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Lesung in Wuppertal: Auf der Suche nach einer Identität

Kultur : Lesung in Wuppertal: Auf der Suche nach einer Identität

Journalistin Mithu Sanyal besuchte das Café Ada.

Eigentlich leben gerade Veranstaltungen wie „Literatur auf der Insel“ vom direkten Kontakt zum Publikum, vom Austausch und Fragen der Besucher. Und diese fehlten auch im Ada, dafür wurde die Lesung für die Zuhörer zuhause live gestreamt. Und es fühlte sich super an, dass eine Veranstaltung, nach siebenmonatiger Pause, wieder stattfand. Die Gastgeber Ute Atzpodien und Thorsten Krug hatten als Gast Mithu Sanyal geladen, die mit ihrem Debütroman „Identitti“ eine neue Ausdrucksform gefunden hat.

Die Kulturwissenschaftlerin und Journalistin arbeitet auch zu den Themen Feminismus, Rassismus und Identitätspolitik. Die Suche nach Herkunft, Identität und Zugehörigkeit sind die zentralen Punkte ihres Romans. Sanyal, die Mutter aus Polen, der Vater aus Bengalen, findet: „Wir meinen niemals dasselbe, wenn wir über Identität reden.“ Aufgewachsen ist sie in den 1970er Jahren in einer Atmosphäre, die die Herkunft hinten anstellte, zum Teil versteckte. Ein Gefühl als „mixed race“ nirgendwo dazu zu gehören. Was ist Identität, wie finde ich meine Identität? In „Identitti“ hat die angesagte Professorin Saraswati für Postcolonial Studies an der Uni Düsseldorf bei ihrer geschummelt. Sie verdunkelte ihre Haut, gab vor, ein PoC (People of Colour) zu sein, eine Inderin und benannte sich nach der hinduistischen Göttin der Gelehrsamkeit. Debunking Saraswati: als sich herausstellt dass sie, die antirassistische Königin der Debatten über Identität eine weiße Intellektuelle ist, bricht für die Studentin Nivedita eine Welt zusammen. Aus ihrer Perspektive werden die folgenden Ereignisse erzählt. Sanyal vermischt gekonnt Fiktion und Fakten, so hat Nivedita wie sie eine polnische Mutter und einen indischen Vater.

Unter dem Pseudonym „Identitti“ betreibt Nivedita einen Blog und Social Media-Accounts, kommentiert Rassismus, Migrationsgeschichten, sexuelle Identitäten und identitätspolitische Debatten. „Die Beschäftigung mit Identitätspolitik steht erst am Anfang, wir reden noch gar nicht so lange darüber“, findet Sanyal. Die Vermischung der Kulturen führt zur Frage der Zugehörigkeit und postmigrantischen Debatten. So findet sich der Roman inmitten dem aktuellen Diskurs über Rassismus und Identitätspolitik.

Zuhörer ohne Vorkenntnisse
hatten es nicht immer leicht

Mit großem Engagement bestreitet Sanyal den Abend, liest einzelne Passagen aus ihrem Roman. Wie immer gut vorbereitet und in der Thematik drin waren Krug und Atzpodien, denn die Veranstaltung verlangte den Hörern viel Aufmerksamkeit ab. Ein komplexes und auch brandaktuelles Thema, behandelt auf hohem Niveau. Wer keine Hintergrundkenntnisse hatte - etwa darüber, dass die erwähnte amerikanische Bürgerrechtsaktivistin Rachel Dolezal sich als Schwarze ausgab, deren realen Fall Sanyal an die Uni Düsseldorf übertrug - konnte sich verlieren.

Spielerisch mit den Unterschieden umgehen, ist eine Zukunftsvision, die Sanyal gefällt. In der Identitätspolitik kann es viele Missverständnisse geben, doch sieht sie eine Entwicklung und führt als Beispiel die Rückgabe geraubter Kolonialgüter nach Namibia an. „Wir brauchen die Vergangenheit für die Zukunft.“

Der Roman „Identitti“ ist im Hanser Literaturverlag erschienen und kostet 22 Euro. Die nächster Veranstaltung „Literatur auf der Insel“ findet am 11. Juni mit Peter Weiss statt.