Pique Dame trifft Hollywood in Düsseldorf

Oper : Pique Dame trifft Hollywood

Wir haben Proben zu Lydia Steiers Inszenierung der Tschaikowsky-Oper besucht. Es wird trotz Tragik glamourös.

Die zurzeit laufenden Proben an der Düsseldorfer Oper zu Lydia Steiers Inszenierung von Pique Dame verraten schon überdeutlich: Es geht in die späten 1950er Jahre, nach Hollywood und offenbar in die galmouröse Welt der so schön oberflächlichen Gartenparties. Der erste Blick auf das Bühnenbild (Bärbl Hohmann), das noch etwas einen vorläufigen Eindruck vermittelt, erinnert sogleich an einen mit viel Marmor und Chrom gestalteten Außenbereich mit Pool und Sonnendeck – eine Spielwiese für Schön und Reich. Auf diese Folie, natürlich nicht nur ästhetisch, sondern auch interpretatorisch zieht Steier – die schon mit ihrer Inszenierung der Zauberflöte in Salzburg für recht große Resonanz gesorgt hat –, Tschaikowskys Oper, bei der es aber eben nicht nur um die Leidenschaft für Kartenspiele geht. Ein Porträt einer glamourösen, vielleicht um sich selbst kreisenden somit auch narzistischen Gesellschaft, zeichnet sich da, ganz ähnlich zu dem Phänomen, das Hollywood den zeitgleich reizvollen wie zweifelhaften Ruf eingebracht hat, der bis heute ungebrochen nachschwingt.

Die Geschichte umschwebt einerseits die Tragik von Liebesbesessenheit, aber durchaus gemischt mit einer ordentlichen Portion mysteriöser Schauerlichkeit. Da gibt es diese Großmutter, die Gräfin (verkörpert von einer Grande Dame des Operngesangs Hanna Schwarz) – die wegen ihrer Spielleidenschaft Pique Dame genannt wurde – eine Figur aus einer vergangenen Zeit, aus der Zeit gefallen, eine geheimnisvolle Person. Bei Steier eine Stummfilm-Diva, eine, deren Welt eigentlich noch nah genug ist, aber durch die Nähe des Vergangenen umso weiter entfernt zu sein scheint, von der Lebenwirklichkeit der sie umgebenden Gesellschaft. Ihre Enkeltochter Lisa (Elisabet Strid) wiederum wird von dem Offizier (Sergey Polyakov) Hermann umgarnt, dieser ist bei Steier ein typischer amerikanischer Intellektueller, ein Außenseiter in der Hochglanzwelt; Lisa indes ist mit dem Fürsten Jelezki verlobt.

Unkompliziert ist das nicht; insbesondere wenn man weiß, dass die Geschichte um das Entreißen von Geheimnissen, Lieben und Sterben mehr und mehr verdüstert. Die Gräfin stirbt, wird zu einem Geist, Lisa wirft sich in einen Fluss, Hermann ersticht sich schließlich. Große russische Emotion aus der Feder Puschkins, von Tschaikowsky in Noten gesetzt. Und dies wirklich sehr berührend – nicht zuletzt kann Pique Dame als ein Geniestreich des russischen Komponisten gelten.

Spricht man mit Steier in einer Pause zwischen den Proben – momentan fügt sich das Szenische mit dem Orchestralen, geleitet von Aziz Shokhakimov, Schritt um Schritt zusammen – so spürt man die Kräfte, die so eine Inszenierung aus dem Innersten eines Regisseurs zieht, deutlich. Dennoch nimmt sich Steier viel Zeit, auch um über ihre Anfänge als Sängerin zu sprechen. Denn die Amerikanerin Steier kam erst in zweiter Station zum Inszenieren, vielleicht auch, weil sie mit den konservativen Inszenierungen in Amerika nicht ganz so viel anfangen konnte. So oder so war der Stress, selbst auf der Bühne zu stehen, auf Dauer nichts für sie, sagt sie. Dennoch, wenn man sie eine bei den Proben fehlende Partie markieren sieht – respektabel es selbst zu tun – spürt man, welch schauspielerische Energie in diesem Menschen steckt. Vielleicht hilft es, wenn man es selbst so gut kann, so wie auch das Singen, bei der Einschätzung was auf der Bühne funktioniert, was geht und eben auch, was nicht geht.

Steier, die zwar eine Wohnung in Berlin hat, aber wohl überall lebt, wo es Häuser gibt, die sie einladen, zu inszenieren, verrät uns auch, dass es für sie ein großer Wunsch war, just Pique Dame zu inszenieren. Diese Faszination gehe meist von der Musik aus, erklärt sie – und ohnehin gibt es eine familiäre Verbindung in slawische Gefilde bei ihr, ihre Großmutter kommt aus der Ukraine. Zufall?

Die Regisseurin Lydia Steier probt zurzeit am Opernhaus Düsseldorf für ihre Inszenierung von Tschaikowskys Oper. Wir sprachen mit ihr in einer Probenpause. Foto: Tony De Falcis

Die Proben machen neugierig auf das, was bei der Premiere kommen mag, wie die Verschmelzung von Tschaikowskys Oper mit 50er Hollywood-Aura gelingen kann.

Mehr von Westdeutsche Zeitung