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"Sternzeichen"-Symphoniekonzert in der Tonhalle

Großartiges „Sternzeichen“ : Erstes Konzert vor Publikum

Axel Kober dirigierte die Düsseldorfer Symphoniker: Das erste und letzte Konzert der Saison vor Publikum war ein großer Erfolg, auch wegen des Solisten.

Der gemeine Klassikfan weiß schon gar nicht mehr, wie das ist: Musik auf die Ohren, ohne dass ein technisches Gerät dazwischen ist. Und dem gemeinen Musiker ist es nicht weniger unvertraut, seine Kunst nicht nur vor Kameras und Mikrofonen aus- und aufzuführen, sondern vor richtigem Publikum.

Als nun also die Düsseldorfer Symphoniker nebst ihrem Dirigenten Axel Kober in der Tonhalle zum letzten „Sternzeichen“ der Spielzeit angetreten sind, herrscht so etwas wie Euphorie auf und gegenüber der Bühne. Intendant Michael Becker spricht den Satz: „Sie glauben gar nicht, wie schön das ist, dass Sie da sind.“ Und lobt das schachbrettmäßig vereinzelt angeordnete Publikum in Parkett und Unterrang für seine Treue, alldieweil der weitverbreitete Verzicht auf Abo-Rückerstattung dem Haus eine Unterstützung im „satten sechsstelligen Bereich“ eingebracht habe.

Die Zeichen stehen also auf Harmonie bei dieser letzten Gelegenheit vor den Ferien, den klassischen Klangkörper der Stadt noch einmal live im Konzert zu erleben. Es gibt Brahms, die zweite Serenade mit Holz und Streichern ohne Geigen; und Musik für Klarinette mit syrischen Wurzeln, die in Amerika beziehungsweise beim Polen Penderecki neue Nährstoffe aufgenommen hat.

Um es gleich zu sagen: Wer eben Gelegenheit findet, sollte sich das nicht entgehen lassen. Denn was der Klarinettist Kinan Azmeh veranstaltet, ist sensationell. Nichts weniger. Einerseits in dem „Lied ohne Worte 2 für Klarinette und Streicher“ benannten, ziemlich nach Avantgarde der 60er Jahre klingenden Stück seines Landsmanns Zaid Jabri – ein unglaublich farbenreiches Stimmungsgemälde aus kostbaren Klangteppichen, martialischen Dissonanzen und lyrischen Gesangspassagen von gediegener Schönheit. Andererseits in der von ihm selbst komponierten „Suite für Improvisator und Orchester“.

Azmeh lebt die Musik mit
allen Fasern seines Körpers

Azmeh reizt nicht nur die Register und Klangfarben seines (superchic komplett schwarz lackierten) Instruments bis in die Extreme aus, er lebt die Musik mit allen Fasern seines Körpers und seines Wesens. So kommt es jedenfalls rüber. Seine Suite ist dabei reinste Folklore, Reflex eines Syrers in New York, Porträt Harlems, der Sehnsucht nach Heimat, nach den Festivitäten einer syrischen Hochzeit.

Neben den Düsseldorfer Symphonikern, die die Bühne – im Corona-Abstand – bis an den Rand füllen, ist der Perkussionist John Hadfield als quasi zweiter Solist mit dabei, der atemberaubend virtuos auf seinem Trommel-Sitzgerät und einem Klangblech die für unsere Ohren vertrackten, in Fünfer-Siebener-Elfergruppen gepackte Takte zu rhythmischen Feuerwerken trommelt. Streicher und Bläser leisten Unerhörtes, Axel Kober am Pult dirigiert ungeniert und ohne Knoten im Arm, sperrt zwischendurch Mund und Ohren auf vor der unglaublichen Improvisationsgabe, die Azmeh an der Klarinette an den Tag legt. Das Publikum ist schier aus dem Häuschen, applaudiert frenetisch, soweit 250 Leute das in der Tonhalle können, und erbittet eine nicht weniger hinreißende Zugabe.

Und es ist gar nicht so schlimm in der Tonhalle, wie offenbar etliche weggebliebene Abonnenten glauben. Klar, die Maske ist lästig, aber die Formalitäten am Eingang sind freundlich und schnell abgewickelt. Man muss auch nicht am Kassenautomaten anstehen, sondern kann Parktickets an Extraständen kaufen. Die Rotunde ist jetzt ein nettes Restaurant. Und draußen, vorm zerschnittenen Kriegerdenkmal, gibt‘s ebenfalls Bier, Wein und Brezel zum Flanieren. Danach, nach der Pause, der Brahms, der wegen der vielen Bratschen besonders, auch besonders sommerlich klingt, fein musiziert mit Kobers Sinn fürs überraschende Detail und fürs Ganze.