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Warum Whams! Last Christmas eine prophetische Kraft entwickeln könnte

Was glauben Sie denn? : Last Christmas in Wuppertal?

Pastoralreferent Werner Kleine aus Wuppertal über Weihnachten in Corona-Zeiten und die Abgründe des vor Kitsch triefenden Welthits.

Ein Traum wird wahr. Über Jahre haben die Kirchen sich gegen den adventlichen Kitsch und den weihnachtlichen Kommerz gewehrt und gegen Weihnachtsmärkte gewettert, wo in der Adventszeit schon „O du fröhliche“ und „Stille Nacht“ aus den Lautsprechern dröhnte. Man bepredigte mit großer Erfolglosigkeit das sture und verstockte Volk, das schon seit November die heimischen Fenster beleuchtete und mit dem 1. Advent jene Tannenbäume aufstellte, die am Heiligen Abend ihre grünen Nadeln leise rieseln ließen – ein Vorgang, der vor dem Klimawandel dem Schnee zukam. Der darf dann einige Tage später schon an die frische Luft. Weihnachten ist halt am 26. Dezember vorbei. Silvester kann kommen. Da kann die Kirche so viel reden, wie sie will! Was glauben Sie denn?

In diesem Jahr aber ist alles anders. Corona sei Dank! Immerhin: Im Radio wird wieder „Last Christmas“ von Wham! gespielt. Es gibt halt auch in der Krise Kontinuitäten des Kitsches, die Halt geben. Das Land entdeckt seine christlichen Wurzeln wieder. Natürlich wird Weihnachten gefeiert. In den letzten Jahren ließ man ab dem dritten Advent in den Medien Psychologinnen und Familientherapeuten Ratschläge für ein friedliches Fest des Friedens erteilen. Auch das ist in diesem Jahr anders: Die Sehnsucht nach Familienbesuch stellt selbst die größten Krisen in den Schatten. Hurra, so locker war Weihnachten nie! Die Familie kann feiern. Gut verteilt kann man es da vom Heiligen Abend bis zum 2. Weihnachtstag auf 30 intensive Begegnungen bringen (Kinder unter 14 Jahren nicht mitgezählt!). Selbstredend halten alle Abstand, lüften und tragen bei Gänsebraten, Kartoffelsalat und Christstollen Maske. Alles safe, alles sicher! Glauben Sie das etwa nicht?

Ob diese Idee, den Leuten zu suggerieren, sie könnten unbeschwert Weihnachten feiern, wirklich gut ist? Die Empfehlungen, auch im weihnachtlichen Familienkreis den Hygieneschutz zu achten, sich möglichst vorher mindestens fünf Tage in Selbstquarantäne zu begeben und möglichst noch einen Test zu machen sind nämlich ebenso medizinisch sinnvoll wie weltfremd. Wer werden dann all diese Leute sein, die kurz vor Weihnachten noch für das Festessen einkaufen gehen? Oder soll man Weihnachten aus der Konserve leben? Mit Verlaub: Die Weihnachtsvorstellungen, die da die Runde machen, sind kitschiger denn je. Wenn das so weitergeht, dann wird „Last Christmas“ von Wham! eine geradezu prophetische Kraft entwickeln, wenn für viele, die alleine altersbedingt zur Risikogruppe gehören, diese Weihnachten im Familienkreis das letzte gewesen sein wird, weil Corona mitfeierte.

Am Donnerstag begann übrigens das jüdische Chanukka-Fest, das noch bis zum nächsten Freitag dauern wird. Ähnlich wie Weihnachten und doch anders wird auch dieses Fest intensiv in der Familie begangen. In einem Land, in dem immer wieder die jüdisch-christlichen Wurzeln beschworen werden, verwundert es schon sehr, welcher Eifer für weihnachtliche Lockerungen an den Tag gelegt wird, das jüdische Chanukka-Fest aber überhaupt nicht im Blick ist. Man sieht, wie vordergründig hier manche Lippenbekenntnisse sind. Dabei kann eine jüdische Weisheit in diesen Zeiten besonders hilfreich sein: „Das Volk Israel gleicht einem Boot. Wenn in den unteren Kabinen ein Loch ist, kann niemand sagen: ‚In meiner Kabine ist kein Loch!‘ Denn wenn ein Teil des Schiffes beschädigt ist, kann das gesamte Schiff sinken.“

Nicht alles, was erlaubt ist, nützt auch! – so lautet ein Rat des Paulus im 1. Korintherbrief. Weihnachten wird kommen. Aber feiern Sie es bitte so, dass wir nicht im nächsten Jahr mit Tränen „Stille Nacht“ zu singen, weil Plätze leer bleiben, sondern mit Oma und Opa dieses „Last Christmas“ im Radio anhören ... Ich hätte nie gedacht, dass dieses von Kitsch triefende Lied so abgründig ist.