Dieter Hecking im Interview: „Bundestrainer? - Warum nicht?“

Borussia M’Gladbach: Dieter Hecking im Interview: „Bundestrainer? - Warum nicht?“

Gladbach-Trainer Dieter Hecking reist als Tabellenzweiter mit viel Selbstvertrauen zum BVB. Mit uns sprach er über Meisterchancen, Verletzungspech und seine Vertragsverlängerung. 

Dieter Hecking, wo feiern Sie Weihnachten?

Dieter Hecking: In Norwegen auf der Hütte, mit Freunden und der ganzen Familie, wir machen das jedes Jahr, alle Kinder sind noch dabei. Da werden die Skier eingepackt, und auf der Hütte gibt es Glühwein. So verbringen wir Weihnachten und Silvester. Ich freue mich darauf.

Und Sie schauen dann mit Genugtuung auf ein gutes 2018 zurück für Sie?

Hecking: Es gibt ja zwei Hälften (lacht). Aber dank meiner Erfahrung lasse ich mich nicht mehr so sehr von Emotionen leiten. Zur Beurteilung braucht es Abstand. Klar ist: An der Vorrunde gibt es wenig auszusetzen, trotzdem gilt: Je höher du kommst, desto schmerzhafter ist der Fall aufs Eis und umso so tiefer brichst du ein. Deswegen versuche ich, den Pegel immer in der Mitte zu halten.

Kann Gladbach auch in der Rückserie so stark sein?

Hecking: Die Mannschaft ist sehr selbstkritisch. Und sie würde natürlich gerne wieder in Europa spielen. Wenn wir kein wahnsinniges Verletzungspech haben, sehe ich jetzt keinen Grund, warum es in der Rückrunde nicht auch gut laufen könnte. Aber die Gegner stellen sich natürlich auf uns ein und analysieren uns, so wie wir das auch mit Bayern und Dortmund machen. Entscheidend ist, dass wir mit unserer veränderten Wahrnehmung umzugehen lernen.

Haben Sie Antworten auf Gegner, die Ihr Spiel in der Rückrunde dechiffriert haben?

Hecking: Es ist so, dass wir schon jetzt Lösungen gegen verschiedene Spielsysteme erarbeitet haben. Wir sind nicht so leicht auszurechnen. Wichtig ist, dass wir immer Lösungen im Kopf haben.

Was ist die Überraschung in diesem Kader?

Hecking: Wie die Mannschaft mit diesem Systemwechsel umgegangen ist, das war toll. Ich hatte das gehofft.

Warum haben Sie das nicht schon in der Rückrunde der vergangenen Saison versucht, als es nicht mehr lief?

Hecking: Natürlich habe ich mich auch damals damit beschäftigt, vielleicht etwas am System zu ändern. Aber wir hatten ein instabiles Gebilde, bis zu zehn Leistungsträger haben wegen Verletzungen gefehlt. Ich fürchtete, dass es zu noch mehr Instabilität führen kann, wenn ich jetzt was Neues reinbringe. Das war mein Gefühl. Klar hätte es auch anders ausgehen können, aber ich habe mich so entschieden. Und dann haben Max Eberl und ich uns im Sommer den Kader angeschaut und gesagt: Wir haben unglaublich viel Qualität im zentralen Bereich, daraus ist das 4:3:3-System entstanden. Es war klar, dass das gut gehen kann, jetzt mussten wir die Lösung finden: Welche Spieler passen zusammen. Was oder wen brauchen wir noch?

Der Kader hat auch ohne Europapokal enorm an Wert gewonnen. Wer sind Ihre Highlights der Hinrunde?

Hecking: Wenn es läuft, werden viele Spieler aufgewertet. Natürlich gibt es Spieler wie Thorgan Hazard, der einen großen Sprung gemacht hat. Die Entwicklung von Florian Neuhaus war so nicht unbedingt zu erwarten. Alassane Plea schlägt sofort ein – und Tobias Strobl kommt nach langer Verletzung so zurück, auch Jordan Beyer macht das klasse – das sind schon ein paar Namen, aber es gibt auch viele andere, denen ich jetzt Unrecht tue, weil ich hier nicht alle aufzählen kann.

Viel macht sich für die Fans an Plea fest. Was macht ihn so wertvoll?

Hecking: Dieser Spielertyp Plea, der nur das Tor im Auge hat, den hatten wir nicht. Den gab es in Gladbach schon oft, ich erinnere zum Beispiel an Martin Dahlin, aber zuletzt hatten wir so einen nicht. Egal ob er von links oder zentral spielt, er hat immer im Blick: ich will jetzt das Tor machen. Alassane Plea hat uns geholfen, aber er alleine ist es natürlich auch nicht.

Ist die Hinrunde für Sie eine enorme Befriedigung nach dem Druck der vergangenen Rückrunde?

Hecking: Die Frage ist doch: Wie empfindet man Druck? Ich habe mittlerweile bei mir enorme innere Ruhe gefunden, der Druck macht mich nicht mehr kaputt. Klar werden die Fragen manchmal kritischer, aber das gehört für mich dazu. Wichtig ist der Rückhalt der Verantwortungsträger, und du merkst relativ schnell, ob der bei achtzig oder hundert Prozent liegt. Das gilt auch für die Kabine. Immer wenn ich in meiner Trainerlaufbahn das Gefühl hatte, das passt nicht mehr, war ich der erste, der gefragt hat: Sind wir noch auf dem richtigen Weg oder wäre ein Anderer die bessere Lösung? Und deshalb: Nein, es ist für mich keine Genugtuung. Ich war überzeugt, dass wir eine gute Saison spielen können, wenn alle gesund sind und wir Ruhe ausstrahlen.

Wollen Sie Ihre Chance auf die Champions League mit neuen Spielern im Winter wahrscheinlicher machen oder verträgt die Mannschaft das nicht?

Hecking: Ich glaube, dass die Mannschaft jegliche Art von Verstärkung annehmen würde. Aber du kriegst keine Garantie. Max Eberl macht das hier mit einer ungeheuren Besonnenheit. Jeder Trainer wird sagen, wenn eine Möglichkeit besteht, werden wir darüber nachdenken. Aber es ist kein absolutes Muss. Das gilt auch für Abgänge. Warum sollen wir eine gut funktionierende Mannschaft auseinander reißen? Wir bewerten erstmal die Situation im Sinne von Borussia Mönchengladbach und nicht im Sinne des Spielers.

Christoph Kramer hat seinen Stammplatz verloren, ist er ein Kandidat für einen Wechsel?

Hecking: Das sehe ich absolut nicht so. Er tut der Mannschaft mit seiner ganzen Art unheimlich gut, wie ich das selten zuvor von einem Spieler erlebt habe. Natürlich ist es sportlich nicht gut für ihn gelaufen, er hat weniger gespielt als erwartet, und er war länger verletzt. Er geht damit hervorragend um. Wir sprechen darüber und er wird zu hundert Prozent ein sehr wichtiger Baustein in der Rückrunde werden. Aber er muss auch akzeptieren, dass da mit Tobi Strobl gerade ein Spieler ist, der die Leistung bringt. Und das akzeptiert er auch.

Geht Raffaels Zeit langsam zu Ende?

Hecking: Da ist es ähnlich. Er hat jetzt Pech gehabt mit dem Schlüsselbeinbruch. Er war ja nach seiner langen Verletzungspause wieder auf einem guten Weg. Im Nachhinein ärgere ich mich, dass wir ihn in Hoffenheim noch eingewechselt haben, um das Spiel zu beruhigen. Sonst wäre das nicht passiert. Aber ich habe das Gefühl, dass es wichtig ist für den Verein, dass wir uns Identifikationsfiguren erhalten. Das sieht man auch an Patrick Herrmann, wie das Publikum allein reagiert, wenn er ins Spiel kommt. So etwas muss ich auch berücksichtigen.

Wollen Sie selbst auch alt werden in Mönchengladbach?

Hecking: Ich hätte alle Karten in der Hand gehabt, auf einen längerfristigen Vertrag zu pochen als das eine Jahr. Aber im Gespräch mit Max Eberl haben wir schnell festgestellt, das brauchen wir eigentlich beide nicht mehr.

Hätten Sie früher durchaus auf eine längere Vertragszeit gepocht?

Hecking: Ja. Vor sechs, sieben Jahren hätte ich schon gedacht, jetzt bietet mir mal was an, womit ich mich auch absichern kann. Aber ich bin jetzt an einem Punkt, an dem ich beide Seiten sehe. Die Station hier hat mir nochmal richtig Reputation gegeben. Ich kann mir Vieles vorstellen. Das ist doch eh immer abhängig von den Entwicklungen, auch im Konkurrenzfeld der Liga. Was können wir erreichen? Dortmund, Bayern, Leipzig – die haben andere Voraussetzungen. Kürzlich stand im Kicker eine Geschichte über meine Zeit in Nürnberg, die viel aussagt. Zuerst waren wir dort Sechster, dann Zehnter – und plötzlich sollte ich Fünfter werden unter Bedingungen, mit denen das nie möglich gewesen wäre. Wenn so etwas passiert, dann bin ich nicht der Richtige.

Und Ihre ganz persönlichen Ziele?

Hecking: Ich genieße jeden Tag. Wenn man mal links und rechts schaut, wenn man über 50 ist, was da so alles passiert, dann ist man froh, wenn man nicht betroffen ist. Ich habe mir abgewöhnt zu planen. Ich kann mir eine lange Zeit bei Borussia vorstellen, fände es aber zum Beispiel auch spannend, wenn der DFB mal anklopfen würde. Ich bin neugierig geworden. Was bringt mir mein letztes Drittel? Zwei Drittel waren sehr, sehr gut.

Was könnten Sie sich denn beim DFB vorstellen? Bundestrainer?

Hecking: Warum nicht? Aber im Moment stellt sich diese Frage nicht, weil wir einen sehr guten Bundestrainer haben. Vielleicht aber auch mal auf der anderen Seite zu stehen. Ich habe eine Management-Ausbildung, eine kaufmännische Ausbildung, dazu meine Erfahrungen als Fußball-Lehrer. Der Mix wäre prädestiniert für die andere Seite. Aber die Frage ist, will man das, wenn mal so etwas kommt? Im Moment muss es nicht kommen.

Das Spiel in Dortmund (heute um 20.30 Uhr, live im ZDF) ist das Spitzenspiel der Liga, gerade hat der BVB in Düsseldorf das erste Mal verloren. Ist Ihnen das gar nicht recht gewesen?

Hecking: Doch, das war schon gut (lacht). Ich glaube, dass es möglich ist, Borussia Dortmund zu schlagen. Dass Fortuna Düsseldorf das geschafft hat, war überraschend, klar. Der BVB spielt intensiv. Deshalb war auch klar, dass sie irgendwann auch mal einen Abend haben, wo nicht viel zusammengeht. Jetzt haben wir eine tolle Konstellation: Freitagabend, Borussia gegen Borussia, 80 000 Zuschauer, Flutlichtspiel, da ist viel Vorfreude. Und es kann alles passieren. Und ich kann meiner Mannschaft zeigen: Schaut her, man kann sie durchaus schlagen. Wenn Fortuna das, bei allem Respekt, schafft, warum soll uns das nicht auch gelingen können?

Wollen Sie Meister werden?

Hecking: Wir wissen, dass es nichts bringt, auf andere zu schauen. Normal wäre: Dortmund und Bayern sind vorn, sie sind und bleiben das Nonplusultra. Aber wir haben auch andere Teams: Frankfurt spielt eine überragende Saison, Wolfsburg spielt richtig gut, Hoffenheim war mit die beste Mannschaft, gegen die wir bislang gespielt haben. Leipzig ist dabei. Beide spielen jetzt ohne Europapokalbelastung. Das sind genügend Kandidaten auf die Champions League. Wir wollen in jedem Spiel punkten. Dabei bleibt es hier.

Ist die Bundesliga deutlich stärker geworden?

Hecking: Es hat viel stattgefunden in der Liga. Viele Trainer haben nachgedacht, auch die WM hat eine Rolle gespielt. Der deutsche Fußball war langatmig, so wollten viele dann auch nicht spielen. So haben sie angefangen, offensiv zu denken. Den defensiven Spielstil können alle, aber der Mannschaft Lösungen für die Offensive an die Hand zu geben, da haben ganz viele in Deutschland einen Sprung gemacht.

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