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Julia Bleser aus Kempen berät zum Thema Eltern-Kind-Entfremdung

Interview : Wenn sich Familien fremd werden

Julia Bleser hat ein kostenloses Hilfsprojekt zu diesem Thema gegründet, das auf großes Interesse stößt.

Julia Bleser aus Kempen hat ein Projekt zum Thema Eltern-Kind-Entfremdung gegründet. Das Thema erforscht sie gerade in ihrer Masterarbeit. Da viele Eltern Beratungsbedarf haben, kam ihr der Gedanke, ein Projekt zu initiieren, um Eltern diese kostenlose Beratung deutschlandweit anzubieten.

An wen richtet sich der Verein konkret?

Bleser: An Eltern, die nach Scheidung oder Trennung Beratungsbedarf haben, wie sie bestmöglich den Umgang mit ihren Kindern regeln. Außerdem an Eltern, die entfremdet sind, also Thema Eltern-Kind-Entfremdung. Dann richtet sich der Verein auch an Kinder und Jugendliche ab 14 Jahren, die mit der Trennung oder Scheidung der Eltern nicht zurechtkommen und offen darüber sprechen möchten, und an Eltern, die noch zusammenleben, die aber merken, dass sie Konfliktpotenzial haben und präventiv etwas für sich tun wollen, zum Beispiel eine Mediation. Die können natürlich auch bei uns beraten werden. Als Paar hat man also auch die Chance zu lernen, wie ich anders kommunizieren kann, damit eine Konfliktsituation nicht eskaliert.

Wieso hat man den Verein gegründet?

Bleser: Weil der Beratungsbedarf enorm ist, was hochkonflikthafte Elternpaare angeht. Das ist in der Gesellschaft gar nicht so bekannt, aber die Eltern werden meistens zum Jugendamt und zur Beratung geschickt, und diese Leute beraten anders als wir, nicht so spezialisiert.

Inwiefern beraten Sie anders?

Bleser: Viele erkennen das Thema gar nicht, und da haben wir gemerkt, dass wir dort eine Lücke füllen können. Es ist auch ein finanzielles Problem. Viele Eltern können sich teure psychologische Beratung nicht leisten. Deswegen machen wir das gemeinnützig.

Wie hat man das auf die Beine gestellt? Die Beratung soll ja deutschlandweit angeboten werden.

Bleser: Alles ist online, wir sind sehr digital. Wir führen auch Online-Selbsthilfegruppen oder -Seminare durch, deswegen nutzen wir die Technik, die wir in unserem Unternehmen haben, auch für den Verein.

Wie viele Berater gibt es?

Bleser: Wir arbeiten im Moment zu zweit und suchen noch weitere. Wir haben schon zwei Kollegen, mit denen sich eine Zusammenarbeit anbieten würde. Mit sieben Menschen haben wir diesen Verein gegründet. Darunter ist auch eine Sprachtherapeutin, die auch gemeinnützig berät.

Wie wird das finanziell gestützt?

Bleser: Das Angebot ist kostenlos. Wir machen das über die Mitgliedsbeiträge. Gleichzeitig versuchen wir gerade, Spendengelder zu sammeln. Wir sind ganz gut vernetzt, und da haben sich schon einige angekündigt, die den Verein unterstützen wollen.

Wie stellt man sich eine solche Beratung organisatorisch vor?

Bleser: Wir haben die Elternsprechstunden online gestellt, die sind auch für Nicht-Mitglieder zugänglich. Wir haben angesichts Corona entschieden, dass wir einfach alle beraten, die Bedarf haben. An zwei ganzen Tagen sind wir dann mit dem Team verfügbar. Dann klickt man sich rein, und wir rufen zum Wunschtermin zurück. Es soll möglichst unbürokratisch und einfach laufen. Dienstags und donnerstags stehen wir für die Elternsprechstunde parat, und dann haben wir Selbsthilfegruppen, zu denen man sich online anmelden kann.

Wie geht man inhaltlich vor?

Bleser: Die Beratungen sind sehr unterschiedlich. Es ist kein Setting einer therapeutischen Sitzung, sondern es sind wirklich allgemeine Fragen. Viele Leute haben juristisch nicht viel Ahnung. Da berate ich ansatzweise und leite dann auch an eine Rechtsanwältin weiter, die sich auf Eltern-Kind-Entfremdung spezialisiert hat. Man gibt emotionalen Halt, relativiert, und mein Anliegen ist es, Konflikte durch meine Beratung zu entschärfen. Es geht also durchaus auch darum, Eltern, die sich als Opfer fühlen, darauf hinzuweisen, dass sie einen Beitrag geleistet haben und dass sie immer noch verantwortlich sind. Dass also diese wechselseitige Schuldzuweisung aufhört, ist mein Hauptanliegen.

Wie oft finden solche Beratungen mit den Hilfesuchenden statt?

Bleser: Die Elternsprechstunden werden ja an zwei Tagen angeboten. Sonst berate ich über das Unternehmen Bewusstseinswandel GmbH, das dahinter steht, jeden Tag Eltern. Wir bekommen ganz unterschiedlich viele Anfragen rein. Manchmal sind es acht am Tag, manchmal kommt nichts rein, dann arbeiten wir einfach alle ab. Bei dem Elternverein kann man sich einfach individuell immer wieder bei uns melden, kostenlos zu den Elternsprechstunden. Ansonsten sind wir auch ein Kooperationspartner als Unternehmen und bieten vergünstigte Sitzungen für die Mitglieder an. Es gibt also keinen konkreten Beratungsplan.

Wie läuft das Projekt bisher und wie läuft es jetzt in der Corona-Krise?

Bleser: Es ist ja sozusagen in der Corona-Krise gegründet worden und wir haben von anderen Vereinen und von Eltern bisher viel Zuspruch bekommen. Es ist von Vorteil, dass wir digital so breit aufgestellt sind. Auch die anderen Gruppen haben wir in den Online-Bereich verschoben, und die Eltern sind froh, dass man sich da treffen kann.

Merkt man aktuell in der Corona-Krise, in der alle Menschen möglichst zu Hause bleiben sollen, einen Unterschied in den Anfragen oder der Beratung im Vergleich zu vorher?

Bleser: Das habe ich mich auch schon gefragt. Also ich spüre bei einigen Eltern deutlich mehr Friedfertigkeit.
Ich glaube, man wird jetzt etwas demütiger und fragt sich, warum man sich jahrelang in Dinge so hinein gesteigert hat.