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Düsseldorf: Düstere Endzeitstimmung am Inselstrand

Schauspielhaus : Düstere Endzeitstimmung am Inselstrand

In „Letztes Licht. Territorium“ von Thomas Freyer im Schauspielhaus geht es um Migranten und Klimanotstand.

Eine Mauer senkt sich bedrohlich über vier Menschen. In abgerissenen Klamotten und mit Staub bedeckt bewegen sie sich nur gebeugt, beinah gekrümmt voran. Wühlen oder liegen im Sand, haben kaum noch Energie. Wenn sie sich im Gespräch aufregen und der Blutdruck steigt, klappen sie wie Marionetten zusammen. Bleiben leblos liegen – in dem abgeschnittenen Stück Land, das irgendwo am Meer liegt. Vermutlich auf einer Insel, an der sie vor langer Zeit gestrandet sind und danach eingeschlossen wurden. Die Atmosphäre in „Letztes Licht. Territorium“ erinnert an Endzeitstimmung, an ‚The Day after‘ – den Tag oder die Epoche nach einer Menschheits-Katastrophe. Beklemmung und schlechtes Gewissen machen sich jedenfalls breit in dem gleichnamigen Stück von Thomas Freyer, das nach seiner Uraufführung im Schauspielhaus gefeiert wurde.

Sicherlich bietet Freyers Horror-Vision über Flüchtlingsschicksale manche Denkanstöße. Zumal in der auf Dialoge ruhenden wenig zugespitzten Inszenierung von Jan Gehler und der suggestiven Mauer-Strand-Ausstattung von Sabrina Rox. Der für seine Gesellschaftskritik bekannte Autor denkt in diesem Theaterstück von knapp zwei Stunden unsere Gegenwart von Flüchtlingskrise unter negativen Vorzeichen weiter. Und blickt aus der Zukunft zurück in unsere Jahre der Massen-Migration von Menschen, die vor Krieg und Katastrophen an vermeintlich sichere Gestade fliehen und häufig in einer neuen Hölle landen –zumindest aus humanitärer Sicht.

Zwei junge und zwei ältere Menschen versammeln sich unter der schwebenden Brandmauer, deren Innenseite mit mediterranem Lichthimmel bessere Zeiten verspricht. Sie kriechen über eine versandete, trostlose Küste. Fluchtwege sind nicht in Sicht.

Zauda (Cathleen Baumann) und Magel (Thomas Kitsche) verkörpern die Elterngeneration – diejenigen, die damals (also in unserer Zeit) sich aus einem Schlepperboot an einen Inselstrand retteten, dort unter unmenschlichen Bedingungen aufwuchsen und verrohten. Das ging so weit, dass sie andere Menschen töteten, um selbst zu überleben. Sie richteten sich ein und bekamen – in Freyers Apokalypse – Kinder. Letztere richten sich in der Zukunft – also in der Zeit, in der das Stück spielt – gegen die Eltern, entlarven sie am Ende des Theaterabends als brutale Mörder. Zu erkennen an dem so harmlos wirkenden Magel, der kaum aufrecht stehen kann und, wie ein inkontinenter Greis, mit Windelhöschen durch das abgegrenzte Territorium trippelt. Aber dennoch kleine Singvögel mit seiner Hand einfach zerquetscht, ohne ein Anzeichen von Mitleid oder Gnade. Zauda indes bewahrt lange Zeit die Maske der fürsorglichen, aber dominanten Mutter, kommandiert und schnauzt herum. Extrem neurotisch wirken beide, die erst ganz zum Schluss zu der Schuld stehen, die sie als junge Menschen auf sich geladen haben.

Neurotisch und brutal geriert sich ebenfalls die Kindergeneration: Ander (Alexej Lochmann), der ständig in ein Loch schlüpft, um einen Tunnel unter der Mauer in die Freiheit zu graben, steigert sich in seine Rache an der Elterngeneration, indem er dem greisen Magel kurzerhand das Genick bricht. Zaudas Tochter Byosch (Madeline Gabel) indes kämpft lauernd gegen ihre Mutter, möchte sie gar mit dem Beil erschlagen und sieht in Suu (Anna-Sophie Friedmann) eine Gefahr, die in ihre Seelen-Wüste eindringt. Hier geht’s plötzlich um Immobilien-Investoren. Friedmann brilliert als Business-Frau, die von den ‚Insulanern‘ anfangs wie ein Wesen vom „Kontinent“ begafft wird. Und versucht, sich mit Tochter und Mutter anzufreunden, dabei aber in blutige Kämpfe gerät.

Der Autor überfrachtet das Stück mit Themen: die zivilisatorischen Krisen und zwischenmenschlichen Auswüchse in Erstaufnahmelagern auf der griechischen Insel Lesbos, Klima-Erwärmung und dann auch noch die Investment-Haie, die eines Tages auf dem verwüsteten ‚Territorium‘ Immobilien errichten wollen. Die Verdichtung auf einen Schwerpunkt hätte eine wesentlich größere Wirkung auf das Publikum.