Handschriften aus Kempen sind Bestandteil eines neuen LVR-Werks

Kirchen-Historie : Ungeheurer Kempener Datenschatz

Handschriften aus dem Propsteiarchiv sind nun in einem 340 Seiten starken Werk erschienen.

Der „Schatz“ schlummerte unter einer mehrere Zentimeter dicken Staubschicht, erinnert sich Hanns Peter Neuheuser. Der damalige Propst Josef Reuter, selbst Historiker, hatte das Archiv der katholischen Propsteigemeinde St. Mariae Geburt auf dem Speicher des Pfarrhauses an der Judenstraße entdeckt und erkannte, dass er die Bearbeitung nicht allein stemmen könne. Der Kempener Geistliche wandte sich an den Landschaftsverband Rheinland (LVR), der ein Archivberatungs- und Fortbildungszentrum unterhält. Nichtstaatliche Archive können dort Hilfe erhalten.

Und die war in Kempen nötig. Die vielen Materialien mussten gesichtet und geordnet werden, erinnert sich Neuheuser, langjähriger Mitarbeiter der Archivberatungsstelle. Rund 1000 Urkunden und 8000 Akten gehörten dazu, die zeitgeschichtliche Sammlung mit Fotos oder Totenzetteln noch nicht mitgerechnet. Für die Pfarrgemeinden seien solche Archive zum einen ein großes Glück, zum anderen aber eine genauso große Herausforderung.

40 Jahre ist das nun her. Schon ein Jahr später wurden die herausragendsten Stücke in einer Ausstellung „Kostbarkeiten aus den rheinischen Archiven“ gezeigt. Doch die Arbeit ging auch in den folgenden Jahrzehnten für Neuheuser weiter. Ein Ergebnis der Arbeit ist ein Inventar der ältesten Handschriften des Propsteiarchives Kempen, das nun als 58. Band der vom LVR herausgegebenen Reihe „Inventare nichtstaatlicher Archive“ erschienen ist. Das Buch enthält Beschreibungen von 65 Objekten aus dem 10. bis zum 18. Jahrhundert. 56 der Handschriften stammen aus Kempen, neun aus auswärtigen Beständen, die aber einen Bezug zu Kempen haben. Einige Stücke sind im Zuge der Arbeiten restauriert worden.

Propst Eicker hebt die Bedeutung des Kempener Archivs hervor

Propst Thomas Eicker freute sich bei der Vorstellung über dieses neue Inventar, das die große Bedeutung des Propsteiarchivs zeige, und dankte den Beteiligten für die viele Arbeit und Mühe, die über viele Jahre dafür geleistet wurde.

Das 340 Seiten starke Buch mit dem schlichten grünen Einband ist wohl keine Lektüre, die auf vielen Gabentischen liegen wird. Von hinten bis vorne lesen wird es wohl niemand. Es sei eher wie ein Telefonbuch zu nutzen, so Neuheuser. Es wird Historikern bei ihrer Arbeit helfen, eine Übersicht geben, ihnen die Quellen zugänglich machen. Die verschiedenen Indizes ermöglichen es, anhand von Namen, Orten oder Schlagwörtern die passende Handschrift für den eigenen Forschungsbereich zu finden.

Für Historiker hat das Propsteiarchiv, das zu den ältesten am Niederrhein zählt, durchaus einen hohen Wert. Das erkennt man auch daran, dass sich bereits das zweite Buch der Reihe der LVR-Inventarbände mit den Kempener Materialien befasst – das kommt nicht häufig vor. Im ersten Band ging es um die Akten, in dem nun neu erschienenen Band um Handschriften.

Handschriften sind, wie es der Name schon sagt, von Hand geschriebene Bücher. Vor der Erfindung des Buchdrucks war dies die einzige Möglichkeit, etwas zu veröffentlichen. Einige der Handschriften sind nur noch als Fragmente vorhanden. Inhaltlich sei dies ein „großes Sammelsurium“, so Neuheuser. Ein Griff in die Praxis des damaligen Pfarrlebens. Das mache die Sache spannend, aber auch mühsam. Das älteste Stück aus dem 10. Jahrhundert ist ein kirchenrechtliches Dokument, das die Disziplin gegenüber dem Bischof konkretisiert. Heute in Stuttgart zu finden ist eine dreibändige Handschrift der „Vita Christi”, die wohl etwa zwischen 1430 und 1440 im Annenkloster in Kempen gefertigt und später dem Kölner Kurfürsten Maximilian Franz Erzherzog von Österreich geschenkt wurde. Ein Augenschmaus, so Neuheuser, ist das schön bebilderte Rechenbuch aus dem Jahr 1759, das wohl in Oedt entstand und mit dem Schüler früher rechnen lernen sollten.

Das nun vorliegende Inventar soll anderen Historikern diese Quellen zugänglich machen. So habe er schon Kontakt zu einem Fachmann für die Geschichte der Pädagogik, für den das alte Rechenbuch ein wertvolles Objekt ist. Den Historikern geben die Handschriften allerlei Aufschluss über die damaligen Beziehungen. Kempen gehörte immer wieder zu verschiedenen Provinzen. Vom Kempener Raum gab es ebenso Kontakte zur Benediktinerabtei St. Vitus in Mönchengladbach wie zu den Klarissen in Aachen. Personaldaten aus Anrath bis nach Xanten und Dinslaken finden sich im Kempener Archiv. Ein ungeheurer Datenschatz für den linken Niederrhein, so Neuheuser.

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