Der Düsseldorfer Geschichtsschreiber mit der Kamera

Düsseldorfer Stadtgeschichte : Der Geschichtsschreiber mit der Kamera

Über Jahrzehnte fotografierte Julius Söhn seine Heimatstadt Düsseldorf. Jetzt hat das Stadtarchiv ihm ein Buch gewidmet. Mit großartigen historischen Aufnahmen.

Mit 21 Jahren kam Julius Söhn im Jahr 1890 erstmals nach Düsseldorf. Und war von dem, was er hier sah, offenbar sehr angetan. Er heiratete nicht nur eine Düsseldorferin, sondern widmete sein berufliches Schaffen fortan der Stadt, die ebenfalls sein Herz erobert hatte. Bis zu seinem Tod im Jahr 1943 zog Söhn mit seiner Kamera durch die Stadt, fotografierte Architektur, Menschen, aber auch Ereignisse der Zeitgeschichte. Zwar war Düsseldorf damals eine boomende Stadt für Fotografen, aber es gab keinen anderen, der seine Aufnahmen so perfekt archiviert hat. 1972 hatte das Stadtarchiv die Sammlung mit rund 3200 Bildern für rund 65 000 Mark angekauft. Jetzt haben die beiden Stadtarchivarinnen Julia Lederle-Wintgens und Andrea Trudewind dem Fotografen ein Buch gewidmet. „Augenblicke des Wandels. Julius Söhn – frühe Straßenfotografie in Düsseldorf“ heißt das Werk, das am Freitag präsentiert wurde.

„Es war einfach an der Zeit“, erklären die beiden Autorinnen, warum sie es wichtig finden, die Arbeit von Julius Söhn zu würdigen. Seine Aufnahmen gehören zu den Fotos, die am meisten vom Stadtarchiv herausgegeben werden: „Für uns ist er ein guter Bekannter.“ Und in den sozialen Netzwerken werden die historischen Bilder tausendfach geteilt. Dabei wisse man über den Menschen Julius Söhn nur wenig.

Er kam zu einer Zeit in die Stadt, als sich unglaublich viel veränderte. Es begann der Aufbruch in das Industriezeitalter, die Stadt wuchs durch Eingemeindungen. Die Straßenbahnen bestimmten bald das Stadtbild, auch die Dampfschifffahrt entwickelte sich auf dem Rhein. Das alles dokumentierte Söhn mit einem handwerklichen perfekten Stil und dem Sinn für den bestimmten Augenblick.

Dabei gelangen ihm auch historisch bedeutende Aufnahmen. Zum Beispiel 1919, als die Spartakisten in Düsseldorf Barrikaden bauten oder als die preußischen Soldaten vor dem Ersten Weltkrieg durch Düsseldorf in die Schlacht zogen. Ebenso hielt er mit seiner Kamera fest, als die ersten Heimkehrer vier Jahre später zurück nach Düsseldorf kamen. Mit deutlich weniger Jubel.

Über Söhn selbst weiß man, dass er sieben Kinder hatte und sein Sohn Oskar später sein Lebenswerk fortsetzte und das Archiv pflegte. Auch nach der Machtergreifung durch die Nazis fotografierte Söhn weiter Ausstellungen. So dokumentierte er 1934 auch die Schau „Der Kampf der NSDAP“. Wie er zu der Partei stand, ist nicht bekannt. Söhn war ein Betrachter, ein Geschichtsschreiber mit der Kamera.