Erich Waaser: „Dieses Bauwerk war richtungsweisend“

Erich Waaser: „Dieses Bauwerk war richtungsweisend“

Der Erbauer des Rheinufertunnels erklärt die Bedeutung des Tausendfüßlers im WZ-Gespräch.

Düsseldorf. Bevor Erich Waaser mit dem Rheinufertunnel gleichsam sein Meisterstück abgeliefert hat, hat er auch viele Hochstraßen in Düsseldorf gebaut — rund drei Dutzend, schätzt er. Wir haben den Architekten am Tausendfüßler getroffen: Im Schatten der Hochstraße, die ab Montag abgerissen werden sollte, erklärte er deren Bedeutung für die Stadt.

Herr Waaser, der Tausendfüßler ist ein Symbol für die autogerechte Stadt der 60er-Jahre, die heute so eigentlich niemand mehr will. Ist es insofern nicht ein Grund zur Freude, wenn die Hochstraße bald abgerissen wird?

Erich Waaser: Zunächst einmal verliert die Stadt einen Teil ihres Wiedererkennungswertes. Und das ist ein Grund zur Trauer. Der Tausendfüßler wurde ja nicht ohne Grund unter Denkmalschutz gestellt: Dieses Bauwerk war richtungsweisend für eine neue Bauweise.

Was war denn neu am Tausendfüßler?

Waaser: Das war eine der ersten Hochstraßen in Deutschland, die in Spannbeton gebaut wurden. Nach diesem Prinzip wurden danach alle weit gespannten Brücken gebaut. Heute würde man eine solche Hochstraße freilich nicht mehr mitten in der Innenstadt errichten. Der Tausendfüßler symbolisiert insofern die Hochkultur des Brückenbaus, in der man schlanke Spannbetonbrücken auf minimalistische Stahlstützen gestellt hat.

Auch die Stützen sind etwas Besonderes?

Waaser: Ja, sicher. Baudezernent Friedrich Tamms wollte nicht, dass der Blick auf die Stadt durch dicke Betonpfeiler verstellt wird. Durch die schmalen Stahlstützen wurde ein Höchstmaß an Transparenz erreicht. Sie sind beim Tausendfüßler erstmals in Düsseldorf verwendet worden. Auch die Form des ganzen Bauwerkes ist besonders, dieser langgezogene Bogen. Sie müssen bedenken, dass damals alles mit dem Rechenschieber gemacht wurde. Heute wird so etwas elektronisch berechnet — damals war es ein Kunststück, die Kräfte so zu berechnen, dass die Fahrbahn auch einseitiger Belastung standhält, obwohl sie auf relativ eng beieinander liegenden Auflagen ruht.

Wer hat die Brücke überhaupt konstruiert?

Waaser: Da waren viele Ingenieure und Gutachter beteiligt. Letztlich aber war es Tamms, der gesagt hat: Das und das will ich haben.

Was würde Tamms über den Abriss des Tausendfüßlers sagen, wenn er heute noch leben würde?

Waaser: Wahrscheinlich das, was jeder Architekt sagt, dessen Bauwerk verschwindet: Er würde Zeter und Mordio schreien — und die Jonges mobilisieren.

Sie haben ja noch mit Friedrich Tamms zusammen gearbeitet. Wie haben Sie ihn erlebt?

Waaser: Das stimmt, ich habe mit ihm bis zuletzt zusammengearbeitet. Ich habe ihn unter anderem als Berater für die Hochstraße in Benrath am Bahnhof konsultiert. Er war in sich ruhend, eine mit großem Selbstvertrauen ausgestattete Persönlichkeit, die auch eine gehörige Portion Durchsetzungskraft hatte.

Sie sagten, dass man eine Hochstraße wie den Tausendfüßler heute nicht mehr mitten in der City bauen würde. Glauben Sie, auch Tamms würde das heute so sehen?

Waaser: Ja, ich denke schon. Die Zeit hat sich einfach gewandelt. Heute ist das Auto ein nützliches Vehikel, aber kein goldenes Kalb mehr wie seinerzeit. Damals wollte man den Verkehr nicht verstecken, sondern ihn zeigen: Seht her, wir sind wieder wer! Das Auto war ein Symbol unseres neuen Selbstbewusstseins und unserer wirtschaftlichen Kraft.

Aber dann ist es im Lichte von heute doch richtig, den Tausendfüßler abzureißen?

Waaser: Nehmen Sie die Hagia Sophia in Istanbul: Die würde man heute auch nicht mehr so bauen. Aber das heißt doch nicht, dass man sie abreißen sollte!

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