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Die schönsten Lügen des Fußballs

Fußball und Moral : Das sind die schönsten Lügen des Fußballs

Stuttgarts Manager Reschke gilt als überführt: Gelogen hat er, als er Trainer Korkut entließ. Aber kann das überraschen? Eine grundsätzliche Betrachtung.

Michael Reschke ist nicht der Erste. Und er wird nicht der Letzte sein. Michael Reschke nämlich hat gelogen. Einen Tag, nachdem der Sportvorstand Tayfun Korkut in die TV-Kamera eine Jobgarantie als Trainer des VfB Stuttgart ausgestellt hatte, entließ er ihn kurzerhand. Flunkern „gehört in Extremsituationen auch einmal zu unserem Geschäft“, begründete der ehemalige Manager von Bayer Leverkusen nun seinen Schwindel. Eine gebräuchliche Unsitte im unmoralischen Fußballgeschäft zweifellos. Blöd nur, wenn man sofort der Lüge überführt wird. Wie ein Kind mit Nutella-Schnute, das hoch und heilig verspricht, nicht genascht zu haben. Reschke steht jetzt unter Dauerbeschuss. Gestern meldete sich der ehemalige Meistertrainer Ottmar Hitzfeld zu Wort, der selbstverständlich niemals unwürdig belogen wurde, weil er schlicht und einfach zu erfolgreich war. Oder doch nicht: Uli Hoeneß dementierte 2008 energisch, hinter dem Rücken von Hitzfeld mit anderen Trainern zu sprechen – und nur acht Tage danach präsentierte der FC Bayern München Jürgen Klinsmann als Cheftrainer, über dessen Buddhas auf dem Bayern-Trainingsgelände Hitzfeld bis heute nicht lachen kann.

 Aber zurück zum Fall Korkut: „Es ist immer eine Frage der Formulierung. Auch wenn man nicht weiß, ob der Trainer bleibt, muss man das rhetorisch besser ausdrücken, so dass man sich eine Hintertür offen lassen kann“, sagte der 69-Jährige – und man fragt sich, ob das denn wirklich die galantere Lösung ist. „So, wie das in Stuttgart passiert ist“, stellte Hitzfeld jedenfalls fest „ist das respektlos. Man sollte offen miteinander umgehen.“

Da wird sich mancher Sportdirektor lächelnd auf die Schenkel klopfen, während er seinen verhinderten Mittelfeldstar gerade noch in den Himmel lobt, hinten herum aber schon dessen Abschied eingetütet hat. Man will pekuniär ja noch das Beste herausholen, so geht Bundesliga, so läuft das Geschäft. Und: Offen miteinander umgegangen sind in dieser Branche schon andere nicht.

Das Prinzip Lüge ist weit verbreitet. Einen Ehrenplatz nimmt der unkaputtbare Christoph Daum ein, der es schaffte, neben der Öffentlichkeit auch noch sich selbst anzuschwindeln. Dass er dereinst sein Haar groß angekündigt auf Kokainspuren inspizieren ließ, hatte er mit einem Verweis auf sein absolut reines Gewissen begründet. Das ihn dann ziemlich bitter betrog. Daum lächelte es weg: „War wohl doch keine so gute Idee.“ Danach ging es bergab mit der Trainerkarriere.

Christoph Daum hatte einst wie heute Michael Reschke (o.) ein kleines Problem mit der Wahrheit. Foto: Franz_Peter_Tschauner

Lüge ist nicht gleich Lüge. Es gibt die langweiligen „Ich-habe-vollstes-Vertauen-in-meine-Mannschaft“-Trainer – die den Blödsinn auch noch erzählen, wenn der Stürmer längst mit der Frau des Torwarts durchgebrannt ist und der Großteil des Teams bereits mit ein und demselben Berater bei anderen Vereinen Verträge unterschrieben hat.

Und dann gibt es die Poeten unter den Lügnern. Diego Armando Maradona ist zweifellos der größte unter ihnen. Es sei keine schnöde Unsportlichkeit gewesen, die er sich gegenüber der englischen Nationalmannschaft 1986 geleistet hatte, vielmehr habe die „Hand Gottes“ im WM-Viertelfinale den Ball ins Tor gelenkt. Da kann man ihm nun wirklich nur schwer böse sein.

Anders als im Falle von Andreas Möller. Der segelte dereinst zwar formvollendet, jedoch ohne vorherigen Gegnerkontakt durch den Karlsruher 16er. Der Offensivmann fiel und der Schiedsrichter auf ihn rein. Möller begründete seinen ursachenlosen Strafraumflug mit einer „Schutzschwalbe“. Er habe dem Schmerz entkommen wollen, den ihm der lauernde Dirk Schuster zweifelsfrei in der Lage gewesen wäre zuzufügen. Oh ja, vollstes Verständnis, Andi!

Das sind Flunkereien, die allesamt aufgedeckt wurden. Die persönliche Erfahrung aber lehrt, dass mancherlei kreativer Umgang mit der Wahrheit auch unentdeckt bleibt. Welcher scheinbare Fakt ist gar keine Tatsache? Vielleicht hat der Schiedsrichter ja gar nicht immer recht. Manch Pfiff untermauert diese These. Und unter Umständen ist sogar der Spruch „Die Tabelle lügt nicht“ nichts weiter als Fake. Das würden die Verantwortlichen des FC Bayern gerade ganz gerne glauben.

Das letzte Wort hat gleichwohl der gerade der Lüge überführte Michael Reschke, dessen Leumund schnell wiederhergestellt sein wird, wenn der nächste Trainer Weinzierl funktioniert, also nicht belogen werden muss: Als der Wechsel von Stürmer Simon Terodde 2017 von Stuttgart nach Köln über die Bühne ging, sagte der Rheinländer Reschke: „Wenn es sein muss und im Sinne des VfB Stuttgart und von Spielern ist, dann werde ich von diesem Recht die Wahrheit zu beugen auch weiter Gebrauch machen. Auch wenn es für den einen oder anderen danach schwerer zu verarbeiten ist.“ So, Ihr Naivlinge: So ist’s Business!