Konflikt im Tanztheater nicht nur zwischen Binder und Hesse

Tanztheater: So äußert sich der Geschäftsführer zum Konflikt mit der Ex-Intendantin

Im Streit um Adolphe Binders Intendanz am Pina Bausch Tanztheater äußert sich erstmals der Geschäftsführer.

Dirk Hesse hat geschwiegen, obwohl er öffentlich angegriffen und schuldig gesprochen wurde. Er schwieg, weil er sich in der Verantwortung sehe für die Menschen im Tanztheater, für das große Projekt Pina Bausch Zentrum, die Ruhe und Konsolidierung brauchen, keine Destabilisierung. „Wir haben nach den Sommerferien versucht, alles aus der Presse heraus zu halten“, sagt Hesse, seit mehr als sieben Jahren Geschäftsführer des Tanztheaters Pina Bausch. „Wir haben einen Coach geholt, der mit allen 55 Mitarbeitern arbeitet, damit die Compagnie wieder einen Zusammenhalt findet.“ Nach vier Terminen gebe es zarte Pflänzchen der Erholung, des Zusammenwachsens, die die Spaltungen langsam wieder schließen, die das Tanztheater im letzten Jahr erlitten habe. Denn, so Hesse, es gebe nicht nur eine Spaltung zwischen Intendantin und Geschäftsführer. Auch Stadtdirektor Johannes Slawig, der die Gesellschafterin des Tanztheaters vertritt, betont: „Wesentliche Klagegründe betreffen auch die zweite Ebene. Das ist nicht nur ein Konflikt Binder gegen Hesse oder Binder gegen Slawig.“

Wie konnte es soweit kommen?

Für die Zeit von Februar 2016 bis 30. April 2017 schloss Hesse für das Tanztheater mit Binder zunächst einen Werkvertrag zur Vorbereitung ihrer Intendanz, gefolgt vom Intendantenvertrag ab 1. Mai 2017. Hesse: „Die Leistungsstruktur war allen Beteiligten klar, auch, dass mit Adolphe Binder die Compagnie künstlerisch weiterentwickelt werden sollte. Wer dabei als Geschäftsführer im Handelsregister steht, war erst mal nicht entscheidend.“ Wichtig sei dagegen, dass „beide, Intendantin und Geschäftsführer, zusammen funktionieren müssen.“ Sie müssen nicht nur miteinander reden, sondern gemeinsam etwas schaffen. Die Intendanz müsse vom künstlerischen Projekt überzeugen, die Geschäftsführung für dessen Finanzierung sorgen. „Man stellt niemanden ein, um ihn nach einem Jahr wieder weg zu schicken.“

Adolphe Binder sieht das anders, wie sie in Reaktion auf ihre Kündigung im Juli in einem offenen Brief schrieb: „Der Geschäftsführer Dirk Hesse hat sich von Beginn an geweigert, die durch die Berufung einer Intendantin neugeschaffene künstlerische Leitung zu akzeptieren und diese transparent in die Entscheidungsprozesse mit einzubeziehen ... Meine Arbeit wurde laufend behindert, Auskünfte zum Etat sowie eine Kooperation wurden mir verweigert und ich wurde persönlich diffamiert und herabgesetzt.“ Sie habe sehr wohl einen Beitrag zur künstlerischen Weiterentwicklung des Tanztheaters geleistet, in der Hoffnung, dass dies objektiv bewertet werde, schrieb sie in einer Pressemitteilung im September und begründete damit ihre Ablehnung eines Güterichterverfahrens.

Wichtige Punkte der Entzweiung

Die Geschichte der Entzweiung ist reich an Vorwürfen, eine Chronologie stets unvollständig. Zu den Knackpunkten zählen sicherlich die Spielpläne.

Im Juni 2017 sei der Spielplan 17/18 bei der Veröffentlichung weder durchgeplant noch durchgerechnet gewesen. Die Finanzplanung habe er erst im Oktober 2017 dem Aufsichtsgremium vorstellen können. Die vor Binders Zeit erfolgten Setzungen für den Spielplan, wie zum Beispiel die zwölf Vorstellungen „Café Müller“ und „Das Frühlingsopfer“ in New York und Ottawa, hätten nicht gerade ihre Begeisterung erweckt. Zum Auftakt der Spielzeit wünschte sich Binder ein Spielzeitfest, das zwei Tage dauern sollte. Eine Konzeption sei sie jedoch schuldig geblieben. Zu wenig für eine gute Planung.

Der Spielplan 18/19 habe im Mai 2018 aus einer Ideensammlung bestanden, die technisch, organisatorisch und finanziell nicht umsetzbar sei, sagt Hesse. Binders Spielplan lese sich in Teilen wie ein Wunschzettel – mit einem Spielzeitfest ohne nähere Angaben, einer nicht näher bestimmten Foyerveranstaltung bei „Café Müller“ am 3. November, einer Inszenierung von „Café Müller“ als Drei-Generationen-Projekt. Außerdem habe es unter anderem Differenzen über die Aufführungen im Mai 2019 gegeben. Im Juni 2017 habe man die Bühnenbelegungszeiten in der Oper für 18/19 festlegen müssen. Danach seien für den Mai dreieinhalb Wochen geblockt worden, um das Stück „Macbeth“ zu proben und achtmal zu spielen. Ein Stück, das 29 Jahre nicht gespielt worden sei, unter anderem mit hohem Requisitenaufwand. Eine Herausforderung also. Binder habe in ihrem Grobentwurf aber zudem zwei Aufführungen von „Sweet Mambo“ in diesem Zeitraum unterbringen wollen sowie drei Vorstellungen „Como el musguito...“, Pina Bauschs letztem Stück, das entweder mit acht Gästen (Originalbesetzung) oder neuen Tänzern hätte besetzt werden müssen. Das aber habe die Probenzeit für „Macbeth“ immer mehr dahin schmelzen lassen. Außerdem seien nur noch vier Aufführungstermine geblieben. Eine Überforderung, so Hesse: „Ein künstlerischer und ökonomischer Wahnsinn. Wir haben die Verantwortung, das Werk von Pina Bausch und die zu schützen, die auf und hinter der Bühne stehen.“ Die Compagnie stehe für Exzellenz. „Es ist unser Job, diesen Ruf zu erhalten und zu polieren.“

Adolphe Binder hält dem entgegen, dass der Vorwurf, sie habe den Spielplan 18/19 nicht erstellt „schon deshalb absurd“ sei, „weil das Theater das von mir gemeinsam mit dem Repertoireteam und Mitarbeiter*innen sorgfältig erarbeitete Konzept in der gegenwärtigen Saison in Wuppertal und weltweit zur Aufführung bringt (so begründete sie in einer Pressemitteilung im September ihre Ablehnung eines Güterichterverfahrens).

Vergebliche Bemühung um Konfliktentschärfung

Der Versuch, über eine Mediation die Konflikte im Tanztheater zu lösen, scheiterte Anfang 2018 ergebnislos. Slawig betont, dass das Verfahren nicht wegen Hesse, sondern wegen der fehlenden Einsichtsfähigkeit Binders gescheitert sei. Konfliktgespräche mit ihr, die er nach Unterredungen mit Mitarbeitern geführt habe, hätten nicht weiter geführt. Als Hesse ihm dann auch noch vom fehlenden Spielplan 18/19 berichtet habe, habe er den Beirat informiert.

Die Mediatorin Anja Henke von „Carpe Viam“ sei überdies nicht wegen irgendwelcher Seilschaften vom Tanztheater beauftragt worden (wie unterstellt), sondern weil sie in einem städtischen Auftrag gute Arbeit geleistet habe.

Johannes Slawig bedauert die Entwicklung, hält sie für tragisch. Sieht seine Mitverantwortung darin, dass er lange geglaubt habe, „dass sich der Konflikt eingrenzen lässt, ein Modus Vivendi gefunden werden kann, jedenfalls mindestens bis nach den beiden Uraufführungen (die im Mai und Juni 2018 stattfanden, Red.)“. Im Nachhinein betrachtet, sei das vielleicht ein Fehler gewesen. Dirk Hesse sei schon damals skeptisch gewesen. Heute sehe er das anders, insofern sei auch die Kritik des Beirats berechtigt.

Im Frühjahr 2018 sprachen mehrere Mitarbeiter aus Administration und Technik bei Slawig vor. Ihnen sei der Leidensdruck anzusehen gewesen. Sie haben von ihren Schwierigkeiten berichtet und gesagt, ‚Wir können nicht mehr’. „Das ist für mich ganz klar Mobbing“. Nicht Adolphe Binder sei das Opfer, sondern sie habe die Arbeit untragbar gemacht. Es sei bewundernswert, dass die Aufführungen dennoch so perfekt gewesen seien.

Zu vielen Tänzerinnen und Tänzern habe sie vor allem deshalb ein weitgehend ungetrübtes Verhältnis, erklärt Hesse, weil sie mit ihnen wenig Tagesgeschäft hatte, keine Proben leitete und nicht inszenierte. Aus Hesses Sicht hat es auch unterschiedliche Auffassungen vom Miteinanderreden gegeben. Binder habe mit Kritik vernichtet. Bei Nachbesprechungen mit dem technischen Personal, bei denen Gäste der jeweiligen Produktionen anwesend waren, habe sie sich über die Leistungen von Mitarbeitern des Tanztheaters geringschätzig geäußert, die die neuen Produktionen mit mehr als vollem Einsatz betreut hätten.

Binder dagegen betont die gute Zusammenarbeit mit der Compagnie: „Seit meiner Berufung haben die Tänzer*innen, das Team und ich erfolgreich und mit großem Respekt füreinander zusammengearbeitet… Ich bin stolz darauf, dass es mir gelungen ist, gemeinsam mit der Tänzerschaft, dem Repertoireteam, den Probeleitern etc. eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich Führungskompetenz mit kreativer Teamarbeit verbunden hat.“ (wiederum in ihrem offenen Brief, Juli).

Ausblick

Er habe geschwiegen, auch weil er sich nicht provozieren lassen wolle und eine Erwiderung die nächste hervorrufe. Gesprochen werden muss und soll am 13. Dezember, wenn der Streit um die Kündigung der Intendantin in die nächste Runde geht. Öffentlich, wie es das Verfahrensrecht vorsieht. Die Klageerwiderung liegt dem Gericht seit Wochen vor. Darin auch Aussagen eines Zeugen, der sich zu den Mobbingvorwürfen aus Binders Göteborger Zeit äußert.

Dirk Hesse scheidet auf eigenen Wunsch Ende des Jahres aus dem Amt aus. Eine Entscheidung, die er schon nach den Sommerferien 2017 getroffen habe. Nicht erst in diesem Sommer. „Damals habe ich Herrn Slawig gesagt, dass ich meinen bis 31.12.2018 befristeten Vertrag nicht erneuern will.“

Am Donnerstag, 13. Dezember, treffen sich die Parteien erneut vor dem Arbeitsgericht.

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