Neuss: Viel Sanierungs-Aufwand am Blutturm

Neuss: Viel Sanierungs-Aufwand am Blutturm

Das Relikt des 13. Jahrhunderts war in schlimmem Zustand. Die Sanierung des Blutturms ist bald beendet.

Neuss. Er steht, markant und gar nicht weit vom Obertor und Windmühlenturm entfernt, dort, wo einst die Stadt zuende war. An der heutigen Promenadenstraße, am Stadtgarten, erhebt sich der Blutturm angebaut an ein Stück der alten Stadtmauer.

Genauer: der ältesten Mauer, die um 1200 erbaut wurde. Der Turm entstand kurz danach. Er ist der letzte seiner Art; ein Halbrundturm, von dem es einst 23 an der Stadtmauer gab. Unten Basalt, oben Tuff, ganz oben noch ein Backsteinaufsatz aus dem 15. Jahrhundert, in Kniehöhe drei Schießscharten.

Doch war dieses Zeugnis hochmittelalterlicher Stadtgeschichte vom Einsturz bedroht. Frühere Sanierungen hatten den Turm völlig unstabil gemacht. Jetzt wird umfassend und sachgerecht restauriert.

Der Turm besteht aus einem zweischaligen Mauerwerk, und die äußere Schicht hatte sich komplett vom inneren Teil gelöst. Eine komplizierte Konstruktion aus dem Hochmittelalter? Nein, die Stadtarchäologin Sabine Sauer ist sicher: "Die äußere Schale stammt keinesfalls aus dem Mittelalter, sie wurde wohl im 19. Jahrhundert vor das Mauerwerk gesetzt."

Auch eine Sanierung Ende der 80er Jahre, so erläutert es Heinz Brau von der Unteren Bau-Denkmalbehörde, sei aus heutiger Sicht nicht fachgerecht erfolgt. Sandstrahlverfahren und Hydrophobierung hätten Feuchtigkeit in die Zwischenräume gelangen lassen - mit fatalen Folgen.

Schon die Voruntersuchungen hatten den desolaten Zustand erkennen lassen, während der Sanierung wurden die Schäden immer augenfälliger. Schlimm sei es um den Turm bestellt gewesen, sagt Heinz Brau, bestätigt auch Bauleiterin Alexandra Bednarczyk vom Gebäudemanagement: Tuffsteine, die in der Hand zerbröselten, Basaltsteine im Inneren locker, die in der Neuzeit angelegte Treppenanlage auf Schutt gegründet.

Mit großem Aufwand sind die Mitarbeiter der Firma Schürholz und Schäfer nun schon mehr als einem halben Jahr bei der Arbeit, beraten auch vom Rheinischen Amt für Denkmalpflege.

So mancher Passant fragt sich, wann es denn nun endlich zuende gehen mag mit den Arbeiten. Gutes Wetter vorausgesetzt und ohne weitere "Überraschungen" werde man in zwei Monaten fertig sein, sagt Alexandra Bednarczyk. Derzeit wird an der Innenseite hin zur Promenadenstraße gearbeitet.

Warum das Relikt aus der Zeit, als Neuss auf dem Weg zur blühenden Handelsstadt war, nun gerade Blutturm heißt, ist unbekannt. Auch, seit wann sich dieser Name durchgesetzt hat.

Hans Günther Hüsch schreibt in seiner Dissertation, der Turm sei wohl nie Gefängnis oder Gerichtsstätte gewesen. Zur Bezeichnung hat er allenfalls eine Hypothese: Es seien erst in jüngste die Pfadfinder gewesen, die dort "blutige" Lieder gesungen hätten...

Der Name jedenfalls hat sich durchgesetzt und schreckt offensichtlich nicht ab: Gern haben kleine und große Turmfans das Angebot angenommen, dort Kindergeburtstag zu feiern. Das soll nach Fertigstellung der Arbeiten auch im neuen alten Blutturm wieder möglich sein.

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