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„Das Schlimmste war der bittere Hunger“

„Das Schlimmste war der bittere Hunger“

Wilhelm Zimmermanns aus Dormagen berichtet von seinen Erlebnissen in den rheinischen Gefangenenlagern.

Dormagen. "Wenn ich heute daran denke, dass wir uns damals als 16- und 17-Jährige freiwillig zum Dienst an der Front meldeten, erscheint mir das völlig unverständlich." Die Worte stammen vom Dormagener Wilhelm Zimmermanns.

Er war einer von vielen jungen Männern, die sich von einem hochdekorierten SS-Mann zum Dienst an der Front überzeugen ließen. Im Gespräch mit dem Filmemacher Egmont Worms gibt Zimmermanns einen Einblick, was er und seine Kameraden kurz vor Ende des Kriegs in den rheinischen Gefangenenlagern erlebten.

"Nach einer verlorenen Schlacht im Sauerland wurden wir von amerikanischen Soldaten, die mit dem Gewehr im Anschlag auf uns zukamen, entwaffnet und auf Lastwagen getrieben. Manchmal halfen sie mit Knüppeln nach, damit möglichst viele von uns auf den Ladeflächen Platz fanden", beginnt er seine Schilderung. Waghalsig sei die Fahrt ins unbekannte Gefangenenlager gewesen.

Nach einem zweitägigen Aufenthalt in einem Bunker bei Aachen seien die Gefangenen in das neu eingerichtete Kriegsgefangenenlager in Remagen gebracht worden. Dort musste auch das letzte Hab und Gut weggeworfen werden, "obwohl es kalt und regnerisch war", erinnert sich Zimmermanns. Unter der Decke eines Mitgefangenen, die sie über einen Granattrichter ausbreiteten, fanden sie ein wenig Schutz.

"Aber das Schlimmste war der bittere Hunger", weiß Wilhelm Zimmermanns noch heute. Wochenlang wateten sie oft mit nackten Füßen durch knöcheltiefen Schlamm. Für einen Schluck Wasser standen sie acht Stunden an, Essen gab es nur selten und oft waren es rohe Kartoffeln, die die Gefangenen über einem offenen Feuer zu garen versuchten. "Der Überlebenskampf im Lager war sehr ernst, man durfte nichts aus den Augen lassen", erinnert sich der 82-Jährige.

Krankheiten wie Ruhrdurchfall oder Krätze stand er durch, während neben ihm ein Kamerad nach dem anderen starb. Es sind schlimme Erinnerungen für Zimmermanns, die nur selten von positiven Eindrücken geprägt sind. So nennt er die Begegnung mit einem amerikanischen Arzt, der ihm Salben gegen die Krätze gab, oder mit einem jungen Captain, der ihm eine Hose zukommen ließ, als Lichtschimmer. Überleben und Flucht seien die einzigen Gedanken gewesen, die alle Gefangenen hatten. Die Nachricht, dass der Krieg vorbei sei, erreichte das Lager noch am 8. Mai 1945.

Ein Ende der Gefangenschaft bedeutete dies jedoch nicht. Auf den Aufenthalt bei Remagen folgte das Lager Wickrathberg und anschließend der Einsatz beim Bombenräumkommando in der Normandie. Wilhelm Zimmermanns überlebte auch diese Zeit und kehrte am 23.Januar 1946 nach Neuss zurück.

Auf verschiedenen Veteranentreffen arbeitet er seine Erinnerungen auf und erlebt dort intensive Anteilnahme. "Heute bin ich überzeugter Pazifist", sagt Zimmermanns.