erhalten könne. Er werde ein Buch schreiben. Darin könne er alle Dinge und Erfahrungen sammeln, in den Schrank stellen oder verschenken.

Deniz Saridas fasst die Sehnsucht zusammen, die die Kommilitonen mit diesem Hausbesuch verbinden: „Wir haben soeben erfahren, wie wichtig andere Menschen sind. Als soziale Wesen brauchen wir den Anderen. Die Isolation macht uns kaputt. Entscheidend für uns Künstler ist aber auch die Freiheit. In der Akademie hatten wir sie nicht mehr, denn die war geschlossen. Im privaten Raum ist man frei; aber was ist, wenn man dort sein muss? Ist man dann noch frei und kann produktiv sein?“

Auch er wagt die Kehrtwende. Der Medienfachmann kaufte sich Stoffe und eine Nähmaschine und brachte sich kurzerhand das Nähen bei. Er erklärt: „Ich finde zurück zum Material, von dem ich so lange abgekoppelt war. Im eigenen Zuhause ist man mit all den Dingen konfrontiert, die man in der Medienwerkstatt und im Atelier nicht braucht.“ Nun wolle er einen Film drehen. Die Kostüme nähe er für seine Freundin. Sie soll die Protagonistin werden. Aber Licht und Schatten, die seine bisherigen Medienarbeiten bestimmen, werde man auch im Film wiederfinden.

Dieser Hausbesuch ist natürlich für beide Seiten ein Risiko. Wird es der Besucher eine Stunde lang aushalten, mit dem Künstler in einem kargen Raum vis-à-vis zu sitzen und zu reden? Wer ist da wem ausgeliefert? Oder obsiegt die Neugierde?

Die Künstler jedenfalls werden dafür sorgen, dass es den Kunstfans gut geht. Deniz etwa wird Schokoladenkuchen, Apfelkuchen und vielleicht auch noch Karottenkuchen backen. Es soll sogar türkische Teigtaschen geben. Die seien lecker und auch in großen Mengen herzustellen. „Ich will, dass es meinen Gästen gut geht“, sagt er.

Das meint übrigens auch Mona Schulzek, die beim Gespräch nicht dabei war, die aber zu einem Weltraumtransmitter auf ihren Balkon einlädt. Sie wolle ihre Kunst zu Außerirdischen senden, habe dafür sogar eine funktionsfähige Antenne gebaut und sich zur Funkerin ausbilden lassen.